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Mussolini und Hitler in München, September 1937. 

Hitler & Mussolini

„Mussolini und Hitler“: Eine tödliche Beziehung

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Bewunderung, Misstrauen, Kalkül: Christian Goeschel über Hitler, Mussolini und ihre „Inszenierung einer faschistischen Allianz“.

Sie gehören zu den finsteren politischen Gewalttätern, die für die Massenmorde des 20. Jahrhunderts verantwortlich waren. Der eine mehr, der andere etwas weniger. Hitler begann einen Vernichtungskrieg im Osten des europäischen Kontinents und ließ Millionen Juden in den Gaskammern der von seinen Schergen errichteten Lager ermorden. Mussolinis Armee tötete und brandschatzte in Abessinien, und der Duce war kaum weniger ein Rassist als sein faschistischer Partner in Berlin, denn er lieferte schließlich auch die in Italien lebenden Juden an ihre deutschen Mörder aus.

Beide waren politische Hasardeure und narzisstische Selbstdarsteller, deren Denken von aggressiven Wahnvorstellungen geprägt war. Beide machten ihre Völker in wilden Reden und pathetischen Auftritten geistig und moralisch betrunken. Der Zeitgeist spielte ihnen bei ihrem schillernden, kurzen, aber wirkungsmächtigen Auftreten in der Geschichte in die Hände.

Westeuropas Gesellschaften hatten nach den Schlachten des Ersten Weltkriegs ihren Glauben an sich selbst, an die jahrhundertelang propagierte Überlegenheit des angeblich aufgeklärten und allen anderen Rassen überlegenen weißen Mannes verloren. Sie sehnten sich nach charismatischen Helden, die ihnen die Chance boten, die Wahrheit über das Scheitern ihrer Eliten und die Verbrechen des Krieges zu verdrängen.

Am Anfang war Mussolini. Mit seinem Marsch auf Rom im Oktober 1922 übernahmen er und seine faschistische Bewegung die Macht in Italien. Hitler war in diesen Tagen noch ein völkischer Schreihals, dessen Name kaum über die bayerischen Grenzen hinausgedrungen war. Er bewunderte den neuen politischen Stern am italienischen Himmel und glaubte, mit dem Putsch am 9. November 1923 einen „Marsch auf Berlin“ auslösen zu können. Bekanntlich endete das Unternehmen bereits an der Münchner Feldherrnhalle recht schmählich. Aber zehn Jahre später hatte er es mit Hilfe der konservativen deutschen Eliten und der Blindheit der radikalen Linken geschafft. Im Juni 1934 konnte Hitler seinem „Idol“ Mussolini in Venedig als Kanzler gegenübertreten. Es war ihre erste persönliche Begegnung. Im Oktober 1936 gründeten sie die Achse Rom – Berlin, der später auch das japanische Militärregime beitrat.

Lange glaubte Mussolini, dass er bei den zunehmenden Auseinandersetzungen zwischen Deutschland einerseits und Frankreich und Großbritannien andererseits das „Zünglein an der Waage“ spielen könnte. Spätestens seit der Übernahme Österreichs in ein Großdeutsches Reich – der er lange ablehnend gegenüberstand – musste Mussolini jedoch erkennen, wer in diesem Bündnis das Sagen hatte.

Das Buch
Christian Goeschel: Mussolini und Hitler. Die Inszenierung einer faschistischen Allianz. A. d. Eng. v. Ulrike Bischoff. Suhrkamp 2019. 475 S., 28 Euro.

Mit der Entscheidung, sich im von Hitler ausgelösten Krieg an die Seite Deutschlands zu stellen, war sein Untergang unabwendbar geworden. Beide endeten jämmerlich: Hitler entzog sich feige der Verantwortung und erschoss sich. Mussolini wurde von italienischen Partisanen auf der Flucht gefasst und hingerichtet. Seine Leiche hängten sie mit den Füßen nach oben an einen Zaun auf Mailands Piazzale Loreto.

„Die Geschichte Mussolinis und Hitlers“, schreibt Christian Goeschel in seiner jetzt auf Deutsch erschienenen Darstellung der „Inszenierung einer faschistischen Allianz“, „ist am besten als Zweckbündnis und politisch konstruierte Beziehung zu verstehen und weniger als ideologisch unausweichlicher Pakt oder als echte Freundschaft, obwohl zwischen ihnen zweifellos eine gewisse ideologische Affinität bestand, etwa im Streben nach einer neuen Ordnung, im Glauben an politische Gewalt und an die transformative Kraft des Krieges sowie in der Verachtung der liberalen Demokratie.“ Der Historiker Goeschel, der in Manchester lehrt, schildert eindrucksvoll, wie sich die beiden Diktatoren trotz aller gegenseitigen Bewunderungsbekundungen misstrauten, sie stets bestrebt waren, bei ihren gemeinsamen Massenauftritten und diplomatischen Winkelzügen die eigene Person in den Vordergrund zu stellen.

Mussolini schien bis 1933 der Überlegene zu sein, weigerte sich lange, seinen noch machtlosen Bewunderer Hitler zu empfangen und begegnete ihm dann vor ihrer ersten Begegnung in seinen Briefen und öffentlichen Auftritten häufig mit hochmütigen Belehrungen. Erst mit der Kanzlerschaft des Führers und der Errichtung der deutschen Diktatur zeigte sich, dass Deutschlands wirtschaftliche und militärische Ressourcen und die rücksichtslose Außenpolitik Berlins den eitlen Duce in diesem Bündnis auf den zweiten Platz verwiesen.

Hinzu kam, dass Hitler Deutschland als absoluter Herrscher in den Griff genommen hatte. Mussolini wiederum musste trotz seines diktatorischen Gebarens Rücksicht auf das Königshaus nehmen, das zumindest formal an der Spitze des italienischen Staates stand. Goeschel weist zudem auf ein Paradox in Hitlers Sicht auf den Bündnispartner hin: „Während er Mussolini als Mensch und politisches Vorbild bewunderte, hielt er wie viele Deutsche die Italiener für faul, heimtückisch und unzuverlässig.“

Es war der am 22. Mai 1939 von den beiden Außenministern Ribbentrop und Ciano unterzeichnete „Stahlpakt“, der Mussolinis Schicksal endgültig mit dem seines nördlichen Nachbarn verband. „Durch eine Kombination aus Mussolinis Prahlerei und Cianos mangelndem Verhandlungsgeschick hatte Italien dem Dritten Reich quasi eine Blankovollmacht ausgestellt. Hitler gab dieser Pakt Rückendeckung für die geplante Invasion Polens.“

Ein im Buch abgebildetes Foto zeigt Mussolini und Hitler beim Besuch des Italieners im September 1943 im „Führerhauptquartier Wolfsschanze“. Wenige Tage vorher hatte ein deutsches Einsatzkommando („Unternehmen Eiche“) den gestürzten und in Haft gehaltenen Mussolini mit einer spektakulären Aktion befreit. Das Bild zeigt zwei heruntergekommene Gestalten – unrasiert, Mussolini in Zivil, Hitler in Uniform – es fällt heute schwer nachzuvollziehen, dass die Massen diesen beiden Männern einst zu Füßen lagen.

„Es sollte Jahrzehnte dauern, die verheerenden Auswirkungen dieser tödlichen Beziehung zu überwinden“, bilanziert Goeschel. Niemals wieder? In Italien sind die Neofaschisten bei den Wählern längst salonfähig geworden. In Deutschland nennt der AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland die Zeit des Nationalsozialismus einen „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte, und rechtsradikale Rassisten ziehen mordend durchs Land.

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