Lesung

Christoph Ransmayr im Literaturhaus Frankfurt: Am Porzellanstrand

  • schließen

Poetikdozent Christoph Ransmayr liest und erzählt vom Erzählen.

Auch Jörg Bong, ehemaliger Verlegerischer Geschäftsführer von S. Fischer, wies darauf hin, dass für das Werk Christoph Ransmayrs „jeder literarische Preis dieser Welt gerechtfertigt“ sei. Es ist gut, auf keine Gelegenheit für solche zarten Hinweise zu verzichten. Soeben hielt der österreichische Schriftsteller die Vorlesung zum 60. Jubiläum der Frankfurter Poetikdozentur (FR v. 9. März), am Montag darauf war das Literaturhaus wie immer Gastgeber der Abschlusslesung.

Bei einer nicht fünf-, sondern diesmal einteiligen Vorlesung klingt das ulkig. Es war aber so voll wie möglich. Bong und Ransmayr sprachen rund um die drei Texte „Als ich noch unsterblich war“ (aus dem Band „Gerede“, 2014), „The Last Picture Show“ (aus „Die Verbeugung des Riesen“, 2003) und „Der Weg nach Surabaya“ (aus dem gleichnamigen Band, 1997) über das Erzählen.

Denn als er noch unsterblich ist (ein kleines Kind, irgendwie erinnern wir uns alle noch daran), legt er aus Buchstabensuppe-Buchstaben Muster, Armeen und Tierwelten, bis er „am Porzellanstrand“, so Ransmayr, lesen lernt. Und begreift, dass man im Wort „Meer“ nicht ertrinkt: die Schrift als größte aller Erfindungen und Möglichkeitengeber.

Als der vielreisende Autor, längst sterblich geworden, das zusammengeschossene Kino von Pottuvil in Sri Lanka passiert, stellt sich dieses Theater, dessen „Helden, Krieger“ und so weiter „aus nichts anderem als Licht“ bestehen, dem Schrecken und der Tristesse entgegen.

Sehnsuchtsort Babylon

Und als er auf einem Lastwagen auf dem „Weg nach Surabaya“ ist, kommt es zu einer hinreißenden Begegnung unter Zeitungslesern (die Redakteurin ist jedes Mal zu Tränen gerührt), außerdem zu einer fantastischen Überspringung sprachlicher Hindernisse durch die Schrift. Ransmayr, der nicht der Ansicht ist, er könnte seine eigenen Texte erklären, hierin sogar eine gewisse Unlust zeigt, erklärte nachher, dass ihm das babylonische Sprachgewirr nie als Strafe erschienen sei, im Gegenteil. Die Menge an Möglichkeiten des Erzählens – Bong: Wie hältst du das aus? – frustriere ihn auch nicht, sondern erscheine ihm kostbar.

Ransmayr und sein Lebensprojekt „Spielformen des Erzählens“: Was ihm noch fehlte, wollte Bong wissen. Das Testament, erklärte der 65-Jährige, auch das Märchen. Er wolle ein Märchen schreiben, in dem jedes Detail der Wirklichkeit entspreche. Man wurde ganz begierig.

Am 17. Mai ist Ransmayr wieder in Frankfurt und nimmt in der Paulskirche den Ludwig-Börne-Preis entgegen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion