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Christine Langers Gedichtband „Ein Vogelruf trägt Fensterlicht“ – „Schließ die Augen, ich lese dich auf“

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Von: Eberhard Geisler

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Christine Langer. Bild: Jennifer Glennon
Christine Langer. Bild: Jennifer Glennon © JG Photography ~ Jenniffer Glennon

Poesie, die keiner Stilisierung der Untröstlichkeit mehr bedarf: Christine Langers Gedichtband „Ein Vogelruf trägt Fensterlicht“.

Man lese noch einmal Gottfried Benns Spätsommergedicht „Astern – schwelende Tage“ („Der Sommer stand und lehnte / und sah den Schwalben zu“). Schlagartig wird einem angesichts des neuen Gedichtbands von Christine Langer nämlich klar, dass wir mittlerweile in völlig anderen Zeiten leben und in der Lyrik ein völlig anderer Ton angeschlagen ist. Benns Wehmut („noch einmal ein Vermuten, / wo längst Gewissheit wacht: / die Schwalben streifen die Fluten / und trinken Fahrt und Nacht“) ist gewichen, und wir werden zu Zeugen und Zeuginnen einer Poesie, die von großer Selbstsicherheit ist und keiner Stilisierung der Untröstlichkeit mehr bedarf, auch wenn diese dem Dichter noch so hinreißend gelungen war. Sie steht von nun an unter einem Zenit ohne Abschied.

Mirko Bonné charakterisiert die Gedichte der Verfasserin, die seit vielen Jahren übrigens die literarische Zeitschrift „konzepte“ herausgibt, in seinem Nachwort wie folgt: „Es ist der schwierigste Weg von allen, dieser Weg der Mitteilbarmachung, den Johannes Bobrowski den ‚endlosen Weg zum Hause des Nachbarn‘ nennt.“ Damit ist sowohl der literarhistorische Rang dieser Lyrik bezeichnet – man möchte sagen: der Ernst, mit dem sie sich auf die Literaturgeschichte bezieht –, als auch die Aufgabe genannt, die sie sich stellt. Es gilt, zerrissene Netze zu flicken, deren Fäden Bobrowski ebenfalls schon dichterisch wiederaufzunehmen versucht hatte.

Häuslich in sich eingerichtet

Das Buch

Christine Langer: Ein Vogelruf trägt Fensterlicht. Gedichte. Kröner Edition Klöpfer, Stuttgart 2022. 104 S., 20 Euro.

Es könnte sein, dass es derzeit insbesondere weibliche Stimmen sind, die auf der Integrität des schriftlichen Ausdrucks bestehen und an der Revision einer Kulturgeschichte arbeiten, in der theoretischer Diskurs und Poesie, Denken und Empfinden, Anschauung und Begriff, Geist und Leiblichkeit heillos auseinandergetreten waren. Ein Gedicht endet mit diesem Vers: „Das Körperhaus trägt mich ins Offene der Nacht“. Erst wer sich im eigenen Körper häuslich eingerichtet hätte, könnte offen für unabsehbare Begegnungen sein.

Sicherheit des Blicks und Konzision des Ausdrucks sind hier sehr zu bewundern. Diese Dichterin ist gewappnet für die Erfahrung von Fülle: „Das Gegenteil von Verzicht? Das Licht fällt ein, bricht sich / Im Fensterglas“. Ein Philosoph hätte seine Freude am Motiv der Refraktion, in der sich die Einheit bricht, keinen Verzicht mehr fordert, sondern eigentliche Erfüllung entbietet.

„Das ist poetisches Denken, sagst du, / Dieses Befinden zwischen Bewegung und Stillstand, / Schließ die Augen, ich lese dich auf.“ Dichtung schafft einen Raum zwischenmenschlichen Vertrauens – schließ nur die Augen und lass die Dichterin machen! –, in dem das Verstehen von Dichtung sich als Dialog vollzieht und mit einem Akt der Zuwendung in Eins fällt. In diesem Gespräch ist Bewegung und Stillstand zugleich, sprosst Leben aus einem Beharren. „Legen wir doch wieder das vernutzte Wort Begegnung in das Seltsame des Seltenen zurück“, schreibt Martin Heidegger in einem seiner spätesten Hefte, und fern klingt Walter Benjamins Motiv der Rettung an. Auch wenn du elend am Boden liegst, ich lese dich auf. Ein Augenblick des Abschiednehmens ist dies nicht.

Ein schmales Bändchen wie ein reinigendes Gewitter und ein Beweis, dass in der Miniaturisierung des Schreibens eine Kraft liegt, die sowohl zu verdichten als aufzusprengen vermag.

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