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Dirk Rehm, gezeichnet von Reprodukt-Künstler Mawil.
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Dirk Rehm, gezeichnet von Reprodukt-Künstler Mawil.

Reprodukt Verlag

„Comics für Erwachsene musste man wie die Stecknadel suchen“

  • VonMichael Schleicher
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Dirk Rehm über anhaltenden Perfektionismus, internationale Vorreiter und die Anfänge seines Verlags Reprodukt, der in diesem Jahr dreißig wird.

Herr Rehm, wie viel Wagemut gehörte vor 30 Jahren dazu, um in Deutschland einen Comic-Verlag zu gründen?

Weniger Wagemut als Idealismus. Ich habe mit relativ wenig Geld angefangen – damals waren das 20 000 Mark. Meine Idee war nicht, ein Verlagsimperium aufzubauen, sondern Bücher zu produzieren, die ich gerne machen wollte. Das waren zunächst nur ein oder zwei im Jahr. Es fing also langsam an, es war alles analog und hat Zeit gebraucht. Dahinter steckte eher Selbstverwirklichung als wirtschaftliches Denken.

Zudem wurde der Comic damals noch nicht als Kunst wahrgenommen – anders als etwa in Frankreich oder Belgien.

Stimmt. Zwar boomten in den Achtzigerjahren Comics auch in Deutschland, aber das waren vor allem frankobelgische Reihen wie „Asterix“ oder amerikanische Superheldengeschichten, die gut liefen. Comics für Erwachsene musste man wirklich wie die Stecknadel suchen. Da gab es nur die von der Edition Moderne (Schweizer Comicverlag, der 1981 gegründet wurde; Anm. d. Red.), die für mich Vorbild waren.

Liegt es auch an der Nazi-Herrschaft, dass Deutschland lange ein Comic-Entwicklungsland war? Viele Zeichner mussten fliehen oder wurden ermordet. Das führte zu einem Bruch, der viele Jahrzehnte nachwirkte.

Da ist etwas dran. Lyonel Feininger ist das berühmteste Beispiel. Aber bereits in den Jahrzehnten davor sind immer wieder Zeichner in die USA ausgewandert und haben dort für die Zeitungen gearbeitet – denken Sie an Rudolph Dirks (Als Siebenjähriger kam Dirks 1884 mit seiner Familie nach Chicago. 1897 erfand er die „Katzenjammer Kids“ – der Comicstrip wird bis heute fortgeführt; Anm. d. Red.). Leute wie er haben das Genre geprägt. Eine Entwicklung der Kunstform, wie sie in Frankreich oder Belgien zu erleben war, wurde bei uns in den Fünfziger- und Sechzigerjahren auch durch das Bildungssystem behindert. Comics galten einfach lange als „Schund“.

Sehen Sie sich als Pionier?

Das habe ich nie gedacht. Denn es gab international Vorreiter, etwa in den USA, von wo ich auch Zeichner übernommen habe. Bei uns gab es vor allem die Edition Moderne, geleitet von David Basler, die eine große Inspiration für mich war.

Was macht einen guten Comic aus?

Die Stimmigkeit zwischen Text und Bild. Ich mag es zum Beispiel nicht, wenn zu viel Text auf der Seite ist und die Aufmerksamkeit von den Zeichnungen abzieht. Die Geschichte sollte im Fluss sein. Sie sollte sequenziell erzählt werden und eine Dynamik haben. Außerdem sprechen mich räumliche Bilder an, die dreidimensional wirken. Und die Erzählung sollte nicht zu realistisch umgesetzt sein. Je realistischer die Umsetzung ist, desto schwieriger ist es, Comics zu lesen, finde ich. Denn dann geht das Dynamische, die Bewegung in den Zeichnungen verloren.

Zeichnen Sie selbst?

Als ich noch studiert habe. Ich war aber nie zufrieden – ich bin wohl zu perfektionistisch. Deshalb hat alles viel zu lange gedauert, sodass ich irgendwann abgebrochen habe. (Rehm lacht.) Da es damals nur wenige Comic-Verlage gab, dachte ich: Gehst du halt auf die andere Seite.

Zur Person

Dirk Rehm, 1963 in Lübeck geboren, hat visuelle Kommunikation an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg studiert. 1991 gründete er in Berlin den Verlag Reprodukt.

Reprodukt hat in Deutschland mit gestalterisch und erzählerisch gut gemachten Büchern inzwischen maßgeblich zur Weiterentwicklung der „grafischen Literatur“ beigetragen. Unter den Autoren und Autorinnen des Berliner Verlags sind heute etwa Daniel Clowes und Chris Ware aus den USA, Pénélope Bagieu und Guy Delisle aus Frankreich oder Aisha Franz, Anna Haifisch, Barbara Yelin, Arne Bellstorf und Lukas Jüliger aus Deutschland.

Im vergangenen Jahr bekam Reprodukt den K.-H. Zillmer-Verlegerpreis zugesprochen, dessen Preisgeld die Stifterin Petra Zillmer angesichts der Corona-Krise auf 20 000 Euro verdoppelt hat.

Nutzt Ihnen der Perfektionismus heute? Reprodukt-Bücher sind hochwertig und mit großer Detailliebe gestaltet ...

Meine Kollegen und ich sind Perfektionisten, und wir haben den Anspruch, jedes Buch so gut wie möglich zu gestalten. Und wir versuchen natürlich auch, die Vorstellungen der Autorinnen und Autoren umzusetzen, soweit das geht und bezahlbar ist. Wir schauen Papierproben an, diskutieren über das Layout, das Coverdesign. Darauf legen wir viel Wert und investieren daher auch Zeit.

Rechnet sich das?

Mittlerweile schon. Ich habe 20 Jahre lang unbezahlt für Reprodukt gearbeitet und mein Geld mit Lettering für andere Verlage verdient (Der Letterer kümmert sich um die Schriften in einem Comic; Anm. d. Red.). Erst seit 2010 zahle ich mir ein Gehalt – heute beschäftigt Reprodukt acht Angestellte.

Wie finden Sie neue Talente für Ihren Verlag? Oder suchen Sie gar nicht mehr – werden Sie gefunden?

Wir erhalten täglich Zusendungen via E-Mail. Normalerweise finden wir neue Zeichnerinnen und Zeichner aber auf den Comicmessen und Festivals: etwa beim Comicsalon in Erlangen oder beim Comicfest München. Wir sehen die Künstler mehrmals im Jahr, verfolgen deren Entwicklung – und im Idealfall kommt es zum Gespräch. Dabei können wir feststellen, ob die Chemie stimmt – schließlich muss jedem klar sein, dass man mit Comics nicht viel Geld verdienen kann.

Welchen Comic würden Sie einem Erwachsenen empfehlen, der noch nie einen gelesen hat?

Das kommt natürlich auf die jeweiligen Interessen an – das Spektrum ist breit. Ein Einsteigerbuch für viele Erstleser war 1986 „Maus“ von Art Spiegelman. Das ist nach wie vor ein relevantes Buch – heute vielleicht sogar noch mehr als bei seinem Erscheinen. „Persepolis“ von Marjane Satrapi, 2000 erschienen, ist sicher auch ein Buch, das viele Menschen dazu gebracht hat, das Medium Comic zu entdecken – und zu lieben.

Jetzt haben Sie zwei Bücher genannt, die nicht bei Ihnen erschienen sind. Das ist sehr fair – doch welchen Reprodukt-Band würden Sie einem Einsteiger, einer Einsteigerin empfehlen? Mein erster war in den Neunzigern „Ghost World“ von Daniel Clowes.

Das war eine sehr gute Wahl! Das Buch steht tatsächlich auch für unser Verlagsprogramm, durch das sich immer wieder solche Geschichten vom Erwachsenwerden ziehen. Ein gutes Einsteigerbuch. Ein anderes ist „Kinderland“ von Mawil über eine Kindheit in der DDR und während der Wendezeit. Das ist ein tolles Werk, um über witzige Geschichten Geschichte zu lernen.

Was wünschen Sie sich zum 30. von Reprodukt?

Dass noch mehr Leser den Comic für sich entdecken und sehen, wie toll dieses Medium ist.

Interview: Michael Schleicher

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