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Auch jungen Dolfins bereiten viele Dinge Vergnügen. In "Planet Magnon" von Leif Randt kann man nähere Bekanntschaft mit ihnen machen. Aber nicht zu nah.
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Auch jungen Dolfins bereiten viele Dinge Vergnügen. In "Planet Magnon" von Leif Randt kann man nähere Bekanntschaft mit ihnen machen. Aber nicht zu nah.

Leif Randt „Planet Magnon“

Cooler ambivalent sein

Und wenn die Zukunft gar nicht so schlimm ist? Und wenn sie aber auch nicht einfach schön ist? Und wenn wir alle Drogen nehmen und uns nicht schlecht dabei fühlen? Der Schriftsteller Leif Randt legt den perfekten Science-Fiction-Roman „Planet Magnon“ vor und führt in die Welt eines postpragmatischen Schwebezustandes.

Was aber, wenn die Zeiten zukünftig recht friedlich, schick und lässig wären? Wenn ein von allen akzeptierter (nicht verehrter!) Computer unter Auswertung von Statistiken und Meinungen die politische Steuerung sowie die Geldverteilung übernähme (von 79 Prozent des Geldes, mehr dann auch wieder nicht!)? Wenn man vielem ambivalent gegenüberstünde, aber das wäre auch okay? Und wenn es aber auch nicht so schlimm wäre, wenn es anders käme? Weil das meiste toleriert, ermöglicht, thematisiert würde, auch die „dunkle Seite“ in jedem einzelnen, „zwecklos, das abzustreiten“.

Zu den fulminanten Science-Fiction-Romanen der vergangenen Jahre, Reinhard Jirgls ?Nichts von euch auf Erden?, Georg Kleins ?Die Zukunft des Mars?, kommt also nun ein weiterer. Auch mit Blick auf „Planet Magnon“, den dritten Roman des 1983 geborenen Leif Randt, kann man fragen, ob er nicht am Ende mehr über uns erzählt als über die, die kommen könnten. Im Vordergrund steht aber auch hier, wie klug und wie zu ende gedacht diese Geschichte ist. Und wie perfekt Randt die Sprache dafür einsetzt. Die nüchterne, glatte, dabei aufmerksame, auf Ehrlichkeit bedachte, „durchlässige“ Sprache eines „Dolfin“, wie die Leserin bald respektvoll und ihrerseits natürlich ambivalent begreift.

„Planet Magnon“ spielt im Jahre 48 n. AS. Unsere Zeitrechnung wird dazu in kein Verhältnis mehr gesetzt, ohnehin bewohnt die Menschheit ein anderes Sonnensystem. Via Shuttle bewegt man sich komfortabel zwischen dessen sechs Planeten. Klimatische Unwirtlichkeiten sind ebenso unter Kontrolle wie, siehe oben, die Politik. Es lebt sich nicht unangenehm, wenn der Computer Actualsanity die Dinge regelt. Mit der Frage der absoluten Kontrolle geht „Planet Magnon“ entspannt um. Der Mensch hat dank AS Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Er hat die individuellen Freiheiten einer postnationalen und postethnischen, restlos säkularisierten, dabei psychologisch aufgeklärten Gemeinschaft. Dass der Tod nicht mehr beim Namen genannt wird, gehört zu den Euphemismen, die Randt mit einiger Ironie einbaut. Man „verlässt unser Planetensystem“, wie im Western einst die ewigen Jagdgründe aufgesucht wurden. Auch ohne Gott bleibt der Mensch Romantiker.

Gut auszusehen ist aber gut

Viele haben sich Kollektiven angeschlossen, Gruppen, die durch Selbstdefinition ihrer Mitglieder zueinanderkommen. Die „Dolfins“, zu denen der Erzähler gehört, sind besonders cool, gerade weil Coolness ihnen nicht wichtig ist. Gutes Aussehen und ausgesuchte Kleidung aber schon. Außerdem: ein „postpragmatischer Schwebezustand“. Andere Kollektive, glauben die Dolfins, „fürchteten sich vor unserer Flexibilität, unserer Eleganz und vor unserer Forschung“. Diese bezieht sich vor allem auf den Umgang mit Rauschmitteln. Dolfin-Mitglieder durchlaufen eine akademische Ausbildung, in deren Fortgang Experimente mit der „Flüssigkeit Magnon“ durchgeführt werden. Wenn es einmal nicht so gut läuft, und das kommt vor, wird ein „Clearing“ angeboten, eine Art Entgiftung, eventuell inklusive Hirnwäsche.

Auch die Dolfins wissen, dass das nicht alles ideal ist, darum gehören sie zu den „pragmatischen“ Kollektiven. Indem jede Art von Widerspruch, Widerstand immer bereits miteinbezogen wird, laufen sie aber ins freundlich Leere in dieser nicht gerade grauenhaften neuen Welt. Und unbekannt kommt einem das auch nicht vor. Abgeschafft erscheint neben der Armut die Gewalt. Zwar verübt eine mysteriöse Gruppe „der gebrochenen Herzen“ gegenwärtig Giftanschläge, aber AS und die Menschheit reagieren gelassen.

Der junge Erzähler Marten gilt als optimaler Dolfin: „Weil ich kein klares Profil hätte, würde ich den neuen Dolfin repräsentieren, den frei schwebenden, souverän tastenden Postpragmatiker.“ Erklärt ihm die Mitdolfin Emma, in die er vielleicht verliebt ist. Paarbeziehungen sind bei den Dolfins allerdings nicht vorgesehen.

Immer aber, wenn man denkt, jetzt fingen die Probleme an, hören sie schon wieder auf. Dolfins, die als Paar leben wollen, verlassen das Kollektiv. Niemand verübelt ihnen das. Marten und Emma hingegen reisen gemeinsam als „Spitzenfellows“ ihres Jahrgangs von Planet zu Planet, um neue Dolfins zu werben. Gelassenheit und Gewaltfreiheit bedeuten nicht das Ende eines ambitionierten Wettbewerbs.

„Planet Magnon“ steckt voller gescheiter und verrückter Einzelheiten. Marten verurteilt auch den Unsinn nicht, ebenso wenig Randt (auch wenn im Glossar hinten sämtlichen Kollektiven „Verlogenheit“ nachgesagt wird). Der Roman hält sich in dem interessierten, unhektischen Schwebezustand, den die Dolfins anstreben. Mit allen Konsequenzen. Im Vorgängerbuch ?Schimmernder Dunst über Coby County? (2011 im Berlin Verlag erschienen) klang das schon alles an. „Coby“ treffen wir jetzt als eines der mittlerweile untergangenen Kollektive wieder. Trends kommen und gehen, nicht immer wird es schlimmer.

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