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In den Höhlen von Elephanta.

Deutscher Buchpreis

„Die Dame mit der bemalten Hand“

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Christine Wunnicke demonstriert in dem schwerelosen Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“, was Sprache alles kann.

Der europäische Mensch ist nicht daran gewöhnt, sich einen nichteuropäischen Blick auf sich selbst vorzustellen. Er legt es der Welt stattdessen nahe, die Dinge durch sein Auge zu sehen. Alles so exotisch da draußen. Umso effektvoller ist der Perspektivwechsel, wie sich in Stephan Thomes „Gott der Barbaren“ – hier aus Sicht von Chinesen im 19. Jahrhundert – zeigt, oder nun in Christine Wunnickes neuem Roman. „Die Dame mit der bemalten Hand“ ist, wie der „Gott der Barbaren“ 2018, in diesem Jahr für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Bei Thomes Chinesen herrschte Verachtung gegen die schwachen Sprachkenntnisse eines schwitzenden und idiotisch gekleideten Besuchers und helles Entsetzen über sein Ansinnen, die eigene Handfläche an die Handfläche seines Gegenübers zu pressen. Wir sagten früher dazu: sich die Hände schütteln.

Wunnickes Perser lächelt über den übermäßig bemühten norddeutschen Reisenden, dem dennoch die Manieren fehlen, der ein ulkiges Arabisch spricht – aber er spricht immerhin Arabisch – und ein allzu gefügiger Schüler ist. Eines Abends erzählt der Perser aus seinem Leben, bis er sagt: „,Und das ist alles für heute.‘ ,Danke ergebenst‘, murmelte Niebuhr. ,Du musst rufen: ,Oh Meister, bitte, sprich weiter, verstumme nicht, du guter Erzähler, ich flehe dich an!‘ ,Oh Meister, bitte …‘ ,Ach Niebuhr‘, seufzte al-Lahuri.“

„Die Dame mit der bemalten Hand“ ist eine Art Zweipersonenstück, ein Pendant zu Wunnickes Novelle „Nagasaki, ca. 1642“. Dort sind es ein Samurai und ein Niederländer, die – allerdings schicksalhaft – aufeinandertreffen. Dass Wunnickes Verlag Berenberg dieses bei seinem ersten Erscheinen vor zehn Jahren wenig beachtete Buch kürzlich wieder herausbrachte, ist wie ein Zeichen dafür, dass das ein Wunnicke-Jahr ist. Nach zweimaliger Nominierung auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis steht sie mit der „Dame“ jetzt auf der Shortlist. Die Aufmerksamkeit wächst, auch wenn Wunnicke glaubhaft versichert, dass das nicht ihr Interesse ist. 1966 wurde sie in München geboren, seit gut 20 Jahren veröffentlicht sie Bücher. Wer eines liest, wird auch die anderen lesen.

Zwei Personen: Musa al-Lahuri aus Jaipur, ein Astrolabienbauer, den die Ignoranz seiner wohlhabenden Kunden frustriert (stellt er doch ausgefeilte Messinstrumente her, keine Dekoartikel). Und, als historische Figur, Carsten Niebuhr (1733-1815), später berühmter Kartograf der arabischen Welt, bei Wunnicke ein junger Mathematiker, dem der Zweck seiner Forschungsreise nicht behagt – im pietistisch angehauchten akademischen Auftrag in Arabien Beweismittel für den Wahrheitsgehalt biblischer Erzählungen zu finden. Zumal es ihm bisher nicht einmal gelungen ist, Arabien zu erreichen. Und alle Reisegefährten bereits am Malariafieber gestorben sind.

Das Buch:

Christine Wunnike: Die Dame mit der bemalten Hand. Roman. Berenberg, Berlin 2020. 168 S., 22 Euro.

Beide Männer befinden sich in der Fremde, reisetechnisch gestrandet auf einer Insel bei Mumbay, Gharapuri oder Elephanta genannt. Die dortigen Höhlen gehören heute zum Unesco-Weltkulturerbe. Musa und Niebuhr sind die dort angebeteten indischen Götter gleichermaßen fremd. Jetzt aber bricht der Europäer regelrecht zusammen. Musa nimmt sich mit Anstand des kranken Mannes an, dessen Namen er zunächst als Kurdistan Nibbur versteht. So, denkt Musa, können auch nur Europäer heißen. Das Fieber jedoch macht alle Menschen gleich. „Alle reden wie die Mutter redet, wenn sie sich fürchten ... Alle sehen überall Teufel, wenn sie das Fieber packt. ,Komm schon. Ist ja gut‘, sagte Musa. Und noch sonst allerlei, was man sagt, wenn Leute sich fürchten.“

Als es Niebuhr besser geht, vertreiben sich die beiden die Zeit, während sie auf ein Schiff warten. Auch der hektische Niederländer in „Nagasaki, ca. 1642“ hat sein Schiff verpasst: Glasklar erkennt Wunnicke, wie sich aus den lästigen, durch falsches Timing entstehenden Zwischenräumen die interessantesten Begegnungen entwickeln. Die beiden Männer unterhalten sich auf Arabisch, Niebuhrs „Arabisch war reichhaltig, falsch und lustig. Man verstand jedes Wort“.

Wunnickes Virtuosität in der Darstellung des Fremden in deutscher Sprache trägt nun durch die Gespräche. Fast ohne fremdsprachliche Einsprengsel – nur ein paar „indische“ Wörter, die ja beiden Männern unvertraut sind – gestaltet sie das vollständig aus den bei entsprechender Handhabung enormen Möglichkeiten des Deutschen heraus. So dass der brave Niebuhr eine Spur gestelzt spricht, während Meister Musa eine entspannte Zunge pflegt. „Welch lustvolle Gleichzeitigkeit der Ereignisse!“ sagt Niebuhr. „,Lustiger Zufall‘, verbesserte Musa.“ Von der Seite mischen später eindeutig englisch sprechende Engländer mit.

„Die Dame mit der bemalten Hand“ ist ein wundersam gleitendes, ergebnisoffenes Buch. Der Titel bezieht sich auf das Sternbild, das in der abendländischen Welt Kassiopeia heißt. Die beiden kundigen Männer verstehen sich an dieser Stelle nur kurz nicht. „Wir glotzen alle in denselben Himmel und sehen verschiedene Bilder“, stellt Niebuhr fest, und Wunnicke, die bedeutsame Sätze in Ruhe stehen lässt, ohne sich einzumischen, lässt sie vom „glotzen“ auf die Wendung „Affen des Mundes zu Markte tragen“ kommen. An einer solchen Stelle braucht nicht nur Musa einen Moment, um zu begreifen, was Niebuhr sagen will.

Später erzählt Meister Musa von einem besonders heiligen Guru, fabelhaftes Beispiel für Wunnickes Fähigkeit, sich mittels Sprache zum springenden Punkt zu schlängeln. „,Berührte er meinen Schatten, musste er nachher baden‘, wiederholte Musa langsam und deutlich ,Ich verstehe dich nicht‘ ,Hörte ich Jagannatahs Geschichten, musste ich nachher lügen‘, sagte Musa. ,Verstehst du dieses?‘ Niebuhr saß da und schwieg, mit ausdrucksloser Miene. ,Was?‘, fragte Musa. Niebuhr blickte ins Feuer, hinaus zu den Wänden und dann, nur kurz, in Musas Gesicht. ,Ich hasse sie‘, sagte er leise, ,ich hasse die Religion.‘“ Wer alles erklärt bekommen möchte, muss andere Bücher lesen, das stimmt allerdings auch.

Vergleiche zu großartigen historischen Romanen dieser Jahre drängen sich auf: auch zu Daniel Kehlmanns „Vermessung der Welt“, zu Christoph Ransmayrs „Cox“ durch eine andere (hier aber gänzlich fiktive) Fernreise im 18. Jahrhundert. Souverän und eigen steht „Die Dame mit der bemalten Hand“ daneben.

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