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Auch so ein Wunsch: nach Afrika zu den Zebras.
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Auch so ein Wunsch: nach Afrika zu den Zebras.

Roman „Eurotrash“

Christian Kracht „Eurotrash“: Verlangen nach Zebras

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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In Christian Krachts Schweizer Road-Novel „Eurotrash“ kann die Romanfigur Christian Kracht kracht nur dank seiner Mutter die routinierten Pfade seines Erzählens verlassen.

Der Sohn hat gewusst, dass das Geld der Mutter – natürlich ironischerweise – zu weitgehend gleichen Teilen in Schweizer Molkereiprodukten (Emmi) und deutscher Waffentechnologie (Rheinmetall) angelegt ist. Dass die Mutter dermaßen reich ist, wie sich jetzt zeigt, wusste er nicht. „,So viel Geld?‘ – ,Stell Dir mal vor.‘ –, Ich dachte immer, wir sind pleite.‘ – ,Du bist pleite. Ich nicht.‘ – ,Warum hast Du denn Waffenaktien?‘ – ,Tja, das habe ich mich auch schon oft gefragt.‘“

Nun verblüfft die Mutter den Sohn und die Leserin – nicht aber den Schweizer Bankangestellten, einen stoischen Service-Profi –, indem sie sich das Rheinmetall-Geld direkt in bar auszahlen lässt, sechshundert Eintausendfrankenscheine in „einer Dingsbums, einer Plastiktüte“, um sie auf den nächsten 120 Seiten nach Kräften aus dem Fenster zu schmeißen.

Der vage Plan, das Geld zu verschenken, scheitert schon an der ersten Station, bei der es sich versehentlich um eine faschistoide Kommune handelt. Damit will der Sohn nichts zu tun haben. Aber ein Taxifahrer verdient immerhin sehr gut bei dem Ganzen, einer Schweizer Road-Novel: Sohn, Mutter, Taxifahrer. Es geht in die Berge, weil die Mutter Edelweiß sehen will, es geht Richtung Afrika, weil die Mutter noch einmal zu den Zebras will. Die Mutter hat Sehnsüchte nach diesem und jenem. Letztlich kommt das Trio nicht recht voran.

Der Sohn – der Taxifahrer hält ihn zunächst für Daniel Kehlmann – heißt Christian Kracht und hat vor 25 Jahren einen Roman namens „Faserland“ geschrieben. Die Mutter, über 80, ist von Tabletten- und Alkoholsucht gezeichnet. Sie ist auch süchtig nach Geschichten, wie sich später zeigt. Ihr psychologisch und körperlich hoffnungsloser Zustand gibt ihr wider Erwarten eine Freiheit, gegen die alles, was den Sohn betrifft, zur Attitüde wird. Geld ist freilich nützlich dabei.

Schon war über „Eurotrash“ zu lesen, die Mutter sei die heimliche Heldin. Sie ist aber nicht die heimliche, sie ist die offensichtliche, alleinige Heldin. Sie nimmt weiter Tabletten und trinkt Wodka in Halbe-Flasche-Portionen, sie hat eine dramatische Höhenangst, einen Rollator und einen künstlichen Darmausgang. „Oh“, sagt da der Sohn und lernt, den Beutel zu wechseln, und da Zynismus ohne Zartheit langweilig ist, sind das großartige Szenen. Die Mutter wirkt recht gebildet, der Sohn glaubt das nicht: „Sie kannte nichts von Houellebecq oder Ransmayr, sie las nur die Bunte und sah manchmal Quizshows im Fernsehen. Selbst die Neue Zürcher Zeitung wurde immer wieder abbestellt.“ Sie erzählt ihrem Sohn außerdem, dass sie als Elfjährige vergewaltigt worden ist.

Das Buch:

Christian Kracht: Eurotrash. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021. 210 Seiten, 22 Euro.

Aber sie kann auch die Gedanken ihres Sohnes lesen, magisch, und sie kann ein Schutzschild ihrer psychischen X-Men-Energie hochziehen, wenn eine lästige Situation eintritt. Aber das ist selten. Weitgehend tut jeder, was die Mutter will.

„Eurotrash“ knüpft im Großen (im Pseudobiografischen) und im Detail (vom ersten Wort bis zum finalen Friedhofsbesuch) an „Faserland“ (1995) an, als dessen Autor sich die Romanfigur Kracht also bald vorstellt. Ein routiniertes Spiel, clever. Damals, erklärt Kracht, die Romanfigur, habe er „sich und dem Leser vorgaukeln“ wollen, „ich käme aus gutem Hause, wäre wohlstandsverwahrlost und hätte etwas von einem autistischen Snob“. Als die Mutter später auf „Faserland“ zu sprechen kommt, in dem doch auch überhaupt nichts vorkomme (weil auch der Taxifahrer sich gut vorstellen könnte, über die beiden ein Buch zu schreiben): „Ja, aber das war ja fiktiv. Dies hier ist echt.“ Was eine Romanfigur so als echt erlebt. Jedenfalls gibt es auch hier Nachprüfbares, etwa was die Geschichte des Vaters betrifft, der seine Karriere nach dem Krieg an der Seite von Axel Springer begann. Den schweren sexuellen Missbrauch als Kind in einem Internat machte Christian Kracht in seiner Frankfurter Poetikvorlesung öffentlich (und sieht nun die Parallele zu dem, was der Mutter passiert ist, beide haben über Jahrzehnte geschwiegen).

Und ist er in betrunkenem Zustand bei einer Verlagsparty tatsächlich einmal über Joschka Fischer hergefallen? Wer erzählen kann, kann einem viel erzählen.

Auch die Mutter hört gerne, wie ihr Sohn erzählt. Besondere Ansprüche stellt sie in ihrer gewohnheitsmäßigen Verzweiflung dabei nicht. Man muss nur kurz suchen, um das meiste davon – aber nicht alles – auf Wikipedia zu finden, nicht wortwörtlich, aber die Romanfigur Kracht erzählt auch nicht gerade rasant. „Eurotrash“ erzählt insofern eigentlich mehr von der Macht der Geschichten als von der Macht des Erzählens.

Die Romanfigur Kracht schreibt selbst auch ein bisschen geschwollen, etwa wenn er bekennt, er habe „immer gelebt in den Träumen, in den Gespenstern der Sprache“. Aber da nimmt er uns bereits das Wort aus dem Mund und sichert sich ab und macht sich fertig. „Ich hatte das Gefühl, ich hätte mein Leben lang nur Plattitüden von mir gegeben. Nein, ich wusste, ich hatte mein Leben lang nur Plattitüden von mir gegeben. Niemals war irgend etwas, was ich sagte, auf irgendeine Weise relevant gewesen, nie konnte mein Gesprochenes es mit meinem Inneren aufnehmen.“

Tragisch erscheint das dennoch nicht. Das routinierte Spiel, es ist naturgemäß auch kokett, so kokett wie die Selbst- und auch wie die intensive Zürichverachtung. Zürich, „diese Stadt der Angeber und der Aufschneider und der Erniedrigung“, „der geldgierigen Oberleutnants und selbstherrlichen Strizzis“. Auf all das aber kann man sein Denken und Schreiben einstellen, dann kommt das vermutlich wie von selbst. Die Reflexionen über die NS-Vergangenheit der Familie wirken schonungslos, das ist keine Überraschung, wenn auch vielleicht in dieser Deutlichkeit.

Es bleibt dabei: Erst als der Erzähler Kracht endlich seine Mutter aufsucht und mit ihr loszieht, nimmt der Roman Fahrt auf, buchstäblich und literarisch. Dass der Autor Kracht das offenbar weiß und sich darauf einlässt, nimmt für ihn ein.

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