1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Cormac McCarthy: „Der Passagier“ und „Stella Maris“ - Von Grab zu Grab

Erstellt:

Von: Claus-Jürgen Göpfert

Kommentare

Magie der USA: Kostümierter in New Orleans. Foto: Chris Graythen/afp
Magie der USA: Kostümierter in New Orleans. Foto: Chris Graythen/afp © afp

Mit „Der Passagier“ und „Stella Maris“ formuliert der große US-Autor Cormac McCarthy sein literarisches Vermächtnis – pessimistisch und poetisch

Viele fürchteten, er sei für immer verstummt. Er schreibe nicht mehr. 16 Jahre sind vergangen, seit Cormac McCarthy, der Solitär der US-Literatur, sein düsteres Weltende-Szenario „Die Straße“ veröffentlicht hatte.

Doch nun, kein Jahr mehr vor seinem 90. Geburtstag, legt der Schriftsteller gleich zwei Arbeiten vor. Sie sind eng miteinander verflochten, beziehen sich aufeinander. Mehr als 750 Seiten umfasst dieses Alterswerk, bestehend aus den Romanen „Der Passagier“ und „Stella Maris“. Noch einmal eine große Anstrengung, noch einmal die Sprache, die karg und kraftvoll zugleich, mit wenigen Pinselstrichen, mit Dialogen wie Nadelstichen, eine melancholische Welt aus Worten schaffen kann.

Zugleich ein ungewöhnliches literarisches Experiment, diese beiden Bücher, die man tatsächlich parallel lesen sollte. Die Geschwister Bobby und Alicia Western sind die Hauptfiguren, in einer unheilvollen, leidenschaftlichen Liebe miteinander verbunden, die nie ausgelebt wird. Im „Passagier“ folgen wir dem Überlebenskampf des Rettungstauchers Bobby, der nach einem Flugzeugabsturz vor der Küste von New Orleans plötzlich unnachgiebig von anonymen Agenten des Staates bedrängt und verfolgt wird. Ein Passagier hat offenbar das Unglück überlebt, ein Koffer fehlt. Eine Atmosphäre von Bedrohung und Ausgeliefertsein entsteht.

Wie stets bei McCarthy verschränken sich mehrere Ebenen des Erzählens. Da ist eine politische, die alle großen Traumata der jüngeren US-Geschichte verhandelt. Die Entwicklung, vor allem aber die Anwendung der ersten Atombombe. Der Vater von Alicia und Bobby gehört zu dem Forscherteam, das, kaserniert in der Wüste, die tödliche Waffe entwickelt. Und Schuld auf sich lädt. Später besichtigt der Vater die Folgen seines Tuns: „Er sagte, alles sei rostbraun gewesen. Alles habe ausgesehen wie verrostet. Auf den Straßen standen ausgebrannte Gerippe von Straßenbahnwaggons. Das Glas aus den Fensterrahmen geschmolzen und auf den Ziegeln zu Lachen zusammengelaufen. Auf der geschwärzten Federung sitzend die verkohlten Skelette der Fahrgäste, Kleidung und Haar verschwunden, die Knochen mit geschwärzten Fleischfetzen behängt. Die Augen aus den Höhlen herausgekocht. Lippen und Nasen weggebrannt. So saßen sie lachend auf ihren Plätzen.“

Das ist es, womit alle rechnen müssen, die McCarthy lesen. Was der Mensch dem Menschen antut: Das ist, wie stets, die zweite, die poetische Ebene des Erzählens. Politisch geht es im „Passagier“ als nächstes um die Ermordung von Präsident John F. Kennedy 1963 in Dallas. McCarthy lässt keinen Zweifel daran, dass diese Tat für ihn das Resultat einer Mafia-Verschwörung ist, er beschreibt sogar präzise die Tatwaffe, ein „Hochleistungs-Jagdgewehr“, möglicherweise eine „Holland&Holland.300 Magnum“ (dieses Gewehr, 1925 zuerst gebaut, gibt es natürlich). McCarthys ganze Verachtung trifft im Übrigen den „Mafia-Zuhälter Sinatra“.

Als drittes Trauma der USA, als dritte Schuld, scheint der Vietnam-Krieg auf. Freunde von Bobby Western haben an diesem blutigen Gemetzel teilgenommen, das in kurzen Szenen heraufbeschworen wird. Als Teil eines Geschehens, das für Bobby immer auswegloser erscheint.

Zu den Büchern

Cormac McCarthy: Der Passagier. Roman. A. d. Engl. v. Nikolaus Stingl. Rowohlt, Hamburg 2022. 528 S., 28 Euro.

Cormac McCarthy: Stella Maris. Roman. A. d. Engl. v. Dirk van Gunsteren. Rowohlt, Hamburg 2022. 240 S., 24 Euro.

Es gehört zu diesem Alterswerk, dass der Autor kulturpessimistische, zivilisationskritische Seitenhiebe austeilt. Da sind die Bücher, die langsam an Bedeutung verlieren. Wenn man dieselben Bücher gelesen habe, dann binde einen das stärker aneinander als Blutsverwandtschaft, sagt Westerns Freund Sheddan. Und da ist natürlich das alte New Orleans der Bars und Kneipen, das Bobby so liebt, das aber unaufhaltsam verschwindet, während es in den Straßen von Touristengruppen wimmelt, einer „Bande von Psychopathen“.

Was vermag überhaupt noch Trost zu spenden? An dieser Stelle muss von der dritten Ebene die Rede sein, die bei McCarthy die entscheidende Rolle spielt, seit er im Jahre 1965 mit „The Orchand Keeper“ (deutsch: Der Feldhüter) die literarische Bühne betrat. Es ist die Natur, die als archaische, unüberwindbare Kraft heraufbeschworen wird. Und die der Mensch zwar herausfordert, ja auch mutwillig zerstört – aber am Ende überlebt die Natur. Und in ihrer Beschreibung entfaltet der Schriftsteller seine größte Fertigkeit. Etwa in der „Border-Trilogie“ der 90er Jahre, aber auch in seinem (durch die Verfilmung bekanntesten) Werk „No Country for Old Men“, „Kein Land für alte Männer“ (2005).

Zum ersten Mal gewinnt in dieser Männer-Welt zudem eine Frau großes Gewicht. Es ist Alicia, die Schwester Bobbys. Sie ist eine Hochbegabte, die sich schon früh in das Universum der Mathematik einspinnt, die Geige spielt. Im Alter von zwölf Jahren wird sie zum ersten Mal von ihren Dämonen heimgesucht, die ein missgestalteter Zwerg anführt. Kursiv gedruckte Passagen im „Passagier“ beschreiben diese Kämpfe.

Und „Alicia“ ist der zweite Roman „Stella Maris“ gewidmet. Es ist der Name einer psychiatrischen Klinik, in der sie lebt und sich am Ende umbringen wird. Das zweite Buch gibt die Gespräche von Alicia mit ihrem Psychotherapeuten wieder. Hier lässt McCarthy seiner Faszination für Mathematik freien Lauf, eine „Liste der Helden“ taucht auf, mit Namen von Cantor bis Gauß.

Alicia glaubt, dass Bobby einen schweren Unfall bei einem Autorennen in Italien nicht überlebt hat. Sie liebt ihren Bruder abgöttisch, möchte ihn heiraten, möchte mit ihm schlafen. Bobby, ganz der konservative weiße Mann, schreckt vor dieser Sünde zurück. Außer scheuen Küssen erlaubt der Autor den beiden nichts. In der Figur der Alicia bündelt er alle Frauen, die von der Norm der bürgerlichen Gesellschaft abweichen. Alicia macht sich keine Illusionen: „Wir wissen, dass Frauen als Hexen verurteilt wurden, weil sie psychisch instabil waren, aber niemand denkt an die Frauen – so wenige es auch gewesen sein mögen –, die gesteinigt wurden, weil sie intelligent waren. Dass man mich nicht in einem Verlies angekettet oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt hat, ist kein Beweis für unsere größere Zivilisiertheit, sondern für unseren größeren Skeptizismus.“

Mit diesen beiden Romanen hat Cormac McCarthy sein Vermächtnis formuliert. Er schert sich nicht um literarische Moden, das hat er nie getan. Er bleibt seiner kritischen Sicht auf unsere Spezies treu: „Die Zeitalter der Menschen ziehen sich von Grab zu Grab.“ Keiner kann das besser illustrieren als dieser Schriftsteller.

Auch interessant

Kommentare