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Christoph Hein.
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Christoph Hein.

Roman

Christoph Hein: „Guldenberg“ – Moralisch verschlissen

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Christoph Hein erzählt Geschichten aus „Guldenberg“.

Guldenberg“, der neue Roman von Christoph Hein, ist in seiner sprachlich fast abfälligen Sprödigkeit eine umso wirksamere Erzählung von der Schlechtigkeit des Menschen. So schlecht ist der Mensch auch gar nicht. Oder doch, ist er doch. Christoph Hein schreibt es auf, und indem etliche Stimmen deutlich, aber ohne Polemik zu Wort kommen, zeigt er eine unmodische Offenheit für andere Sichtweisen. Hein führt dabei vor, dass das möglich ist, ohne immer rasch zu einer Verurteilung oder zu einer Rechtfertigung zu kommen. Allerdings: Ein Halunke wird seine Gründe haben und sie sollten einen auch – um den Lauf der Dinge zu begreifen – interessieren, aber er bleibt doch ein Halunke. Oder, um den Herrn Pfarrer zu zitieren: „ein Arschloch“.

Es läuft in „Guldenberg“ zumeist auf einen Mix aus Egoismus, Feigheit, Gleichmut und Gereiztheit hinaus, aber es geht Hein erneut nicht so sehr um Psychologie. Das dürfte ein Grund dafür sein, dass „Guldenberg“ – das Buch wie der Ort – so kühl wirkt, kühl und seelisch ein wenig kärglich. Wie die meisten seiner Figuren und wie seine Bevölkerung, die das nicht daran hindert zu reden und zu reden. Worum es geht, sind die Strukturen, Mechanismen, Umstände. „Wer möchte nicht in Fried’n und Eintracht leben? Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so!“ In „Guldenberg“ heißt es: „Die Gleichgültigkeit der Bewohner füreinander war geblieben, die kühle Freundlichkeit untereinander, doch eine Unruhe, eine hektische, nervöse Anspannung hatte sich im Ort verbreitet.“

Gesellschaft, hochdosiert

Bad Guldenberg war Schauplatz schon früherer Hein-Romane, „Horns Ende“ (1985, mit Bürgermeister Kruschkatz, an den sich „Guldenberg“ noch erinnert), „Landnahme“ (2004). Man hat Bad Düben in Nordsachsen darin erkannt, wo Hein, Jahrgang 1944, aufwuchs. Aber der Schriftsteller benötigt nur die Chiffre. Guldenberg steht für eine schmucke und öde, geschichtsträchtige und geschichtsvergessene Welt, in der sich alles zeigt, was eine (deutsche) Gesellschaft zu bieten hat und zwar – weil das Kleinstadtformat die Konzentration erhöht und die Fluchtwege abschneidet – ziemlich scharf und bedrückend.

Dazu passt, dass in der Gegenwart des Romans – Hein gibt einen kleinen Datumshinweis, der auf 2017 schließen lässt – minderjährige Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan im Alten Seglerheim von Guldenberg untergebracht sind. Einer von zwei Neuankömmlingen erkundigt sich bei den anderen, was man hier machen könne. „Du kannst in die Stadt gehen und dich von den Deutschen dumm anreden lassen. Wenn du Pech hast, hauen sie dir eine rein. Schau dich immer gut um, wenn du aus dem Haus gehst. Und nie allein gehen, niemals. Was hier los ist, erlebst du ab abends, wenn es dunkel ist, wenn sie kommen. Sie ziehen am Haus vorbei und schreien.“ „Schreien? Was schreien sie denn?“ „Was sie schreien? Das hörst du schon noch.“ Im Radio läuft „All You Need Is Love, Love, Love.“ Und die eigentliche Geschichte hat noch gar nicht angefangen.

Ohnehin ist das Heim nur ein Katalysator für die Vorgänge, von denen Hein lakonisch erzählt, beziehungsweise erzählen lässt. „Guldenberg“ ist ein Dialogroman, man sieht ihn bereits auf dem Theater. Gerade weil Dialoge nicht Heins stärkste Seite sind und eine eigenwillige Künstlichkeit über den Seiten liegt, wird der Parabelcharakter noch stärker. So müssen auch keine Parteinamen genannt werden, es braucht keine aktuellen Requisiten. Es braucht ferner keine dramatischen Höhepunkte, Hein blendet dann gerne aus. Anschließend wird eh darüber gesprochen.

Das Buch

Christoph Hein: Guldenberg. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 285 Seiten, 23 Euro.

Dass das kleine Heim eingerichtet, der Bevölkerung „aufgezwungen“ werden konnte, hängt mit der Trägheit der Stadt zusammen, Pläne für das leerstehende Gebäude anzugehen. Hein bietet Geduld auf, um die Zähigkeit von städteplanerischen und privatunternehmerischen Vorgängen in Guldenberg auszuführen. Begriffe wie „Bemühungszusage“ oder (auf Marx zurückgehend) „moralischer Verschleiß“ bekommen den reizvollen Beigeschmack von Doppeldeutigkeit.

Der jetzige Bürgermeister ist kein Schuft, aber er muss sich arrangieren zwischen den verschiedenen Interessenslagen. Es geht um Wirtschaft, Naturschutz, Soziales – und ganz selten um Kultur – , und die Kompromisse, die er geschlossen hat, fallen ihm nicht nur einmal auf die Füße. Dass er seine Familie durch Rechtsextreme bedroht sieht, gibt dem Polizeihauptmeister Gelegenheit, auf die Schließung des örtlichen Reviers – ein „Kuhhandel mit der Landesregierung“ – hinzuweisen, was Streifen vorm Haus des Bürgermeisters unmöglich mache. Ist der Polizeihauptmeister selbst ein Rechtsextremer? So eindeutig, wird sich zeigen, ist es eben nicht.

Eindeutig ist hingegen, dass sich etwas zusammenbraut. In der Kneipe wird geschimpft, gefrotzelt, schwadroniert. Ein angeblicher Vergewaltigungsfall macht die Runde, die Guldenberger – in Guldenberg haben wirklich vornehmlich Männer das Sagen – müssen nicht lange nachdenken, wo der Schuldige zu finden sein wird. Der katholische Pfarrer – eine eigenartige Figur irgendwo zwischen Film-Priester und Hein-Außenseiter – ahnt die Hintergründe, die wiederum in andere Guldenberger Untiefen führen.

Auch die Toten reden weiter

Dass die Jungen im Übrigen die Frauen im Guldenberger Freibad für „Nutten“ halten (sie sind jung und lernen schnell Deutsch), wird ebenfalls nicht übergangen. Vor allem sieht man verlegene, überforderte Kinder. Die Leiterin des Heims findet einen guten Ton ihnen gegenüber. Ihre Reifen werden durchgeschnitten. Auch da kann die Polizei nichts machen.

Es gibt seltene Momente, in denen Hein den Figuren von „Guldenberg“ doch etwas zu viel an Bedeutung zumutet. Auch Guldenberg selbst womöglich, wenn wir durch eine hellwache Urgroßmutter hören, dass die Toten hier nicht zur Ruhe kommen – dass auch sie reden und reden. Gruselig, findet die liebevolle Urenkelin, denn Hein gelingt immer wieder die Erdung. Jetzt sprechen die beiden über die Pflegeversicherung. Das Flüchtlingsheim hat zugemacht, die Urenkelin hat ihre Arbeit dort verloren. Vielleicht kann die Urgroßmutter ihr helfen. Für die Heimleiterin wird es schwieriger werden. Sie sei in der Stadt nicht mehr erwünscht, sagt man ihr umstandslos.

Die meisten in Guldenberg wissen noch nicht, dass der wichtigste Arbeitgeber vor Ort – ein fitter, intelligenter Unternehmer – vor dem Ruin steht. Täter und Opfer zu sein, geht hier ohne Unterlass ineinander über.

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