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Wenn man liest, was Neudecker schildert, will man noch heute die Fenster aufreißen. Maurizio Gambarini

Christiane Neudecker

Christiane Neudecker „Der Gott der Stadt“: Gut, dass das vorbei ist!

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Ein Roman über eine Ost-Berliner Theaterschule in den Neunzigern und den Mief des Geniekults, geschrieben von der Ernst-Busch-Absolventin Christiane Neudecker.

Die Schriftstellerin Christiane Neudecker, selbst Absolventin des Studiengangs Regie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, hat einen Roman über eine Berliner Theaterschule im Jahr 1995 verfasst. Zwar trägt diese traditionsreiche Ausbildungsstätte in fiktionaler Abweichung den Namen des großen Theateravantgardisten Erwin Piscator und residiert direkt im Wasserturm am Kollwitzplatz, also nicht wie das Original in der benachbarten Belforter Straße, aber man darf davon ausgehen, dass die Erfahrungen der Autorin in das Romangeschehen eingeflossen sind und ihm einen autobiografischen Drall geben.

Das könnten doch dann eigentlich die Textteile sein, die aus konkreter, erinnernder Anschauung entstanden sind und nicht auf schnell und allgemein verfügbare Muster zurückgreifen müssten. Aber offenbar ist das Authentische am Buch seine Klischeehaftigkeit – also der Umstand, dass die unreifen Figuren einem so abgedroschenen wie unreflektierten Selbstbild aufsitzen. Sie dürfen diesem Bild weder entwachsen, noch wird es ihnen überhaupt bewusst. Sie leiden an der Diskrepanz zwischen ihrem irgendwie zu kleinen und zu alltäglichen Leben und dem Wunschbild, das sie sich von einem Theaterkünstler ausmalen. Es ist ein Wunschbild des Geniewahnkitsches, dessen niederschmetternde Kraft einen Regiestudenten verhängnisvollerweise in den Tod jagt. Wenn der schon im Titel „Der Gott der Stadt“ anklingende, schimmelige, verfilzte und verlogene Geniekult das fiktionale Echo dessen ist, was die 1974 in Nürnberg Geborene an der Ost-Berliner Schule erlebt hat, dann will man heute noch die Fenster aufreißen, Weckrufe ausstoßen und Hinterntritte verteilen.

Christiane Neudecker: Der Gott der Stadt. Luchterhand Literaturverlag, München 2019. 672 S., 24 Euro.

Neudecker beschreibt in ihrem dritten Roman einen grauhaarigen Regieprofessor mit guruhaftem Verblendungstalent. Er bewegt sich mit herrisch pathetischem Gestus, hüllt sich in Zigarillorauchschwaden, die ihn wie auratische Geheimnisse umwabern sollen, aber doch eigentlich nur stinken dürften.

Seine nicht dämonische, sondern nur demolierte Persönlichkeitsstruktur müsste jedem, der nur zu einem bisschen Distanz fähig ist, kenntlich werden: Sie hat offensichtlich nach mehrfachen Kränkungen Schaden genommen. Einst gefeiert (wenn das mal keine Legende ist), wird er heute von der natürlich ahnungslosen Kritik verrissen, von den jüngeren Konkurrenten verdrängt und von den künstlerisch nicht satisfaktionsfähigen Westkollegen in den Schatten gestellt. Zudem plagt ihn seine Stasivergangenheit, die zwar keine Gewissensqualen verursacht, aber seine Karriere bedroht.

Die Sorgen um seine nachlassende künstlerische Durchsetzungskraft kompensiert er damit, dass er fünf Regiestudierende des neuen Jahrgangs durch den Psycho-Wolf dreht. Er gibt ihnen das „Faust“-Fragment des Dichters Georg Heym als Materialgrundlage für eine gemeinsame Studioinszenierung – und nimmt sie ihnen bei Gelegenheit mitsamt den Ideen der jungen Leute wieder weg, um doch lieber selbst als derjenige in die Theatergeschichte einzugehen, dem der Ruhm der Uraufführung zufällt.

Für seine Eitelkeit hetzt er sie gegeneinander auf, stellt sie bloß und putzt sie runter. Deprimierend zu lesen ist, wie leicht das funktioniert und wie die Schutzbefohlenen ihren Meister anhimmeln, statt sich zu wehren und ihn mit seinen kunstreligiösen Posen nach Strich und Faden zu blamieren, wie es hoffentlich heute, nach etlichen Machtmissbrauchsdebatten der Fall wäre. Beunruhigend ist, dass auch die Autorin selbst dem Geniekult anheimgefallen zu sein scheint, schließlich lässt sie ihre Protagonisten unter all dem Psychodruck kreative Höchstleistungen vollbringen.

Besonders ehrgeizig und geradezu besoffen vor Bewunderung für den Professor ist die weibliche Hauptfigur. Einerseits ist sie so weit weg von der fränkischen Heimat und allein in der nach Braunkohlerauch stinkenden Oststadt verunsichert, andererseits pflegt sie von der ersten Sekunde an ihre Profilierungsneurose. Sie feilt permanent an ihrer Wirkung und fragt sich zugleich mit großer seelischer Zerknirschung, ob sie wohl eine wahre Künstlerin sei. Sie stürzt sich in ihre Georg-Heym-Recherchen, vergleicht sich ohne Scheu mit dem jung zu Ruhm und zu Tode gekommenen Dichter. Und als sie – wie auch nicht in all der erotischen Aufgeladenheit – für einen Kommilitonen Feuer fängt, klopft sie auch diese Beziehung nach Vorteilen für ihre Karriere ab.

Hat man einmal den Impuls überwunden, das Buch als Schlüsselroman zu lesen und widmet sich ihm stattdessen als einem zeithistorisch dekorierten Großstadtmärchen aus einem vergangenen Jahrhundert, dann entwickelt der Fortgang des geschickt konstruierten Geschehens einen durchaus unterhaltsamen Sog.

Aber wenn die Autorin auf die Bremse tritt, um die Handlung detailreich zu bebildern und die Atmosphäre auf allen Sinnesebenen auszutuschen, dann merkt man ihr den Ehrgeiz, den Fleiß, den Stilwillen und das Bemühen an, nur ja alles richtig zu machen. Der Professor wäre begeistert.

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