1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Der Chronist der Schrecken

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Christian Thomas

Kommentare

Sein Leben war von den politischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts geprägt: JorgeSemprún (1923-2011).
Sein Leben war von den politischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts geprägt: JorgeSemprún (1923-2011). © dpa

KZ-Häftling, Widerstandskämpfer, Franco-Gegner. "Warum erfinden, wenn du ein so romanhaftes Leben gehabt hast?“, fragte Jorge Semprún. Nun ist der Mann, dessen Leben das 20. Jahrhundert widerspiegelt, gestorben.

In der Puppe sah er ein Instrument der Erinnerung, in der Babuschka erkannte er eine Methode des Erinnerns. Als Jorge Semprún 1977 seine Autobiografie „Federico Sánchez“ veröffentlichte, machte er auf eine „jener russischen Holzpuppen“ aufmerksam, „die man aufmachen kann und in denen sich eine identische, nur kleinere Puppe befindet, in der wieder eine und noch eine steckt, bis man zur letzten, kleinsten gelangt, die sich dann nicht mehr öffnen lässt“.

Nach diesem Prinzip ist Jorge Semprún, der am Dienstag im Alter von 87 Jahren in Paris starb, Zeit seines Schriftstellerlebens verfahren. Es war das zweite Leben des Buchenwaldhäftlings, des Widerstandskämpfers, des Franco-Gegners und Funktionärs der spanischen Exil-KP. In seinem Roman „Zwanzig Jahre und ein Tag“ wird es schließlich über die Bürde des Schriftstellers heißen: „Warum erfinden, wenn du ein so romanhaftes Leben gehabt hast?“

Das Buch erschien 2005, zu dieser Zeit war kaum noch begreifbar, wie sehr die Memoiren von Semprún/alias Sánchez eingriffen in die Diskussion um die Verheißungen des Eurokommunismus – sie waren eine Intervention gegen die Legende von einer angeblich undogmatischen Spielart des Kommunismus. Im Frühjahr 1964 hatte Federico Sánchez seine Identität preisgegeben, auf einem Schloss bei Prag ließen ihn die führenden Kader der spanischen Exil-KP verschwinden, an erster Stelle die vom antifranquistischen Widerstand nicht nur verehrte sondern mythenartig verklärte Pasionaria.

Mit seinen Memoiren aus dem ersten Kreis des Widerstands – zugleich war das die Hölle des Stalinismus – machte Semprún, damals Mitte 50, auf das Erbe des Totalitarismus aufmerksam, auf eine nicht allein historische Hinterlassenschaft, sondern eine Bürde für das kollektive und kulturelle Gedächtnis – wenn es denn ansprechbar ist für Erschrecken und Trauer, Reue und Scham. Jahrzehnte seiner Lebensreise hatte er auf den Irrwegen des 20. Jahrhunderts verbracht. Semprún, aus großbürgerlichem Hause stammend, ließ sich hinreißen zu Gedichten auf Stalin: „Es war wohl“, so bekannte er, „eine Art fast religiöser Zustimmung zu einem Veränderungswillen, die einhergeht mit der Ausschaltung des kritischen Gewissens.“

Mit nicht wenigen seiner Werke, vor allem in seinen Romanen schickte, nein verstrickte Semprún seine Leser in ein Episodengeflecht, ein barockes Gewebe, das nicht von ungefähr dem pikaresken Roman verpflichtet war. So verdichtete er in „Algarabía oder Die neuen Geheimnisse von Paris“ (1985) eines seiner großen Themen, das Leben kommunistischer Intellektueller im Exil, zu einem ausschweifenden Schelmenstück, politische Episoden wurden für anarchische Eskapaden geöffnet. Denn die Don Quichotterie à la Semprún beschwor ein besonderes Abhängigkeitsverhältnis, das von Erotik und Politik.

Umklammerung der „Tode“

Etwa von Max Frisch stammt der Gedanke, dass der Schriftsteller von seinem einmal gefundenen Thema nicht mehr loskomme. Was Semprún, der Exilant in Paris, über Verrat und Täuschung, Willkür und Widerstand schrieb, hat ihn Zeit seines intellektuellen Lebens nicht losgelassen. Gefangen war er von Bildern des Todes – aus dieser Umklammerung seiner eigenen „Tode“, in der Widerstandsbewegung, im KZ, im vom Stalinismus geprägten Exil, gab es keinen Ausweg. Und wohl nicht von ungefähr, so jedenfalls erinnere ich mich, war es die „Überfahrt über den Styx“, die im Roman „Der weiße Berg“ (1987) zur zentralen Metapher wird. Das Gemälde des Joachim Patinir aus dem Prado von Madrid inspirierte im Roman des Exil-Spaniers Semprún zu Gedanken über das Verhältnis von Erinnern und Vergessen.

Das franquistische Madrid und das kommunistische Moskau, das drangsalierte Prag und die Exilantenbleibe Paris stiegen im Kosmos Semprúns zu den Hauptstädten des 20. Jahrhunderts auf, waren Frontstädte in vielerlei Hinsicht, solche der Ideologien, des Terrors und des Widerstands, der Welterlösungsfantasien und der grundstürzenden Erfahrungen, des Verlusts der Utopien. Nicht zu vergessen das Juste Milieu sentimentaler Selbstgefälligkeit.

1988 wurde Semprún spanischer Kulturminister unter Felipe González, ansprechbar für passionierte Einsprüche gegen den Pragmatismus der Politik blieb er weiterhin. Im FR-Feuilleton war es Wolfram Schütte, der mit Semprúns Eigensinn konfrontierte, ob nun gegen den Messianismus der „kommunistischen Mythologie“ oder gegen den unverhohlenen Zynismus des Kapitalismus. Mit dem fernen Frankfurt, daran darf man erinnern, verband den Heimatvertriebenen ebenso, dass er 1994 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels oder 2003 die Goethe-Medaille erhielt.

Semprún war das, was in den 70er und 80er Jahren, mit allem Pathos, als „Stimme“ bezeichnet wurde, gerade auch als Drehbuchautor, wenn man sich an die Filme von Alain Resnais („Der Krieg ist vorbei“) oder Costa-Gavras („Z“) erinnert. Seine Schriftstellerexistenz nutzte Semprún für immer wieder neue Anläufe zu einer Rekonstruktion der Schrecken. Zur Antwort auf die permanenten Weltverbesserungsdoktrinen wurde ihm die permanente Revolte gegen das Vergessen, angefangen mit der Erinnerung an die Tortur. Der Versuch der Vergegenwärtigung, angefangen mit dem Deportationsroman „Die große Reise“ (1963), bestimmte sein Werk und stellt es weiterhin an die Seite eines Primo Levi oder Jean Améry, die, beide Auschwitz-Überlebende, beide im Alter den Freitod wählten.

Ruth Klüger, die über ihre eigene KZ-Haft in dem Buch „weiter leben“ schrieb, traf 2003 in Weimar mit Jorge Semprún zusammen. Anlass war die Verleihung der Goethe-Medaille. Buchenwald, der KZ-Standort und die Klassikerstadt selbst, die Erinnerung an die unmittelbare Nachbarschaft von Zivilisation und Zivilisationsbruch hatte die beiden Opfer zusammengebracht. Und so sagte denn Ruth Klüger, nachzulesen in der FR vom 10. Dezember 2003, in ihrer Laudatio: „Semprún erläutert das Paradoxon der Erinnerung. Alles über das Lager lässt sich in Worte fassen (also weg von der abgedroschenen angeblichen Unsäglichkeit der KZs), aber das Aufschreiben dieser Worte ist, sagt er, endlos, weil man niemals aufhört sich zu erinnern.“

Und schließlich der entscheidende, wie selbstverständlich wirkende Satz, ein scheinbar einfacher Gedanke, Semprúns Vermächtnis: „Die Erinnerung kommt nie am Ziel an, denn sie wird durch die Worte nur intensiver.“

Auch interessant

Kommentare