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Brandenburg, Görlsdorf: Der Schriftsteller Günter de Bruyn in seinem Haus.

Nachruf Günter de Bruyn

Chronist des Vernachlässigten

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Ein Nachruf zum Tod des Schriftstellers Günter de Bruyn.

Sein grenzenloses Bedürfnis, das Naheliegende zu erkunden, hat ihn irgendwann ins Abseits geführt. Aber es war kein Abseits, in das er irrtümlich gelaufen wäre. Günter der Bruyn hat es immer gesucht, er hat das topografische Abseits literarisch erschlossen und sich selbst dort auf bescheidene Weise für immer eingetragen.

„Abseits“, so der Titel seiner 2005 erschienenen „Liebeserklärung an eine Landschaft“, war seine Art, Heimat in einem ganz und gar unpathetischen Sinn zu erretten. Im Dorf Görsdorf bei Beeskow, südöstlich von Berlin, hat Günter de Bruyn sich bereits Mitte der 60er Jahre niedergelassen, obwohl er als freier Schriftsteller doch Mitglied des Zentralvorstandes des Schriftstellerverbandes der DDR war und schon deshalb eng mit der Hauptstadt der DDR verbunden. So wurde Görsdorf für ihn wohl auch zu einem Flecken, wohin ihm die obsessive Seite staatlicher Kulturpolitik nicht restlos folgte. Günter de Bruyn war jedoch nicht so naiv zu glauben, dass das Abgelegene frei von Politik und Geschichte sei. Seine Erkundungen des Brandenburgischen geben stets auch ein intimes Zeugnis davon, wie selbst das scheinbar Zurückgelassene von Geschichte und Schicksal durchdrungen ist.

Methodisch und formbewusst

Wie hätte es auch anders sein können bei einem, der 1926 in Berlin-Britz geboren wurde und am Ende des Zweiten Weltkrieges noch nicht einmal 20 Jahre alt war. Vielleicht war es der Katholizismus seiner Familie, der den Heranwachsenden vor einer gefährlichen Nähe zum Nationalsozialismus schützte. Den Krieg erlebte er als Soldat in der Tschechoslowakei sowie als Verwundeter im Lazarett. Nach seiner Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft arbeitete er zunächst als Landarbeiter in Hessen, ehe er zum Lehrer und später Bibliothekar ausgebildet wurde.

Ein mühsamer, aber auch gründlich durchschrittener Bildungsroman. Sein erstes, 1957 erschienenes Buch hieß „Über das Arbeiten in Freihandbibliotheken“, ein Titel, der nicht zuletzt methodisch eine Spur zum Schreiben Günter de Bruyns legt. Ohne später je einem wissenschaftlichen Jargon zu verfallen, ist es gerade die Verknüpfung der Genauigkeit eines Bibliothekars mit der schöpferischen Freiheit des Schriftstellers, mit der de Bruyn in seinen Büchern immer wieder die gesellschaftlichen Nahverhältnisse auszuloten vermochte. Dass er dabei die Grenzen zwischen Essay, Roman und historischer Forschung elegant überschritt, spricht eher für als gegen das Formbewusstsein de Bruyns.

Nicht selten ging es dabei wohl auch um Fluchten. Umstellt von Zwängen, gestand er einmal, habe er stets auch versucht, sich den Zwängen zu entziehen. Nicht nur in diesem Sinne hielt er es mit Fontane. Dessen politisch wetterwendisches Leben, so attestierte de Bruyn dem märkischen Dichter, „bietet ideologisch Einäugigen, moralischen Rigoristen und Heldenverehrern keinen erhebenden Anblick, war aber, mit all seinen Wendungen und Brüchen, wohl Voraussetzung für das Werk.“ Das Revolutionäre und das Konservative, das Fontane gelebt hatte, sah de Bruyn in einem Altersrationalismus vereint, der von Gleichgültigkeit und Parteifanatismus gleich weit entfernt sei. Ähnlich nahm es de Bruyn auch für sich in Anspruch, aber er gestand so seine Schwierigkeiten beim „Taktieren zwischen den dauernden Wechseln zwischen Mitlaufen und Distanzhalten.“ Bis ins Kleinste ist das nachzulesen in seiner zweibändigen Autobiografie „Zwischenbilanz“ und „Vierzig Jahre“, die ihn schließlich sogar zu einem Bestsellerautor machte.

Ganz fernzuhalten vom beharrlich fordernden Staatssozialismus vermochte er sich jedoch nicht. „Man befand sich doch“, so de Bruyn in einem Interview, „auch wenn man das Regime eigentlich ablehnte, in dem Zwiespalt, den alten Antifaschisten gegenüber eine Art Ehrfurcht zu haben. Die hatten etwas getan gegen die Nazi-Diktatur, ich nicht. Und dieser moralische Zwiespalt ist in der DDR bis zum Schluss weidlich ausgenutzt worden.“

Im Auftreten eher zurückhaltend, mangelte es Günter de Bruyn keineswegs an Mut. So monierte er 1981 in der Hochphase der europäischen Friedensbewegung öffentlich, dass der Antikriegskampf und Pazifismus jenseits der Grenzen begrüßt werde, „der Antikriegskampf der Christen, Pazifisten und Kriegsdienstverweigerer innerhalb der eigenen Grenzen aber behindert wird.“ Sein Auftreten gegen die Zensur auf dem X. Schriftstellerkongress der DDR erregte Aufsehen. Und auch später blieb er ein pointierter Beobachter des gesellschaftlichen Geschehens. In der Nachwendezeit ließ er es sich nicht nehmen, die sich zwischen Ost-Nostalgie und westdeutscher Überheblichkeit artikulierenden deutschen Befindlichkeiten zu kritisieren. Was er dabei in die Waagschale zu werfen hatte, war insbesondere die historische Erfahrung der deutschen Nationalstaatsbildung, die de Bruyn wie kaum ein anderer im preußischen Kulturleben seit 1800 quellensicher und mit einer unerschöpflichen feuilletonistischen Neugier aufgeblättert hat.

Günter De Bruyns Spätwerk muss man als eine episodische Chronik der preußischen Jahrhunderte lesen, in der alle deutschen Themen und Fragen beinahe ursprünglich aufscheinen. Es ist darin aber nicht der Historiker de Bruyn, dem es darum geht, eine Epoche zu ordnen. Indem er in den Bänden „Als Poesie gut“, „Die Zeit der großen Not“, aber auch in dem Essay über „Preußens Luise“ ein Panoptikum des Bedeutenden und Nebensächlichen anlegt, macht er eine längst vernachlässigte Zeit samt ihrer Nebendarsteller wie den Gutsherren Friedrich August Ludwig von der Marwitz in ihren Vorzügen und Widersprüchen lebendig.

So leise Günter de Bruyn auch daherkommen mochte, war er sich seiner Bedeutung in der Erschaffung von Nebenwerken, in denen das kaum mehr bekannte Personal immer wieder die Wege kreuzte, durchaus bewusst. Und wegen seines Gespürs für besondere Lebensläufe verfing sich sein Blick immer wieder auch in der Schönheit verlassener Gegenden. Am Beispiel des brandenburgischen Dorfes Kossenblatt führte er beispielsweise vor, was der große Fontane bei seinem Drang zum Enzyklopädischen in aller Eile und bisweilen eben auch in Unachtsamkeit übersah.

Und immer auch achtsam

Unachtsam aber ist die Literatur des Günter de Bruyn gerade nicht. Sie achtet das Beiläufige, entfaltet großen Sinn für das Kleine und vergisst nie die Dimension des Historischen. Ob denn der Graben zwischen den Deutschen in Ost und West nicht breiter werde, wollte der „Spiegel“ von de Bruyn wissen, als die Freude über die deutsche Einheit längst der gegenseitigen Ernüchterung gewichen war. „Nein“, sagte der, „nur sichtbarer, und mit der Zeit wird er schmaler werden.“

Die große Kunst seiner literarischen Genauigkeit schien zuletzt auch noch einmal auf in dem Roman „Der neunzigste Geburtstag“, in dem Günter de Bruyn es sich nicht nehmen ließ, auf die längst auch in der brandenburgischen Provinz sichtbar werdenden Folgen der bundesrepublikanischen Flüchtlingspolitik anzuspielen und in aller Vorsicht auch zu kommentieren. Nach mehr als 30 Jahren belletristischer Abstinenz legte er 2018 einen Zeitroman vor, in dem auch die dörfliche Abgeschiedenheit, in der das Geschwisterpaar Hedwig und Leonhardt Leydenfrost seinen Lebensabend verbringt, von der politischen und sozialen Großwetterlage erfasst wird.

Günter de Bruyns alter Ego in dem Roman ist zweifellos der frühere Bibliothekar Leonhardt Leydenfrost, der die alltagskulturellen Veränderungen oft kopfschüttelnd zur Kenntnis nimmt und sich dabei doch an das Motto Fontanes hält, so lange wie möglich mit dem Alten zu gehen, und mit dem Neuen nur, wenn man muss. Aber weil das so ist, lauscht man dem nörgelnden Grundton ganz gern, auch wenn Leo Leydenfrost die Grenze zum Ressentiment darin bisweilen überschreitet, was durch die Lebensklugheit seiner Schwester Hedwig aber sogleich wieder abgemildert wird.

So haderte Leo im Roman mit dem „Wir schaffen das“ der Kanzlerin. Die innere Empörung der de Bruyn’schen Figur aber nimmt rasant zu, wenn es um die sprachlichen Zumutungen geht, die politische Korrektheit und „Gender Mainstreaming“ zu einem neuen gesellschaftlichen Regelwerk zu erklären versuchen. An diesen Stellen des Romans meint man deutlich den politischen Zeitgenossen Günter de Bruyn mit Aussagen zur aktuellen Tagespolitik zu vernehmen.

Es ist ein Jammer, dass es die letzten Interventionen dieses feingeistigen Schriftstellers bleiben. Günter de Bruyn ist, wie der Landkreis Oder-Spree am Donnerstag unter Berufung auf de Bruyns Familie mitteilte, im Alter von 93 Jahren gestorben.

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