Romanfabrik

Clemens Meyer: Ein bisschen Trickserei...

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Der Schriftsteller Clemens Meyer auf dem „Corona Kanal“ der Frankfurter Romanfabrik.

Nein, sagt die Frau, die in der verqualmten Bahnhofsgaststätte unter dem Genuss alkoholischer Getränke gerade eine andere, gleichfalls schon ein wenig ältere kennenlernt, sie arbeite in ihrem Beruf als Friseuse nicht bei Supercut. Da arbeiten nur die jungen Dinger, und es gehe dort chaotisch zu; der Salon, in dem sie beschäftigt ist, sei sauber, ruhig und gut geführt.

Zuallererst, erläuterte der in Leipzig lebende Schriftsteller im unter „Corona Kanal“ firmierenden Livestream der Frankfurter Romanfabrik im Gespräch mit deren Leiter Michael Hohmann, sehe er seine Figuren als Menschen, mit ihren Hoffnungen, Träumen und Erinnerungen.

Die andere Frau in „Späte Ankunft“, einer auf großartige Weise eindrücklichen Erzählung aus „Die stillen Trabanten“, dem jüngsten Buch von Clemens Meyer, reinigt Personenwaggons bei der Bahn. Bis beinahe zum Ende rätselhaft bleibt die Rolle von zwei Kirschkernen, die die Zug-reinigerin mit sich führt. Spuren legen, sagt Meyer, darin bestehe das Geheimnis einer guten Kurzgeschichte. Das Unausgesprochene spiele eine große Rolle. Schlaglichter, kleine Flashs, Momentaufnahmen. „Das ist natürlich ein bisschen Trickserei, man muss es zugeben.“ Nicht gleich am Anfang alles sagen, derart lasse man den Figuren „eine Würde, die sie beim bloßen Naturalismus nicht kriegen“.

Das gilt nicht minder für „Die Rückkehr der Argonauten“, eine Geschichte um die verschwundene Welt des „Kohleviertels“ an der Ruhr, ohne sentimentalen Zug. Die Figuren, transferiert in einen Zustand des Mythologischen, würden vielmehr zu Sagen- und Märchengestalten. „Sie haben sich kaputtgesoffen und -geraucht, aber wahrscheinlich eine gute Zeit gehabt.“

Clemens Meyers forcierter Vortrag mit der markanten sächsisch-dialektalen Tönung entspricht kongenial einem literarischen Stil, der in einer Weise vom Rhythmus kurzer Sätze geprägt ist, die nicht nach Schreibstudium müffelt (auch wenn Meyer ein solches absolviert hat).

Offensichtlich ist bei Literaturveranstaltern die Onlineübertragung keineswegs schon gängige Praxis, nimmt man die Aussage Meyers, derzufolge es sich bei diesem Abend um den einzig verbliebenen einer Lesereise handelt. Er sei gegenwärtig auf die staatliche Nothilfe für die Kulturschaffenden angewiesen. Wenngleich er schreibe, habe sich die unter den Bedingungen eines vermehrten Zeitangebots womöglich zu erwartende große kreative Explosion mitnichten eingestellt. Vielmehr frage er sich, ob die Welt das gerade überhaupt brauche. „Aber das war ja schon immer so.“

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