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Christian Gerhaher: „Lyrisches Tagebuch“ – Handwerk und Nachdenklichkeit

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Von: Judith von Sternburg

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Christian Gerhaher (r.) und der Pianist Gerold Huber. Foto: Alexander Basta / Sony BMG
Christian Gerhaher (r.) und der Pianist Gerold Huber. Foto: Alexander Basta / Sony BMG © Alexander Basta / Sony BMG

Hinter das „Lyrische Tagebuch“ des Sängers Christian Gerhaher will man nicht mehr zurück.

Alles am Kunstlied ist überlegt und gemacht, die Situation, die Haltung der Figur dazu, die Haltung des Sängers oder der Sängerin dazu. Aber anders als bei einer Koloraturarie soll das Publikum wirklich nichts davon mitbekommen. Die Koloraturarie will ebenfalls leicht wirken, aber das will ein Drahtseilakt auch. Wäre die Koloraturarie ein Drahtseilakt unterm Zirkuszelt, wäre das Kunstlied ein Drahtseilakt in 20 Zentimetern Höhe: das Publikum ganz entspannt, aber die Sängerin oder der Sänger im Wissen um einen vergifteten Boden. Oder verborgene Schlangengruben.

Zu den gruseligsten Liederabenden gehören die mit Sängern oder Sängerinnen, die glauben, wer eine große Opernpartie schaffe, schaffe ein Lied von Brahms erst recht. Bei dem großen Bariton Christian Gerhaher hingegen ist das Thema Anstrengung allgegenwärtig. Es ist Teil seiner unaufdringlichen Authentizität, darüber zu sprechen, und Nachweis seines beträchtlichen Sinns für Selbstironie, auch die gelegentliche Diskrepanz zwischen Ambition und Resultat nicht zu überspringen. Dass der Atem nicht immer so weit reicht, wie die Kunst es will. Aber auch: dass es schon lustig ist, wenn man gespannt ist, wie die Regie (in diesem Fall: Christof Loy an der Oper Frankfurt 2014) einen Don Giovanni aus einem machen will, wenn man sich doch keineswegs so fühlt. Und dann entscheidet die Regie, dass Don Giovanni ein ältlicher Mann mit strähnigem Haar ist. Und schon fragt die Dame am Bahnschalter den Mittvierziger, ob er über 60 sei, weil dann eine Ermäßigung greife.

Das „Don Giovanni“-Kapitel gehört zu den stärksten in diesem Buch, in dem es eigentlich nicht um Opern geht. Gerhahers triftige Überlegungen etwa zur sogenannten Champagner-Arie kulminieren in den Sätzen: Hier gehe es seiner Auffassung nach „nicht um Eleganz, sondern um atemlos sich äußernde, um rohe Gewalt. Keine Arie ist in solcher Kürze vergleichbar anstrengend wie ,Fin ch’han dal vino‘, sie ist für mich das äußerste an Äußerung Vorstellbare. Diese singuläre Eruption von Kraft, Wollen, Gewalt, Hohn kommt mir vor wie die Hörbarmachung eines schweren dunklen Sterns, eines schwarzen Lochs“.

„Lyrisches Tagebuch“ heißt dieser Band, in dem sich der also auch glänzende Musikautor Gerhaher in einer denkbar zwanglosen und dabei überzeugenden Form Favoriten und Problematiken seiner Arbeit nähert. Das kann das von ihm zunächst (aber nicht mehr) unterschätzte „Liederalbum für die Jugend“ Robert Schumanns sein, das kann der von anderen (aber nicht von ihm) oft unterschätzte „Lindenbaum“ aus der „Winterreise“ Franz Schuberts sein. „Darstellerisch und gesangstechnisch halte ich dieses Lied für das schwierigste des Zyklus.“ Zur „Winterreise“ gehört auch dieser für alle „Winterreisen“-Interessierten spektakuläre Satz: „Doch ich meine bis heute, dass ein weniger bekümmerter Zugang zu diesem Werk nicht falsch ist.“

Das Buch

Christian Gerhaher: Lyrisches Tagebuch. Lieder von Franz Schubert bis Wolfgang Rihm. C.H. Beck, München 2022. 334 S., 25 Euro.

Und selbstverständlich kann es – als dritter Fixstern am Gerhaher-Liederhimmel – Gustav Mahler mit dem „Fahrenden Gesellen“ sein, „vielleicht kein anderer Zyklus ist mir so klar wie dieser“.

Eine unausgesprochene Belehrung ist es für ein mutloses Publikum, wie übergangslos er auf (halbwegs) aktuelle Musik zu sprechen kommt, von Heinz Holliger oder Wolfgang Rihm. Ausgesprochene Belehrungen finden sich aber auch. Die Werktreue, erklärt er, ziehe er der Autorentreue vor. „Der gefällige Satz ,Das Werk weiß mehr als der Autor‘ ist also keineswegs anarchische Rechtfertigung künstlerischer Beliebigkeit und darstellerischer Selbstüberhöhung.“

Der hochinteressante Einblick in die Handwerksstube eines Sängers, dem seine Kunst nicht einfach unter der Dusche geschenkt wurde, geht Hand in Hand mit dem intellektuellen Nachdenken über die Werke, eine Durchdringung, die immer wieder beschämend genau und eigenständig ist und seinen tiefsten Ernst vielleicht bei Mahlers „Kindertotenliedern“ findet. Gerhaher schildert sein Unbehagen daran, dass hier die zentrale Selbstverständlichkeit des Kunstliedes – die Künstlichkeit der Situation – durch die private, nicht zur Veröffentlichung bestimmte Trauer des Autors Friedrich Rückert radikal und problematisch gebrochen ist. Fast mit jedem Kapitel ist dies ein Buch, hinter das man im Gespräch über Musik und ihre Aufführung nicht mehr zurückfallen möchte.

Meistens an seiner Seite: Der Pianist Gerold Huber, mit dem er seit seinen Anfängen zusammenarbeitet. Und hat er ein Erlebnis ganz alleine, was natürlich ebenfalls vorkommt, heißt es anschließend vermutlich: „Sofort rief ich Gerold Huber an ... .“ Gerhaher ist kein Plauderer, aber wenn es anekdotisch wird, zeigt sich neben seiner Belesenheit, Informiertheit und Akribie auch viel Witz. Außerdem empfiehlt es sich, die Anmerkungen in Ruhe durchzulesen, die gleichfalls äußerst kregel sind.

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