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Nach dem Sturm: Orkan Gudrun, 2005, spielt eine Rolle in dem Roman.
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Nach dem Sturm: Orkan Gudrun, 2005, spielt eine Rolle in dem Roman.

Krimi „Unter dem Sturm“

Christoffer Carlsson „Unter dem Sturm“: Jetzt ist es still geworden

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Christoffer Carlssons berührender Kriminalroman „Unter dem Sturm“.

Es war zuerst dem Autorenduo Maj Sjöwall und Per Wahlöö, dann vor allem Henning Mankell zu verdanken, dass der skandinavische Kriminalroman den Ruf erwarb, nicht nur gesellschaftskritisch und politisch relevant, sondern dabei auch verflixt spannend zu sein. Mankell-Nachfolger wie Stieg Larsson und Jussi Adler-Olsen schrieben deutlich schlechter, gingen dafür mit ebenso grausam wie originell zugerichteten Leichen geradezu verschwenderisch um. In den letzten Jahren war der typische skandinavische Thriller die zunehmend absurder werdende Serienmörder-Geschichte. Diese Rezensentin hat viele der Romane (eigentlich alle mit aufwendig drapierten toten Frauen) nach wenigen Seiten weggelegt.

Es ist schön, dass der im Jahr 1986 geborene, nahe dem südschwedischen Marbäck aufgewachsene Christoffer Carlsson nun mit einer ganz anderen Art von Kriminalliteratur erfolgreich ist. In Stockholm ist er Professor für Kriminologie, da mag ihm das Klein-Klein polizeilicher Arbeit nicht ganz fremd sein. Aber er scheut sich auch nicht, in einem Krimi über Sprache nachzudenken: Gleich auf der ersten Seite von „Unter dem Sturm“ zum Beispiel über die Wendung, dass der Sensenmann einen „holt“. Über das Wort „schäbig“. Oder warum Angst und Ratlosigkeit oft Ausdruck finden in „Ich wusste nicht, wohin“ – als wäre ein anderer Ort die Rettung, wenn man nur wüsste, welcher der richtige ist.

Vidar Jörgensson scheint eher zu glauben, dass ein anderer Job die Rettung ist, irgendwann auch für seine Ehe. Denn ein Fall aus dem November 1994 lässt ihn nicht los, da läuft der Polizist – seit vier Jahren trägt Vidar bereits Uniform – nachts zu einem brennenden Haus, in dem eine junge Frau, Lovisa, gefunden wird. Schnell ermitteln die Beamten, dass sie bereits tot war, als das Feuer gelegt wurde. Wenig Fortschritt machen sie zunächst in Sachen Täter, dann sprechen immer mehr Indizien gegen Edvard Christensson, ihren Freund. Er beteuert seine Unschuld, er wird trotzdem verurteilt.

Das Buch:

Christoffer Carlsson: Unter dem Sturm. Roman. A. d. Schwed. von Susanne Dahmann. Rowohlt 2021. 462 S., 22 Euro.

Oft war Edvard mit seinem kleinen Neffen Isak unterwegs, im Wald, beim Fluss, in der Stille. Seine Verurteilung wird den Heranwachsenden fürchten lassen, dass er die Neigung zu Gewalt geerbt haben könnte, denn sieht er nicht seinem mörderischen Onkel sehr ähnlich? Und sieht dieser nicht seinem ebenfalls gewalttätigen Vater, Isaks immerfort „durstigem“ (alkoholkrankem) Großvater, ähnlich?

„Unter dem Sturm“ erzählt auch davon, wie man sich verrennen und den Blick für das Wesentliche und Richtige verlieren kann. Polizist Vidar glaubt immer mehr, dass Edvard nicht der Täter ist, aber Carlsson macht ihn nicht zu einer dieser hartnäckigen, unbeirrbaren Ermittlerfiguren, die in der Kriminalliteratur so beliebt sind. Vielmehr verbeißt sich der junge Beamte in eine falsche Fährte, verliert daraufhin seinen Job. Er macht dies und das, nichts davon lange. Er zweifelt und bohrt weiter, muss sich von seiner Frau vorwerfen lassen, dass seine Gedanken sogar dann bei dem Fall von 1994 sind, wenn er mal mit der kleinen Tochter spielt.

Der Roman hat drei Teile, er spielt zunächst 1994/95, dann zum Jahreswechsel 2004/05, als der Orkan Gudrun auch Schweden erwischt, Edvard sich das Leben nimmt, der trauernde Isak Glück hat, nicht draußen im Sturm umzukommen, Vidar einen weiteren Verdächtigen ausmacht – aber ist es nicht ohnehin zu spät, jedenfalls für Edvard? Und ist nicht sein Suizid ein Eingeständnis der Schuld? Zuletzt geht es 2017 weiter: Vidar hat eine kurze Affäre gehabt, er weiß nicht, ob seine Frau bei ihm bleiben wird. Aber Isak ist verschwunden, was kann er also anderes tun, als seinen ehemaligen Kollegen – und seiner Frau – auf die Nerven zu gehen.

Die meisten Krimis werden von der Handlung vorangetrieben, dieser wird von den Gefühlen und Gedanken der Figuren vorangetrieben, aber auch Zufälle spielen mit. Kein Serienmörder wird gejagt, kein SEK durchkämmt den dunklen, vom Sturm verwüsteten schwedischen Wald. Schon bald nach dem Tod Lovisas ging das Leben in Marbäck mehr oder weniger so weiter wie vorher. Christoffer Carlsson widmet sich vor allem jenen, deren Leben zerstört wurde. Und was oft dahingesagt wird, erhält bei ihm eine Bedeutung.

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