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Eine Schafherde im französischen Massif Central.
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Eine Schafherde im französischen Massif Central.

Krimi

Colin Niel „Nur die Tiere“: Bauer sucht schon lang nicht mehr

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Von der Einsamkeit des Landlebens erzählt Colin Niels Kriminalroman „Nur die Tiere“.

Fünf Sozialarbeiterinnen für viertausend Bauern“, so beschreibt Alice ihren Job, denn sie ist eine der fünf, „wir fahren die Höfe der Gegend ab und treffen uns mit denen, die kaum noch jemand besucht, sagen ihnen Nein, ihr seid nicht alleine, ihr habt Rechte“. Joseph Bonnefille geht es nicht gut, seit seine Mutter starb; und er wäre nicht der erste Bauer, der sich das Leben nimmt. Alice hat plötzlich das Gefühl, sie müsse diesem einsam unter Tieren Hausenden nicht nur Rat anbieten, sondern ihn auch trösten – oder muss sie in Wahrheit sich selbst trösten, weil ihre Ehe kaputt geht, eigentlich bereits kaputt ist? Sie beginnt also eine Liebschaft mit Joseph, einem Schafzüchter vom Causse.

Colin Niels „Nur die Tiere“ ist insofern ein Kriminalroman, als eine Frau verschwindet, die reich verheiratete, immer schicke Evelyne Ducat. Kann sein, dass sie beim Spazierengehen verunglückt ist, der berüchtigte Tourmente schlug los an diesem 19. Januar. Kann sein, dass sie ermordet und versteckt wurde. Trotz des Wetters schickt die Polizei Suchtrupp um Suchtrupp in die Berge. Vergeblich.

Das Buch:

Nur die Tiere. Roman. A. d. Franz. v. Anne Thomas. Lenos, Basel 2021. 286 Seiten, 22 Euro.

Was nicht bedeutet, dass der 1976 in Clamart, südwestlich von Paris geborene Colin Niel der Leserin die Auflösung verweigert. Er umkreist das Geschehen, er trägt Details zusammen, indem er verschiedene Personen erzählen lässt. Jede und jeder weiß etwas, manchmal Entscheidendes. Aber der Polizei gegenüber halten alle ihren Mund. Es ist, als ob in dieser nicht eben dicht bevölkerten Gegend eine Art Schweigegelübde gilt – selbst dann, wenn man den Nachbarn nicht ausstehen kann.

„Nur die Tiere“ ist also ein veritabler Krimi, aber auch ein Roman, der drastisch vom Sich-Durchschlagen auf einem kleinen bäuerlichen Hof erzählt. Der auch von einer gewissen Verwahrlosung erzählt, da die Männer – es sind fast immer Männer –, das Essen nur noch aus Dosen löffeln, sich selten waschen. Eine Frau, die bereit ist, dieses Leben zu teilen, gibt es eh nicht, diese Hoffnung ist aufgegeben. Alice bemerkt freilich, dass Joseph sich für sie ein wenig herzurichten scheint. Aber dann schickt er sie eines Tages einfach weg. Es trifft sie mehr, als sie geglaubt hat.

Noch etwas anderes als das Verbrechen und den sozialen Realismus webt Colin Niel in seinen Roman: ein Nachdenken über das Geschichtenerzählen an sich, das Bedürfnis des Menschen nach einem Anfang, einem Ende, so etwas wie Folgerichtigkeit und Sinn. Seine diversen Ich-Erzählerinnen und -Erzähler (jede und jeder hat übrigens ihren und seinen eigenen Soziolekt, eine spezifische Ausdrucksweise) versuchen jeweils, die Ereignisse für sich selbst zu ordnen, einen Faden zu spinnen, Lücken zu füllen oder wenigstens zu benennen: Das weiß ich jetzt nicht, aber .... Sie suchen nach der Wahrheit, sie bemühen sich um eine Deutung des Verhaltens ihrer Partner, ihrer Mitmenschen. So ganz trauen darf man freilich keinem von ihnen, kann gut sein, dass sie sich in ein besseres Licht rücken wollen, auch vor sich selbst.

„Nur die Tiere“ ist von hoher Kunstfertigkeit – bis Colin Niel im vorletzten Kapitel den Schauplatz in die Elfenbeinküste verlegt und einen Internet-Abzocker namens Armand sprechen lässt. Da scheint dann bei diesem eleganten Autor das Bedürfnis zu überwiegen, auch noch die letzten Handlungsfädchen miteinander zu verknoten, die letzten offenen Fragen zu beantworten. Armand hat aus der Ferne – und ohne dass er sich je darüber Gedanken gemacht hätte – in das Leben einiger Menschen im französischen Zentralmassiv eingegriffen. Das ist durchaus ein Thema für einen Krimi, hier wirkt es allerdings in seiner beträchtlichen Ausführlichkeit wie ein zweiter kleiner Roman, der wie ein Fremdkörper in diesem steckt.

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