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Japanisches Buch über Samurai-Krieger, Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe.

Samurai-Novelle

Christine Wunnicke: „Nagasaki, ca. 1642“ – Der Krieger und das Plappermaul

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Christine Wunnickes feine, sehr witzige, sehr harte Erzählung „Nagasaki, ca. 1642“.

Die Schriftstellerin Christine Wunnicke ist ein vorzüglicher Beleg dafür, dass die nicht unumstrittenen Longlists für den Deutschen Buchpreis den Horizont nicht nur verengen, sondern auch erweitern können. Zweimal, 2015 mit „Der Fuchs und Dr. Shimamura“ und 2017 mit „Katie“, war sie unter den Nominierten, und wer da mitgelesen hat, wird forthin auf die schmalen Bände achten.

Berenberg, wo Wunnickes Bücher inzwischen erscheinen, greift jetzt auch einen Titel auf, den es schon mal in der feinen, sehr kleinen schweizerischen Edition Epoca gab. „Nagasaki, ca. 1642“ erzählt von einem fabelhaften asiatischen Abenteuer. Wunnickes ausgeprägter Sinn für Poesie und schlanken Witz verbieten es an sich, dabei an die Fernsehserie „Shogun“ mit Richard Chamberlain zu denken, aber es lässt sich zugleich schwer vermeiden. Denn ca. 1642 ist es nun ein junger, extrem sprachbegabter, ansonsten sympathisch zappeliger und streng genommen nichtsnutziger Niederländer („Orandese“), der auf einem Schiff der Ostindien-Kompanie als Dolmetscher nach Japan mitgenommen wird und dort in eine verwickelte Affäre fern seiner Landsleute gerät. Abel van Rheenen, den sie „Babbel“ nennen, schließt sich dem überwältigend coolen und im übrigen auch sehr attraktiven Samurai Seki Keijiro an, der sich in vorerst unbekannter Absicht als „Inspektor“ verdingt hat.

Christine Wunnicke: Nagasaki, ca. 1642. Novelle. Berenberg, Berlin 2020. 110 Seiten, 14 Euro.

Wunnicke erzählt das wie auf einer Zeichnung auf dünnem, edlem Papier, zart und wendungsreich und mit viel Weißraum. Wenn sie etwas erwähnt hat, wird sie es möglicherweise nicht mehr wiederholen. Während sich unerwartet eine geradezu atemberaubende Spannung einstellt, gilt es also doch – Seki Keijiro bemüht sich seinerseits, dem ruhelosen Orandesen das beizubringen –, äußerst aufmerksam zu bleiben.

Raffiniert und gleitend sind die Perspektivwechsel, zumal sich bald eine dritte Figur einmischt. Das ist der Geist von Sekis Freund Kurihara Yuudai, der in seiner schaurigen Schlachtenmaskierung den beiden Männern folgt oder vorausschwebt und der nicht aus seiner Panzerung und Haut kann: Hinter dem nicht zuletzt unterhaltsamen Aufeinanderprallen der Kulturen lässt eine finstere Vergangenheit eine finstere Zukunft erwarten.

Während Seki einen grimmen Plan ausarbeitet, wird Abels Arglosigkeit immer bezaubernder. Elegant demonstriert Wunnicke die sprachlichen Schwierigkeiten innerhalb des Deutschen: Abel spricht von „Benehmens-Bewunderungen“, von „Nachachmungs-Angelegenheit“. „,Vorbilder‘, seufzte der Inspektor.“

Obwohl es auch zwischen Seki und Abel zu einer homoerotischen Anziehung kommt, ist die allerschönste unter den vielen schönen Beschreibungen doch die von Abels halbfreiwilliger Nacht mit einer Prostituierten. „Seitliche Wolke, Schwebende Wolke und Wind in den Föhren, ja selbst das Exil in Akashi erinnerten noch von Ferne an niederländisch Vertrautes, doch spätestens die Schöne Zikade überstieg Abels Sinn für Geometrie. ... Bei der Umgedrehten Teemühle kam er ein wenig zur Besinnung, wiewohl ihm das Mahlen nicht leicht von der Hand ging. Gegen Chrysanthemen aller Arten verwehrte er sich zunächst; sie schienen ihm für ein erstes Mal doch arg Japonesisch. Doch durch weitere Hummer mürbe gemacht an Moral und Gelenken, ergab er sich klaglos in diese Lektion.“

Und das ist wirklich nur ein kleiner Ausschnitt.

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