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„Philosophisches Café“

Die Oberfläche einer überfälligen Debatte

  • Valerie Eiseler
    VonValerie Eiseler
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Tappen linke Gruppen in die gleichen Fallen wie rechte? Cinzia Sciuto warnt vor den Tücken des Multikulturalismus.

Wenn Menschenrechte nicht für alle gelten, dann sind sie Privilegien.“ Mit diesem Satz beendet Cinzia Sciuto ihren 20-minütigen Vortrag im Livestream der Frankfurter Romanfabrik zur Verantwortung von Individuen und Gruppen in der Frage von Identität. Ein klarer Leitsatz, gewissermaßen ein Rettungsring, in einer Debatte, in der es vor heiklen Strudeln wimmelt.

Rechte und fundamentalistische Gruppen, so Sciuto, denken Menschen als „Vertreter von Schubladen“. Gruppenmitglieder werden identifiziert durch ein einzelnes Merkmal wie Hautfarbe oder Religion, statt als facettenreiche Individuen. In gewisser Weise sieht die Philosophin problematische Gruppenidentitäten auch innerhalb linker, progressiver Gruppen wie dem Feminismus und der LGBTQ-Bewegung.

Ersterer laufe Gefahr, von „einer universellen Forderung nach Gleichberechtigung zu einer Form der Abschottung“ zu werden. Ähnlich auch bei der LGBTQ-Gemeinschaft, deren Buchstaben, so Sciuto, inzwischen keine Abkürzung, sondern ein Holzweg zu weiterem Ausschluss seien.

Eine Diskussion dieser Thesen, zum Beispiel mit Vertretern und Vertreterinnen der Bewegungen, wäre eine interessante Weiterführung gewesen. Vor allem da Sciuto später darüber spricht, wie wichtig es sei, die eigene Identität nicht von Herkunft und Kultur determinieren zu lassen. Stehen nicht beide Bewegungen, mit ihren oft gegensätzlichen Strömungen, in der Tradition, die eigene Identität abseits der kulturellen Herkunft besser zu verstehen?

Die Gesprächspartner Ruthard Stäblein und Michael Hohmann, Chef der Romanfabrik, wählten stattdessen andere Schwerpunkte aus. Darunter: Sciutos Thesen zur linken Haltung gegenüber dem Multikulturalismus.

Es fällt das vielgenutzte Beispiel eines türkischstämmigen Mannes, der seine Frau schlägt und danach freigesprochen wird. „Es ist meine Kultur“, kann, so die sizilianische Autorin, niemals eine Rechtfertigung für die Verletzung der Menschenrechte sein. Ausgehend von diesem Beispiel äußerte sie ihr Unverständnis gegenüber Feministinnen und Linken, die nicht wüssten, auf welcher Seite man dabei zu stehen habe. Viel tiefer geht die Diskussion an diesem Abend nicht.

Ist die Debatte um linke Toleranz und multikulturelle Haltung so einfach? Oder wird es sich hier, angesichts des gewählten Beispiels, zu einfach gemacht?

Sciutos Thesen sind in vielerlei Hinsicht streitbar, können zugleich als Anstoß für progressiv Denkende dienen, die eigene Verantwortung im Diskurs um Toleranz genauer unter die Lupe zu nehmen. Umso mehr fiel die Pandemie-geschuldete Abwesenheit eines kritischen Publikums auf.

Wünschenswert wäre für die Veranstaltung eine Moderation gewesen, die etwas weniger im „Heute ist alles so....“-Tenor verweilt und stattdessen Bezug genommen hätte auf aktuelle Konflikte des progressiven Spektrums, um die Diskussion weiter zu schärfen.

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