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Coole Kerle

Subkultur im Zeichen des Pflastersteins: Autonome analysieren ihre Geschichte

Von Gottfried Oy

In Zeiten hemmungsloser Retrokultur, die als modisches Zitat auf alles zurückgreift, was nicht niet- und nagelfest ist, ist es allemal angebracht, die Aufarbeitung der eigenen Geschichte selbst in die Hand zu nehmen, bevor man sie im Schaufenster von H&M oder auf den Seminarplänen ehrgeiziger Nachwuchsdozenten wiederfindet. Nachdem über die kulturelle Avantgarde des Punk und New Wave der 1970er und 1980er Jahre viel geschrieben wurde, melden sich nun die aus der politischen Schmuddelecke zu Wort. Autonome in Bewegung ist eine Art Selbstversuch in Sachen Geschichtsschreibung, der Ansprüche auf die Definitionsmacht über die politische Geschichte der Autonomen erhebt.

"Grauwacke" heißt das Material, aus dem Pflastersteine gemacht werden. "AG Grauwacke" nennt sich das Berliner Autorenkollektiv, den Mythos vom autonomen Krawalldemonstranten aufgreifend. Die Autoren halten sich nicht lange mit den politischen Vorläufern wie der "Autonomia" in Italien oder den bundesdeutschen "Spontis" auf, denen zumindest das Verdienst zugesprochen werden kann, den Dogmatismus der marxistischen Linken durchbrochen zu haben. Sondern sie beginnen mit dem ersten Auftritt der Autonomen in den Massenmedien: Am 6. Mai 1980 droht ein öffentliches Rekrutengelöbnis der Bundeswehr im Bremer Weserstadion wegen massiver militanter Proteste zu scheitern. Der "Schwarze Block" wird schon bald darauf zum feststehenden Begriff, nachdem die Staatsanwaltschaft Frankfurt im Zuge der militanten Proteste gegen die Startbahn West wegen "Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung Schwarzer Block" ermittelt.

Qua medialer Fremdzuschreibung, die nur allzu gerne zur Selbstzuschreibung umdefiniert wird, werden von da an zumeist lokal agierende Kleingruppen, die sich durch ein undogmatisches, am Alltag der Beteiligten orientiertes Politikverständnis auszeichnen, zu einer homogenen Bewegung stilisiert, die allerdings bei näherer Betrachtung "keine verbindende Strategie, keinen politischen roten Faden" aufweist. Verbindend ist lediglich die Ablehnung der bundesdeutschen Normalität wie der etablierten "Alternativ-Szene" der 68er, sowie eine Affinität zu anarchistischen Konzepten.

Die ersten Jahre dieser neuen Bewegung sind maßgeblich durch Hausbesetzungen, den Protest gegen den Bau von Atomkraftwerken, den Auseinandersetzungen um den Ausbau des Frankfurter Flughafens und die Mitarbeit in der Friedensbewegung bestimmt. Insbesondere dort stößt der autonome Begriff von Militanz auf scharfe Ablehnung. Während sich die Mehrheit der Friedensfreunde an ausländischen Raketen auf deutschem Boden stört, kritisieren autonome Gruppen den Militarismus aus internationalistischer Perspektive. Zudem geben sie sich nicht mit der Symbolik pazifistischer Aktionen zufrieden, sondern setzen diesen politische Gewalt als Form der bewussten Eskalation von gesellschaftlichen Konflikten entgegen. Militanz wird zur "logischen Konsequenz" aus der repressiven Toleranz der "satten Wohlstandsgesellschaft".

Im Mittelpunkt steht aber auch immer wieder die solidarische Organisierung des Alltags jenseits von Lohnarbeit und Familie. Organisierte Kleinkriminalität dient der Befriedigung materieller Grundbedürfnisse. Kehrseite der Szenepolitik ist allerdings allzu oft eine rigide Bedürfniskritik, die eine monokulturelle, jugendkulturelle Lebensweise zur Folge hat. Kinder, Krankheit oder Alter sind nicht vorgesehen, wer den Verhaltenscodes nicht mehr entspricht, wird exkommuniziert. Allzu kommerzielle Shopping-Allüren, vermeintlich spießige Verhaltensweisen oder einfach nur ein Faible für die falsche Musik: Die Anlässe sind austauschbar. Feministinnen, die sich in antipatriarchaler Nestbeschmutzung üben, bleiben allzu oft missverstanden. Nur mühsam kann sich die Kritik am bürgerlich-männlichen Freiheitsbegriff der Autonomen durchsetzen. Das ikonografisch durch die Figur des "Streetfighters" verkörperte Ideal des selbstbestimmten Individuums war von hegemonialen Männlichkeitsbildern weit weniger entfernt, als es die jungen Männer der "Kiez-Miliz" gerne gehabt hätten.

Die 1990er Jahre zeichnen sich, den Autoren folgend, durch einen zunehmenden "Auffächerungsprozess" aus: "Es wird noch schwieriger, auszumachen, was oder wer ?autonom' ist. Nebeneinander gibt es die neue Antifa-Bewegung, ?Traditions'-Autonome aus den 80ern, ?autonome KommunistInnen', neue autonome Subkulturen aus der 90er-BesetzerInnen-Bewegung oder den Wagenburgen und die Anfänge der radikalen ?Globalisierungsbewegung'." Nur am Rande allerdings fragen sich die Autoren, Aktivisten der ersten Stunde, inwieweit die aus den 1980er Jahren herübergerettete Vorstellung von Autonomie angesichts heutiger Verhältnisse überarbeitungsbedürftig ist. Eher bemühen sie sich, auch neuen Bewegungen das Label "autonom" zu verpassen, um die eigene Geschichte fortzuschreiben.

Der Verzicht auf theoretische Reflexion erschwert es zudem, gesellschaftliche Entwicklungen und Bewegungskonjunkturen in Beziehung zueinander zu setzen. Dabei ginge es nicht einmal um "soziologische Forschung" oder "akademisches Quellenstudium", von denen sich die Autoren zu recht abgrenzen, sondern um eine Philosophie der Praxis, zu der Autonome selbst viel beigetragen haben. Denn schließlich wurden hier noch vor Einführung des Etikett Political Correctness Diskussionen über rassistische Abschottungspolitik, deutsche Vergangenheitsbewältigung und antifeministischen Backlash entscheidende Debatten ausgefochten.

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