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Die britische Autorin Claire Fuller. Adrian Harvey
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Die britische Autorin Claire Fuller. Adrian Harvey

„Unsere unendlichen Tage“

Claire Fuller „Unsere unendlichen Tage“: Sie träumt von Apfelkuchen und isst Larven

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Claire Fullers „Unsere unendlichen Tage“ erzählt von einem Mädchen und seinem Prepper-Vater.

Peggys Vater ist Mitglied der „North London Retreaters“. Es ist das Jahr 1976 und haarige, ernst dreinblickende Männer treffen sich regelmäßig bei James Hillcoat, weil sie die „verdammte Apokalypse“ erwarten: „den Russen“ und seine Atombomben, verseuchtes Grundwasser, womöglich auch marodierende Horden nach einer Weltwirtschaftskrise. Peggys Vater schreibt Listen, legt im Keller Vorräte an. Er zeltet mit seiner Tochter und zeigt ihr, wie man Eichhörnchen in Schlingen fängt und zubereitet, wie man Brennesseln trocknet und zu einem dünnen Seil dreht. Er drillt die Achtjährige wie beim Militär. Auf das Signal seiner Trillerpfeife hin muss sie in Minutenschnelle einen Rucksack packen und in den Keller rennen. Peggys Mutter Ute, eine deutsche Konzertpianistin und acht Jahre älter als ihr Mann, ignoriert James’ Seltsamkeiten, zuckt bloß die Schultern, geht auf wochenlange Konzertreisen.

Die 1967 in Oxfordshire geborene Claire Fuller legt in ihrem 2015 erschienenen Debütroman „Unsere unendlichen Tage“ einen Teil ihrer Karten sofort auf den Tisch – umso gespannter erwartet man das Aufdecken der anderen: Denn es spricht zuallererst die 17-jährige Peggy, 1985 ist sie wieder zu Hause in London bei ihrer Mutter – nach neun Jahren Abwesenheit. Auf einem alten Foto, findet sie, sieht ihr Vater so unschuldig aus, „dass er einfach schuldig gewesen sein muss“.

Schuldig welcher Dinge? Der Entführung seiner Tochter jedenfalls, wenn auch nicht mit Gewalt. Mit dem Versprechen ganz besonderer Ferien nimmt er sie mit nach Deutschland (es scheint sich um den Bayerischen Wald zu handeln), wandert mit ihr zu einer verfallenen, wohl seit Jahren unbewohnten Hütte jenseits eines Flusses, tief in der Einsamkeit. „Ich will nach Hause, Papa“, quengelt sie bald. Er sagt dem Kind, schwört sogar, die Mutter sei tot und die Welt untergegangen, außer ihr Tal und sie beide. Und sowieso sollten sie nicht nach den Regeln anderer leben, mit „einer Zeit zum Aufstehen, zum Kirchgang, für die Arbeit.“ Peggy kann sich nicht erinnern, „dass mein Vater jemals zur Kirche gegangen war. Oder zur Arbeit.“ Sie muss sich fügen, sie ist ein Kind. Immerhin bastelt er ihr ein „schönes, stilles Klavier“, mit Kieseln beschwerte Holztasten. Die Töne muss sie singen. Manchmal singen sie zu zweit.

Das Buch:

Claire Fuller : Unsere unendlichen Tage. Roman. A. d. Engl. von Susanne Höbel. Piper, München 2021. 320 S., 22 Euro.

Die von Susanne Höbel sensibel besorgte deutsche Übersetzung erscheint in einer Zeit, in der eine Pandemie das autarke, abgeschiedene Leben für manche Menschen umso reizvoller macht. Der Begriff „Prepper“ (von: to be prepared) hat sich für diejenigen eingebürgert, die sich wie James Hillcoat auf eine vermutete Katastrophe vorbereiten. Aber alle seine Kenntnisse genügen nicht, um zu verhindern, dass Peggy – er nennt sie inzwischen Punzel, als seien sie im Märchenland – und er im ersten Winter in der „Hutta“ fast verhungern. Sie sieht, wie die Haut schlaff an ihm herunterhängt, wie seine Mundwinkel aufgerissen sind, sie nimmt seinen säuerlichen, kranken Geruch wahr. Und isst in ihrer Not Larven, die an Heidekraut hängen.

„Unsere unendlichen Tage“ ist alles andere als ein Loblied auf ein Leben, das scheinbar in Genügsamkeit und im Einklang mit der Natur abläuft. James Hillcoat beginnt, während sein Magen gurgelt und ein Schneesturm durch das Tal peitscht, zu halluzinieren und Peggy mit Ute zu verwechseln. Immer öfter wird er sie Ute nennen. Peggy spricht mit ihrer Puppe Phyllis und träumt vom Apfelkuchen ihrer Mutter, „der so saftig und warm war“. Knapp überleben sie den Winter.

Claire Fuller rafft die folgenden Jahre, lässt Peggy-Punzel Stiefelspuren im Schnee entdecken und wegen eines eingeritzten Namens in der Hütte glauben, dass dieser andere Mensch im Tal Reuben heißt. Vor ihrem Vater hält sie das geheim. Streitet sich mit ihm um ein Fernglas, das ihr gehört, schließt daraus, dass ihr Vater lügt – wenn sie tatsächlich die einzigen Überlebenden wären, hätte er dann Angst, was oder wen sie durch das Fernglas sehen könnte? – und ist überrascht, „dass mein früheres Leben so leicht verschwinden konnte“. Ein Leben mit Musik und Apfelkuchen.

Am Ende ist sie eine junge Frau, die dieses frühere Leben wieder aufzunehmen versucht wie lose, durchscheinende Fäden. Ob das klappt, erfährt die Leserin nicht mehr.

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