1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Christian Bommarius über das Jahr 1923: „Im Rausch des Aufruhrs“. Ein völlig überraschendes Happyend

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Arno Widmann

Kommentare

Berlin 1923: Zeitungsverkäuferinnen und ihr Wechselgeldkorb.
Berlin 1923: Zeitungsverkäuferinnen und ihr Wechselgeldkorb. © imago images/ZUMA/Keystone

Was ein wirklich zerrissenes Land ist und wie es – vorerst – überlebt: Christian Bommarius’ Buch über das Jahr 1923 schafft Übersicht im Chaos.

Am Ende des Buches dankt der Autor mir für meine Tipps. In dieser Rezension danke ich ihm u.a. auch freudig überrascht dafür, was er daraus gemacht hat. „Im Rausch des Aufruhrs“ – ein Titel, der, ganz anders als das Buch, das Klischee der 20er Jahre bedient – erzählt Bommarius in vielen kleinen Geschichten Monat für Monat, was 1923 alles in Deutschland geschah. Kabinettsprotokolle spielen keine Rolle darin. An ihre Stelle treten Tagebuchaufzeichnungen, Briefe, Zeitungsartikel, Reportagen, Erinnerungen.

In den Medien wird immer wieder von der „tiefen Spaltung“ gesprochen, die durch unser Land gehe. Ob das stimmt oder nicht stimmt, mögen Sie, liebe Leserin und lieber Leser, für sich entscheiden. Wenn Sie allerdings Bommarius’ Buch über 1923 lesen, bekommen Sie eine Ahnung davon, was ein wirklich zerrissenes Land ist.

Ich möchte nur auf drei Faktoren hinweisen, die so etwas wie den Grundakkord der Bommariusschen Darstellung des Jahres 1923 darstellen: Erstens die Inflation, die Millionen Deutschen ihre Ersparnisse wegnimmt, den Staat aber saniert. In einem Land, in dem ein Laib Brot im Januar bereits unglaubliche 250 Mark kostete, im Dezember aber 399 000 000 000 Mark, waren Markschulden ein gutes Geschäft. Bommarius schreibt: „Die gesamten Kriegsschulden des Staates sind Mitte November von 164 Milliarden Mark auf 16,4 Pfennige geschrumpft.“

Danach änderte die Weimarer Republik ihre Währungspolitik. Am 28. November 1923 verabschiedete sich das Reichsgericht vom Grundsatz Mark = Mark. Bis dahin hatte die Reichsbank 524 Trillionen Mark und 700 Trillionen Mark Notgeld gedruckt. Das war nicht nur für den Staat ein Bombengeschäft. Auch für Druckereien. Im November arbeiteten „bis zu 133 Fremdfirmen mit 1783 Druckmaschinen für die Reichsdruckerei Tag und Nacht.“

Auch der Ullstein-Verlag verdiente jetzt damit sein Geld. Zeitungen spielten kaum noch eine Rolle. Zur Rettung des Unternehmens trug allerdings ganz erheblich eine andere Idee bei: Schnittmusterbögen. Die waren überall begehrt. So flossen Schweizer Franken, ja sogar Dollars in die Ullstein-Kasse. Je mehr die Währung zerfiel, desto heftiger blühte der Bankensektor: 1921 wurden in Deutschland 67 Banken gegründet, 1922 waren es 92 und 1923 401. 1913 gab es 100 000 Bankangestellte, 1923 375 000 - zu ihnen zählten auch Joseph Goebbels, Sepp Herberger und Kurt Tucholsky. Die das Geld und große Teile der Wirtschaft zerstörende Inflation schuf an einigen Stellen auch Reichtum und Arbeitsplätze.

Zweitens: Deutschland wurde geographisch zerrissen. Da war die sogenannte „Ruhrbesetzung“ durch Frankreich. Sie begann am 11. Januar 1923 und endete am 25. August 1925. Aber ganz unabhängig davon hielten die Alliierten die linksrheinischen Gebiete schon seit dem Waffenstillstand besetzt wie auch drei rechtsrheinische Städte: Köln, Koblenz und Mainz. Dazu gehörte jeweils auch die umliegende Region in einem Radius von 30 Kilometern. Also auch noch das damals selbstständige Höchst.

Dazu kam, dass im restlichen Deutschland sich immer wieder ganze Landstriche für unabhängig erklärten. Die „Autonome Pfalz“ zum Beispiel oder die „Rheinische Republik“. Aber auch Bayern liebäugelte immer wieder mit einer Ablösung vom Reich. Der erklärte Monarchist Gustav Ritter von Kahr war im September Generalstaatskommissar von Bayern geworden und hatte sofort die Grundrechte außer Kraft gesetzt. Er ließ die 7. Reichswehrdivision nicht mehr aufs Reich und die Reichsregierung, sondern auf Bayern und seine Regierung vereidigen. Das war der offene Bruch mit der Republik. Dass es dazu nicht kam, haben wir Hitler zu verdanken.

Womit wir bei dem dritten großen Riss wären, der 1923 durch Deutschland ging: nennen wir ihn Klassenkampf, die Auseinandersetzung zwischen rechts und links. Für den Oktober 1923 hatten die Kommunisten den Sturz der Regierung geplant. Sie bliesen ihn ab, als sie merkten, dass sich die Gewerkschaften und die Betriebsräte gegen sie stellen würden.

Im November versuchte Hitler von München aus einen Marsch auf Berlin. Am 8. November sprengten er und Göring, begleitet von einer Reihe bewaffneter Angehöriger des Deutschen Kampfbundes, eine Veranstaltung Gustav von Kahrs im Bürgerbräukeller. „Hitler lässt ein Maschinengewehr auf die Menge richten, steigt auf einen Stuhl, schießt mit einer Pistole in die Decke, um sich Gehör zu verschaffen, schreit, das Versammlungslokal sei von der SA umstellt, verkündet die ‚nationale Revolution‘ und erklärt die bayerische und die nationale Regierung für abgesetzt.“ Damit hatte er sich von Kahr, der die Nazis bis dahin unterstützt hatte, zum Feind gemacht.

Die Flugblätter, auf denen am nächsten Tag „die Novemberverbrecher“ in Berlin für abgesetzt erklärt und eine Regierung Ludendorff-Hitler ausgerufen wurde, waren überholt, bevor sie verteilt wurden. Der berühmte Marsch auf die Feldherrnhalle am Freitag, den 9. November 1923 endete mit einem Debakel. Die bayerische Landespolizei vereitelte den Putsch. Der 9. November 1923 war nicht nur ein Sieg der Republik. Als solcher sollte er erinnert werden. Bayerische Separationsgelüste wurden gestoppt und die radikale Rechte, nicht nur die NSDAP, verlor an Boden. Hitler kam ins Gefängnis. Cosima Wagner schickte ihm dorthin das Papier, auf das er „Mein Kampf“ schrieb.

Das Buch

Christian Bommarius: Im Rausch des Aufruhrs. Deutschland 1923. dtv, München 2022. 352 Seiten, 24 Euro.

Der Putschversuch von 1923 war Hitlers letzter. Er hörte zwar nicht auf zu provozieren und provozieren zu lassen, aber vom Traum der „Machtergreifung“ verabschiedete er sich. Desto wichtiger war es für ihn, als die Macht dann nach ihm griff, das zu seiner „Machtergreifung“ zu erklären. Dann machte er allerdings eine daraus.

Inflation, Geographie und Klassenkampf sind nur ganz allgemeine Begriffe. Bommarius zeigt, wie zerrissen das Land wirklich war. Die Inflation traf jeden, aber doch nicht jeden gleich. Tucholsky hatte zum Beispiel einen Arbeitsplatz, an dem er jeden Tag inflationsangepasst entlohnt wurde. Viele Künstler und Künstlerinnen suchten im Ausland nach Arbeit. Mal mit mehr, mal mit weniger Glück. Bommarius erzählt ihre Geschichten.

Die sich für unabhängig erklärenden Regionen, blieben es nur kurz, aber sie lösten einander ab. Die Reichsregierung musste immer wieder anderswohin Truppen aussenden, um die eigene Macht zu behaupten. „Klassenkämpfe“, schrieb ich. Das ist natürlich falsch. Das ist einerseits viel zu summarisch, angesichts der dutzenden von Gruppierungen, die allein in der Arbeiterschaft um die Vorherrschaft rangen. Jede dieser Gruppierungen glich einer Matrjoschka, in der wieder eine Puppe steckte und darin wieder eine. In den rechtsradikalen Gruppen sah es nicht anders aus. Es kam immer wieder auch zu bewaffneten Auseinandersetzungen nicht nur zwischen den Gruppen, sondern auch in ihnen. In den bürgerlichen Parteien wurde zwar gezankt, aber nicht geschossen.

Vielleicht tun wir gut daran, Bommarius zu folgen und die Klassenkampfbrille abzusetzen. Es ging nie um den Sieg des Proletariats über die Bourgeoisie. Das wäre – ein unverstellter Blick hinüber zur Sowjetunion, etwa der des von Bommarius zitierten George Grosz, hätte einen darüber aufgeklärt – das Ende nicht der bürgerlichen, sondern einer jeden Demokratie gewesen.

Im Juni empfahl Karl Radek, einer der führenden Köpfe der kommunistischen Internationale, eine völkisch-kommunistische Einheitsfront gegen die Weimarer Republik. Ganz in diesem Sinne erklärte Ruth Fischer im August 1923: „Wer gegen das Judenkapital aufruft, meine Herren, ist schon Klassenkämpfer, auch wenn er es nicht weiß. Sie sind gegen das Judenkapital und wollen die Börsenjobber niederkämpfen. Recht so. Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie. Aber, meine Herren, wie stehen Sie zu den Großkapitalisten, den Stinnes, Klöckner?“

Ruth Fischer war nicht nur die Tochter des berühmten jüdischen Philosophen Rudolf Eisler, sondern auch die Schwester des Komponisten Hanns und des KPD-Funktionärs Gerhart Eisler. Sie war damals, als sie die vom sozialdemokratischen „Vorwärts“ zitierte Rede hielt, Vorsitzende des KPD-Bezirks Berlin-Brandenburg.

Bommarius gelingt in diesem Buch beides: Er macht die Vielfalt deutlich, das chaotische Durcheinander aller Leben und das eines jeden einzelnen. Und er zeigt in – ich habe sie nicht nachgezählt – sicher mehr als einhundert Einzelaufnahmen den ganzen Film. Er tut das durch raffiniert aufeinander folgende Schnitte und indem er einzelne Figuren immer wieder – in veränderten oder auch schrecklich ähnlichen Konstellationen – auftreten lässt. Zum Beispiel die Nackttänzerin Anita Berber, den Österreicher Adolf Hitler, den ehemaligen Versicherungsangestellten Franz Kafka, den sehr kritisch beäugten Egon Erwin Kisch. Oder den unsäglichen Adolf Stein, den Chef des Deutschen Pressedienstes des Hugenberg-Konzerns und den damit wohl einflussreichsten Journalisten der Weimarer Republik. Und natürlich den Ex-Kaiser Wilhelm.

Dass alle diese Stimmen zu Wort kommen, dass sie jede für sich erklingen, erinnert an Werke der Atonalität. Bommarius lässt uns freilich nicht allein mit seinen kunstvollen Assoziationen. Er stellt jedem der zwölf Kapitel eine knappe Einleitung voran, die einen auf das, was folgt, vorbereitet, Nach dem Dezember kommen noch einmal fast vierzig Seiten „Was weiter geschah“, auf denen Bommarius die Lebensläufe von mehr als 60 Protagonisten und Protagonistinnen des Buches präsentiert.

Der Erzähler Bommarius ist also immer da. Aber er ist umgeben von anderen, die ihre Geschichten erzählen. Mit ihren eigenen Stimmen. In ihrem eigenen Stil. Bommarius zitiert eine Beschreibung des neuesten Modetanzes, des Charleston: „So wenig sie einander mögen, so wenig halten sie offenbar vom Dasein, denn sie suchen sich krampfhaft und mit den größten Anstrengungen ihrer Körper zu entledigen. Zuerst möchten sie Arme und Beine wegwerfen, aber es will nicht gelingen. Gleich darauf geht dieser Hass gegen das Leben auf den Körper selbst über, den sie schütteln, als wäre er eine reife Frucht und als erwarteten sie jeden Augenblick, dass sie vom Ast falle.“ Der Wahrsager Hanussen tritt auf, der zwar Jude war, aber die Nazis unterstützte. Der Serienkiller – damals sagte man noch, man wusste nicht, was kommen würde, Massenmörder – Haarmann, der seine Opfer verspeiste. „Ermächtigungsgesetze“ gab es auch 1923 schon. Sie merken, ich liebe die Fülle, die das Buch bietet, und den Überblick, den es verschafft.

Wenn ich mich aber nicht täusche, gehört ein Großteil der Liebe, mit der dieses Buch geschrieben wurde, der unglücklichen Beziehung des Kabarettstars Margo Lion (1899-1989) zu dem Textautor – etwa von „Heute Nacht oder nie ...” – Marcellus Schiffer (1892–1932), der sich umbrachte „aus verzweiflungsvollem Überdruss an der Welt und am Leben“. Wer „Im Rausch des Aufruhrs“ liest, versteht jeden, der das tut. Er weiß von der Verzweiflung und von den Räuschen, die einen noch tiefer in die Verzweiflung treiben.

Aber er weiß auch, dass wir all das überleben können. 1923 war der Versuch, der Republik den Garaus zu machen. Sie aber überlebte Inflation, Separatismus, Morde und Putsch- und Aufstandsversuche. Sie überlebte sie nicht nur, sondern sie fand auch hinein in eine Stabilität, um die sie die Nachbarstaaten beneideten. Die Weimarer Republik wurde nicht von den Nazis zu Fall gebracht. Sie wurde ihnen von Franz von Papen und Paul von Hindenburg zum Fraße vorgeworfen.

Auch interessant

Kommentare