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Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. © 

Buchhandel

„Viele bitten auch: Lasst die Buchmesse unbedingt stattfinden“

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Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, spricht in der FR über die Corona-Nöte der Branche.

  • Die Corona-Krise trifft den Büchermarkt sehr.  
  • Forderungen nach der Frankfurter Buchmesse werden laut. 
  • Entscheidung fällt Ende Mai. 

Frau Schmidt-Friderichs, seit wenigen Tagen sind die Buchhandlungen in Deutschland wieder geöffnet. Wie sehr sind sie durch die Corona-Pandemie getroffen worden?

Die Corona-Krise trifft die Buchhandlungen hart, die Umsätze während der Schließungen sind um 30 bis 50 Prozent zurückgegangen. Nun läuft das Geschäft wieder an, aber eine Umsatzlücke bleibt. Ich bin allerdings begeistert über die Kreativität, mit der die Buchhändlerinnen und Buchhändler reagiert haben. Viele wandelten sich innerhalb von sehr kurzer Zeit in Lieferservices und Online-Versender.

Kleine, inhabergeführte Buchläden mit einem treuen Stammpublikum haben die Schließung offenbar besser bewältigt.

Ja. Dort haben die Stammkunden in großem Umfang weiter bestellt. Und es gab die tollsten Ideen, um den Verkauf weiter aufrecht zu erhalten. In einem Fall hat ein Buchhändler einen alten VW-Bus zur Abholstation für Bücher umgerüstet, der dann per Fernbedienung geöffnet werden konnte.

Buchmesse - Das Hörbuch gewinnt an Bedeutung

Sind Buchläden auf der Strecke geblieben?

Das lässt sich noch nicht überblicken. Die Krise hat auf jeden Fall alle der etwa 6000 Buchverkaufs-Stationen in Deutschland schwer getroffen. Ich habe aber auch die Hoffnung, dass die Menschen wirklich wach geworden sind und bemerkt haben, wie wichtig die Buchläden sind.

Die Zahl der Buchhandlungen schrumpft aber seit Jahren.

Das ist richtig. Wir haben aber noch immer ein weltweit vorbildliches Netz von Buchhandlungen in Deutschland. Ganz anders als in Flächenländern wie den USA, wo die E-Books eine weitaus größere Bedeutung gewonnen haben als in Deutschland. Hierzulande bleibt der Anteil der E-Books am Gesamtumsatz kontinuierlich unter zehn Prozent.

Ich kann mich noch an Frankfurter Buchmessen vor wenigen Jahren erinnern, als über das Ende des gedruckten Buches orakelt wurde.

Das ist aber nicht eingetreten, überhaupt nicht. Einen kontinuierlichen Zuwachs dagegen erlebt das Hörbuch.

Die Leipziger Buchmesse fiel aus - wie wird es in Frankfurt sein?

Viele Verlage kritisieren den Börsenverein scharf, weil er noch nicht entschieden hat, ob die Frankfurter Buchmesse 2020 stattfindet. Ich höre immer wieder, dass Verleger sagen, eine Buchmesse sei schon deshalb nicht sinnvoll, weil viele Unternehmen aus dem Ausland gar nicht kommen wollten oder könnten.

Wir werden natürlich mit Anrufen und E-Mails überhäuft. Wir beraten intensiv, in einem fort. Wir bekommen aber auch viele Nachrichten, die uns bitten und auffordern: Lasst die Buchmesse unbedingt stattfinden, wir brauchen sie auf jeden Fall! Sie müssen bedenken, was dies bisher für ein Jahr war: Die Leipziger Buchmesse ist ausgefallen, die Lit Cologne und das Berliner Literaturfest, die Buchmessen in London und Bologna sind gestrichen worden. Fast alle Plattformen, um neue Bücher vorzustellen und Aufmerksamkeit für Bücher zu schaffen, sind weggefallen. Das ist eine dramatische Situation.

Aber warum entscheidet der Börsenverein nicht?

Ich versichere Ihnen: Wir treffen diese Entscheidung nach sorgfältigem Abwägen. Aber es gibt einen wahnsinnigen Durst nach der Buchmesse. Viele Marktteilnehmer wollen sie.

Wann fällt eine Entscheidung?

Wir werden Ende Mai entscheiden. Klar ist natürlich schon jetzt: Die übliche drangvolle Enge in den Messehallen wird es nicht geben. Aber ein Szenario, das wir prüfen, sind breitere Gänge mit weniger Ständen. Wir sind bestrebt, vieles ins Digitale zu verlagern. So wird ein Teil des Rechtehandels sicherlich im Internet abgewickelt werden. Aber auch hier gibt es Messeteilnehmer, die uns sagen: Wir brauchen die Buchmesse, weil man dort Entdeckungen machen kann.

Zur Person

Karin Schmidt-Friderichs , Jahrgang 1960, studierte in Stuttgart Architektur. Seit 1992 leitet sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Bertram Schmidt-Friderichs den Verlag Hermann Schmidt in Mainz, einen Fachverlag für Typografie und Grafikdesign.

Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ist Schmidt-Friderichs seit Ende Oktober 2019.

Kanada, Ehrengast der diesjährigen Buchmesse, musste die Veranstaltungen im Rahmenprogramm absagen. Könnte man nicht die Gastländer um ein Jahr verschieben, auch mit Blick darauf, dass Ehrengast 2021 Spanien sein soll, das von Corona besonders betroffen ist?

Wir sind mit allen Gastländern intensiv im Gespräch. Einer Verlegung müssten natürlich alle Gastländer zustimmen, die bereits feststehen. Und wir wissen nicht, ob es ein Jahr später noch das Geld für den Auftritt gibt.

Wie ist die Situation der Verlage? Viele verlagern ihre Frühjahrsbücher in den Herbst und die Herbsttitel ins nächste Jahr.

Die Verlage sind unterschiedlich durch die Corona-Pandemie getroffen worden. Ganz furchtbar dran sind natürlich die Reisebuch-Verlage. Profitiert haben die Kinderbücher, weil die Kinder, die zuhause bleiben mussten, Lesestoff brauchten. Auch bei der Belletristik sieht es nicht so schlecht aus.

Werden Verlage auf der Strecke bleiben?

Ich kenne Verlage, bei denen es ganz eng ist, die ums Überleben kämpfen. Die entscheidende Frage ist, wie lange die Corona-Pandemie nachwirkt. Im Augenblick ist das Konsumklima schlecht. Wie lange werden die Menschen brauchen, bis sie zum alten Kaufverhalten zurückfinden? Etliche Verlage befinden sich in Kurzarbeit. Die Unternehmen waren zum Teil schon in einer schwierigen Lage. 2016 entschied der BGH, dass Verlage keine Einnahmen mehr von der VG Wort erhalten und Einnahmen zurückzahlen müssen. 2019 meldete der große Zwischenbuchhändler KNV Insolvenz an. Auch wenn er inzwischen gerettet ist, war das ein Einschnitt. Den Verlagen wurde also zweimal in die Kniekehlen getreten.

Buchbranche ist weiblicher als andere Branchen

Sie waren ursprünglich Architektin. Wie kamen Sie in die Verlagsbranche?

Die Liebe zum Buch kam durch die Liebe zum Mann. Mein Mann hatte eine Druckerei übernommen und wir haben dann einen kleinen Verlag gegründet, mit der Zielgruppe der Kreativen aus dem Bereich Graphik-Design. Ich bin also eine klassische Quereinsteigerin, war 1992 zum ersten Mal auf der Buchmesse, aber das ist in unserer Branche sehr häufig.

Wie schwer haben Sie es als Frau an der Spitze des Börsenvereins?

Ich bin tatsächlich erst die zweite Vorsteherin in der langen Geschichte des Börsenvereins. Aber unsere Branche ist weiblicher als andere Branchen. Es gibt zum Glück schon viele tolle Verlegerinnen.

Ist MeToo, ist frauenfeindliches Verhalten in der Branche ein Thema?

Nun, ich kenne noch ein paar alte Verlags-Patriarchen, bei denen ich nicht die Hand dafür ins Feuer legen würde, dass es keine frauenfeindlichen Sprüche gegeben hat. Aber Übergriffe sind mir keine bekannt. In den Verlagen finden sich viele emanzipierte Männer. Dennoch ist es auch in der Buchbranche wichtig, weiter an mehr Geschlechtergerechtigkeit zu arbeiten.

Börsenverein spiegelt die Entwicklung unserer Gesellschaft

Der Börsenverein, der früher sehr hermetisch und abgeschottet war, hat sich in den zurückliegenden Jahren geöffnet und ist politischer geworden. Sie machen heute Kampagnen für Meinungsfreiheit.

Der Börsenverein ist heute in der Tat ein ganz anderer Verband als früher. Der Börsenverein spiegelt die Entwicklung unserer Gesellschaft. Der Kampf für die Menschenrechte, für die Freiheit des Wortes ist immer wichtiger geworden. Wir haben leider immer mehr autoritäre Politiker und Staaten, denken Sie an Präsident Trump in den USA oder Ministerpräsident Orbán in Ungarn. Meinungsfreiheit ist die Grundlage unserer Arbeit als Verlage und Buchhandlungen. In der nächsten Woche tagt wieder die Jury, die den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels vergibt.

Wird es die traditionelle Preisverleihung in der Paulskirche geben können?

Wir möchten natürlich wahnsinnig gerne in die Paulskirche und nach den Gesprächen, die ich mit der Stadt geführt habe, sieht es auch gut aus. Notfalls würden wir die Verleihung auch ohne Publikum ausstrahlen. Ich versichere Ihnen: Es wird eine Preisverleihung geben!

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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