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Israelis / Palästinenser

Colum McCann: „Apeirogon“ – Vogelschwärme im Kopf

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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„Apeirogon“, Colum McCanns großer Roman über zwei Väter, die auf Rache verzichten.

Ein griechisches Wort als Titel eines Romans, der als Hauptfiguren einen Palästinenser und einen Israeli hat, wie seltsam. Noch dazu ein Begriff aus der Geometrie, den wohl nur ein Mathematiker auf Anhieb erklären kann, den eine Nichtmathematikerin hinnehmen muss, ohne ihn wirklich zu verstehen: „Apeirogon“, eine Form, deren Seiten sowohl zählbar sind als auch gegen unendlich gehen. Man versteht immerhin: Man muss lange zählen, sehr lange. Und dann noch länger. Und wenn es schlecht läuft, werden diejenigen, die auf ein friedliches Zusammenleben von Palästinensern und Israelis hoffen, ähnlich viel Geduld haben müssen wie jemand, der die Seiten eines Apeirogons zu zählen versucht.

Der irische Schriftsteller Colum McCann, der einen atemberaubenden Roman über den an Aids gestorbenen Tänzer Rudolf Nurejew geschrieben hat („Der Tänzer“), einen, in dem am Rand immer wieder Philippe Petit in New York auf seinem Seil tanzt („Die große Welt“), einen, der von den ersten Transatlantikfliegern Alcock und Brown erzählt („Transatlantik“), hat sich erneut für reale Figuren entschieden, sogar für noch lebende; er nimmt sich trotzdem alle – nötige – Freiheit, in ihre Gedanken und Gefühle zu schlüpfen. „Bassam und Rami“, schreibt McCann in einer Vorbemerkung, „(haben) mir erlaubt, frei mit ihren Worten und Lebensgeschichten umzugehen oder sie zu verändern.“ Wie großzügig. Wie weise.

Bassam Aramin und Rami Elhanan also, die zunächst nur verbindet, dass ihre Töchter getötet wurden. Abir Aramin war zehn, als sie von einem Gummigeschoss am Hinterkopf getroffen wurde, sie starb im Krankenhaus an Schädelblutungen, ein 18-jähriger, vielleicht panischer Soldat hatte geschossen. Wie grausam lange musste ihr Vater warten, bis die Ambulanz durch den Checkpoint gelassen wurde. Smadar Elhanan, 13, wurde von einem jungen Selbstmordattentäter in den Tod gerissen. Wie hoffen ihre Eltern, sie sei nicht unter den Opfern in der Ben-Yehuda-Fußgängerzone in Jerusalem, sie spaziere plötzlich zur Tür herein.

Colum McCann erzählt vom Schmerz, der unendlich ist wie die Seiten eines Apeirogons. Aber zugleich und in erster Linie erzählt er von zwei Männern, die Freunde und Friedenskämpfer wurden, die nicht Rache, sondern Versöhnung suchten. Und noch suchen, denn überall, wo man sie lässt, sprechen Bassam und Rami über Abir und Smadar, werben für Dialog, lassen sich beschimpfen und bedrohen. Als „Nestbeschmutzer“ gilt die Familie Elhanan. Smadars Mutter, die Universitätsdozentin, Autorin und Aktivistin Nurit Peled-Elhanan, erhält Vergewaltigungs- und Morddrohungen, wie man das bei Frauen gern macht.

Das Buch

Colum McCann: Apeirogon. Roman. A. d. Engl. v. Volker Oldenburg. Rowohlt, Hamburg 2020. 600 S., 25 Euro.

Mit Bedacht setzt McCann seine Mosaiksteine, zählt – wie soll man es nennen: Kapitelchen? – von 1 bis 500 und dann von 500 bis 1 wieder zurück. Unter manchen Zahlen steht nur ein einziger Satz, zum Beispiel „Bassam war im Gefängnis“. Rückwärts-Kapitelchen 11, kurz vor Schluss des Romans, zitiert den Komponisten Viktor Ullmann, der in Auschwitz ermordet wurde: „Das Geheimnis jedes Kunstwerks (…) sei die Bezwingung der Materie durch die Form.“

Die Leserin nimmt es als Hinweis darauf, dass und wie überlegt der irische Schriftsteller Kleinteiligkeit wählte, um seine Materie zu bezwingen. Es ist eine nur scheinbare, auch eine nur scheinbar irrlichternde Kleinteiligkeit, denn Steinchen setzt sich auf Steinchen, und Motive, die alles zusammenhalten, ziehen sich wie Fugen durch den Roman. Der sterbende François Mitterrand aß noch schnell ein paar Ortolane, seine Familie hörte unter seinen Zähnen die Knochen knacken? Was hat das zu tun mit …? Nun, die winzigen Vögelchen kehren wieder, wie überhaupt allerlei Vogelarten den Roman gleichsam durchqueren, denn kaum eine Gegend auf der Welt bietet eine so dicht beflogene Vogelzugroute. Und Abirs junge Schädelknochen können dem Gummigeschoss kaum mehr Widerstand leisten als die kleinen Ortolanköpfchen den Zähnen Mitterrands.

Einerseits hat sich Colum McCann bei seiner Recherche offenbar vom Zufall leiten lassen, landet bei John Cage und seiner musikalischen Aleatorik, landet beim Cage-Orgelprojekt in Halberstadt – und überhaupt spielt das Nachdenken über Zeit und Vergänglichkeit eine kontinuierliche Rolle. Alle diese Themen, Beobachtungen, Fakten und Fiktionen stupsen die Leserin einerseits nur an, huschen in einem Augenblick vorbei. Wecken andererseits Erinnerungen und Assoziationen, die im Kopf aufsteigen wie Vögelschwärme.

Und natürlich bezieht McCann Stellung im israelisch-palästinensischen Konflikt, das tut er ja schon durch die Auswahl seiner auch in der Realität um Versöhnung ringenden Figuren. Bassam Aramin und Rami Elhanan, der „Nestbeschmutzer“, halten es für unbedingt nötig, dass die so viele Menschen Tag für Tag demütigende Besatzung beendet wird, soll es jemals keine Gewalt mehr, soll es jemals keine durch israelische Soldaten oder palästinensische Attentäter getöteten Mädchen mehr geben. Mädchen, die Träume hatten, prima Schwimmerinnen waren, sich doch nur Süßigkeiten gekauft hatten und darum über die Straße liefen, als ein israelisches Militärfahrzeug mit einem überforderten 18-Jährigen am Gewehr um die Ecke kam.

Alles ist in dieser Welt mit allem verbunden: Dass McCann 1000 Kapitelchen schreibt, dass er die Dinge nebeneinander tupft und irgendwann verbindet, macht den Eindruck umso stärker. Aber auch die Achtung vor denjenigen, die sich dem „normalen“ Lauf entgegenstellen, die keine Rache fordern, die um eine bessere Zukunft ringen.

„Apeirogon“ ist ein politischer Roman. Aber so wunderbar passend ist die Form, ist auch die Sprache, die Colum McCann für seine Materie gefunden hat, dass es außerdem ein großer Roman ist.

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