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Christoph Brumme: „Im Schatten des Krieges“ – Der betroffene Chronist

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Von: Lutz Büge

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Weg vom Krieg: hier Flüchtlinge aus der Ostukraine auf der Weiterfahrt von Lviv zur polnischen Grenze.
Weg vom Krieg: hier Flüchtlinge aus der Ostukraine auf der Weiterfahrt von Lviv zur polnischen Grenze. © AFP

Wenn einem die Kraft fehlt, schon wieder in den Schutzkeller zu gehen. Wenn einen der große Zorn packt. Christoph Brumme und sein Ukraine-Tagebuch.

Was man im Krieg lernen kann? Christoph Brumme lässt in seinen Tagebuchaufzeichnungen aus der Ukraine, wo er lebt, keine Zweifel aufkommen: Man lernt klare Kante. Und eine unmissverständliche Sprache. Der Krieg sortiert die Dinge auf eine Weise, die man sich im vom Frieden verwöhnten Deutschland nicht vorstellen kann. Und aus Brummes Sicht auch nicht vorstellen will. Eine Form der Realitätsverweigerung. Dafür hat er kein Verständnis, ebenso wenig wie für Putin-Versteher. Die sind für ihn „Nachwuchs-Chamberlains“. So klar, so schlicht, so wahr – jedenfalls vor dem Hintergrund der Appeasement-Politik der 1930er Jahre, die ungeeignet war, die Ambitionen des deutschen Diktators einzuhegen.

In diesen Kontext stellt Brumme die deutsche Politik der Merkel-Zeit, die Putin erst in die Lage versetzt habe, seinen Krieg gegen die Ukraine zu führen: Dank Nord Stream 2 braucht Russland die Ukraine nicht mehr als Transitland fürs Erdgas, so die Logik der Kriegsvorbereitung.

Aber auch an der gegenwärtigen Politik Deutschlands lässt der Autor nichts Gutes, etwa wenn er den Bundespräsidenten und ehemaligen deutschen Außenminister für seine frühere Russlandpolitik angeht.

Das Buch

Christoph Brumme: Im Schatten des Krieges. Tagebuchaufzeichnungen aus der Ukraine. Hirzel 2022. 108 S., 15 Euro.

So sortieren sich die Dinge, wenn man wie Brumme täglich mehrmals wegen Luftalarm in den Bunker fliehen muss – bis man das schließlich lässt, einfach weil es zu oft passiert. Dann trifft man sich lieber mit Lena, Oleg oder Pascha im Biergarten. Auch dort gibt es klare Kante, denn russophil ist zumindest in Brummes Umkreis niemand. Brumme ist Deutscher mit DDR-Biografie, Kolumnist der „Neuen Zürcher Zeitung“, Blogger und gefragter Interviewgast im deutschen Radio. Seine Sympathien gelten natürlich dem Überlebenskampf der Ukraine. Das Tagebuch – es umfasst den Zeitraum vom 25. Januar bis zum 1. Mai 2022 – macht den Krieg fühlbar, auch wenn Poltawa, wo Brumme lebt, zum Zeitpunkt der Dokumentation noch halbwegs sicher ist. Fern und doch so nah: Die Front befindet sich etwa 100 Kilometer weit weg.

Brumme ist auch betroffener Chronist. Schon einen Monat vor Kriegsbeginn war ihm und fast allen in seinem Umkreis klar, so schildert er die Dinge, dass Putins Russland angreifen werde. Manchmal meint man gar, Andrij Melnyk zu hören, den Botschafter der Ukraine in Deutschland, der ebenfalls bekannt ist für klare Kante. Der Krieg spitzt die Dinge zu. Ob man will oder nicht.

Da tut es fast gut, wenn Brumme die Geschichte von Kostja erzählt, der aus dem ausgebombten Charkiw nach Poltawa flieht und nur seine Katze mitnimmt: „Es tut ihm leid um den Computer, der noch in der Wohnung steht, aber die Katze war ihm wichtiger.“ Man ahnt: Weil die Katze ein fühlendes Lebewesen ist. Kostja ist mitfühlend. Eine kurze Passage, die gerade in ihrer Lakonie von Menschlichkeit berichtet.

Bei aller Kritik und Anklage wartet dies Büchlein gelegentlich mit einer Analyse auf, die ebenfalls an Klarheit nichts vermissen lässt, etwa wenn Brumme herausarbeitet, dass nicht fossile Brennstoffe Russlands wichtigstes Exportgut seien, sondern Angst. Trotzdem schimmert Hoffnung durch, bitter: Der Krieg sei Putins „verlängerter Selbstmord“. Das heißt, er wird ein Ende haben. In zwölf Jahren, mutmaßt Brumme. Hoffentlich irrt er sich.

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