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So durchsichtige wie undurchsichtige Vorgänge an einem Wasserfall.
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So durchsichtige wie undurchsichtige Vorgänge an einem Wasserfall.

Zukunft

Christoph Ransmayr: „Der Fallmeister“ – Der große Fall

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Christoph Ransmayrs neuer, ideenreicher Roman führt in eine unruhige Zukunft.

Folgt man in dieser Frage Christoph Ransmayrs Roman „Der Fallmeister“, so werden zwei Richtungen die Zukunft der menschlichen Gesellschaften bestimmen. Die eine Richtung wird ein dramatischer Kampf ums und zugleich gegen das Wasser sein. An den Küsten steigt die Flut, während die großen Flüsse der Erde als Lebensadern und Energiequellen umlagert sind, technisch wie kriegerisch. Die andere Richtung wird eine kaum weniger dramatische, aber noch ausschließlicher menschgemachte Rückwärtsgewandtheit zu obskurer Kleinstaaterei sein.

Von der EU ist nicht mehr die Rede, aber auch die USA: zerbröselt. „Kommissariate, Republiken, Grafschaften, Alpenbezirke, Matriarchate, Patriarchate, Herzogtümer und welche Namen sich die Zwerge auch immer gaben – jede Scherbe wollte ihre eigene Hymne, ihre eigene, grotesk kostümierte und bis zum Staatsbankrott hochgerüstete Armee, ihre eigene Heraldik und wollte vor allem: eine eigene triumphale Geschichte und wollte selbst innerhalb der Evolution einen eigenen, ganz besonders heroisch gewundenen Weg von der Affenhorde zum bissigen Kleinstaat zurückgelegt haben.“

Hauptsache deutsch, so scheint es

Dem namenlosen Ich-Erzähler dieses Romans fällt das nach eigenem Bekunden erst auf, als er als hochqualifizierter Hydrotechniker an Flüssen in aller Welt eingesetzt wird. „Denn in kontinentalen, ja globalen Dimensionen operierten längst nur noch Konzerne.“ Das ist leichter nachvollziehbar, als einem angenehm sein kann. Der Erzähler stammt seinerseits aus der Grafschaft Bandon, die nicht nur in Österreich liegen dürfte, weil es Ransmayrs Heimat ist. Der Weiße Fluss erinnert auch deutlich an die Donau. Der Vater des Erzählers hat hier als Fallmeister gearbeitet, ein altertümelnder (tatsächlich vorhandener historischer) Titel, der in die Zeit passt – die mittelferne Zukunft, von uns aus gesehen, in der das Internet Großes Netz, der Digitalunterricht Schirmschule genannt werden (Hauptsache deutsch, so scheint es).

Der Fallmeister war einst dafür zuständig, das ausgeklügelte Schleusensystem an einem Wasserfall für den Bootsverkehr am Laufen zu halten. Im Roman ist das nurmehr ein Museum, der Vater beansprucht den alten Titel aber für sich und führt zuweilen das immer noch funktionierende System mit geschickter Hand vor. An einem Festtag sterben fünf Menschen in einem der Schiffchen, als er die Schleusentore falsch bedient und der Kahn den Großen Fall hinabstürzt. „Mein Vater hat fünf Menschen getötet“, so lautet der erste Satz des Buches, und der Erzähler macht klar, dass er von Mord ausgeht. „Keine Tragödie, kein Unglück, sondern ein Verbrechen.“ Dass andere das anders zu sehen scheinen, ist nach dem wuchtigen Eingangssatz vorerst kaum ernstzunehmen. Erst später keimen Zweifel an der Zuverlässigkeit des Sohnes, der dem Vater zürnt. Der Vater ist nicht gewalttätig, aber seine Stimme ist purer Schrecken, wie der Lärm des Wasserfalls, der alles übertönt. Die Mutter ist wegen eines Quotensystems in ihre „adriatische“ Heimat deportiert worden. Das ist übel, aber nichts weiter als eine heutige Abschiebung unter etwas anderen Vorzeichen. Eigentlich nicht einmal unter anderen Vorzeichen. „Deportation“ klingt aber brutaler.

Das Buch

Christoph Ransmayr: Der Fallmeister. Eine kurze Geschichte vom Töten. Roman. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2021. 220 Seiten, 22 Euro.

Während der Sohn den Vater des Mordes zeiht, füllt er seinerseits den Untertitel des Buchs mit Leben, „Eine kurze Geschichte vom Töten“. Als spezieller Schreck – ein echter Ransmayr-Effekt – wird im Gedächtnis bleiben, dass das Kind mit einer Schere Hornissen in der Luft zerschnitten hat. Weiteres steht bevor.

Der Erzähler hat hierfür seine Theorie, geboren aus Beobachtung, aber auch aus der eigenen Biografie. Er entwickelt sie, als er am Mekong die Geschichte eines freundlichen Bootsmanns hört, dessen Familie von den (aus unserer Sicht: künftigen) „Weißen Khmer“ ermordet ist. Was zerstört die „Membran“, fragt sich der Erzähler, die das Friedliche vom Bestialischen in uns trennt? Auch die Weißen Khmer, der Erzähler kennt das Muster, richten ihren Blick auf vergangene Glorie. Die Membran „zerriss wohl tatsächlich in dem Augenblick, in dem sich ein von der Vergangenheit ... Besessener von der Gegenwart ab- und einer Umkehr der Zeit und einer seit Jahrhunderten verfinsterten Glorie zuwandte: Dorthin! Dorthin zurück und gegen den Strom musste dann jener Weg führen, für den die Khmer nicht anders als mein Vater bereit waren, nicht bloß zu töten, sondern jedes Wesen der Gegenwart auszulöschen, das von diesem Rückstrom nicht wie Treibgut aufgehoben und fortgetragen werden konnte.“ Das ist eine Gleichsetzung (massenmörderischer Truppen mit dem rätselhaft bleibenden Vater), die natürlich mehr als problematisch wäre, befänden wir uns nicht in einem Roman.

Ein Roman in einer Wirbelform

Und würde sich nicht immer mehr die Frage – ganz passend – verwässern, worum es hier überhaupt geht. Interessanterweise hat der Erzähler selbst durch eine zurückliegende inzestuöse Beziehung zu seiner Schwester eine starke Sehnsucht nach der Vergangenheit. Wenn sie ihm nun zuruft „Lass los, du Schwein!“, dann lüftet sich womöglich für einen Satz der Vorhang vor einer völlig anderen Geschichte.

Die fatale Glasknochenkrankheit der Schwester gehört zugleich in die reichhaltige Bildersprache in „Der Fallmeister“, die sich um Kristallenes und Wässriges dreht. Für den Hydrotechniker haben technische Begriffe wie Rückstrom oder Strömungsumkehr eine natürliche Bedeutung. Der Roman selbst hat eine Wirbelform, wirbelig genug, um am Ende nicht recht aus der Geschichte herauszufinden. So ist der Eindruck vom raschen, milden Ende zwiespältig. Erst jetzt wird offenbar, wie viele (auch krimihafte) Fährten gelegt, wie viele Informationen geliefert wurden, die dann im Sande verlaufen.

Ist der Erzähler unkonzentriert, weil er damit befasst ist, eigene Probleme unter der Decke zu halten? Oder ist der Autor unkonzentriert (und verwechselt darum auch einmal die Unglücksopfer, eine Bagatelle, aber doch eine charakteristische), weil er die Konstruktion vor lauter grundsätzlichen, hochaktuellen Gedanken nicht im Griff hat? Dass sich das durch die Lektüre von „Der Fallmeister“ nicht entscheiden lässt, steht einem Roman frei, führt aber in Untiefen. (Judith von Sternburg)

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