Christa Wolf in der Ost-Berliner Erlöserkirche, Oktober 1989.

Christa Wolf

Tief im Kern des Mensch-Seins

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Heute wäre Christa Wolf 90 Jahre alt geworden. Schwierig, über sie zu sprechen, ohne über ganz viel zu sprechen.

Ein kleiner Text sollte hier stehen, um an Christa Wolf zu erinnern, die an diesem Montag 90 Jahre alt geworden wäre. Aber es ist unmöglich, ein paar Sätze allein über sie zu schreiben, sobald man nur ein Buch in die Hand nimmt. So lebendig sind ihre Texte. Da sind „Kassandra“ und „Medea“, 1983 und 1996 erschienen, die Bücher, mit denen Christa Wolf sich durch die griechische Mythologie bewegt. Sie nimmt die von Männern erzählten Helden- und Täterin-Legenden auseinander, indem sie die Perspektive wechselt und nicht nur anders auf die Geschichte, sondern auch auf die Gegenwart schauen lässt. Kassandra, die die Wahrheit spricht, der aber niemand glaubt. Akamas, der über Medea sagt, sie sei „zu sehr Weib“ gewesen („Das färbte auch ihr Denken“) und nebenbei Populismus erklärt: „Ich lernte, dass keine Lüge zu plump ist, als dass die Leute sie nicht glauben würden, wenn sie ihrem geheimen Wunsch, sie zu glauben, entgegenkommt.“

Da ist Karoline von Günderode, die in „Kein Ort. Nirgends“ Kleist begegnet, mit ihm Gedanken teilt und das Unbehagen an der damaligen Gegenwart. Oder da ist Christa T. (1968), die sich gegen die den Forderungen nach Strebsamkeit für die Gesellschaft entsagt, was die Erzählerin zu ergründen versucht. Der Roman entstand nach dem 11. Plenum des ZK der SED, jeder mächtigen Partei-Veranstaltung 1965, die das Verdikt über etliche Filme fällte und den Autor Werner Bräunig in seiner schriftstellerischen Existenz vernichtete. Christa Wolf war die einzige, die Widerspruch wagte. Später sagte sie: „Ich wusste, dass ich nicht mehr schreiben könnte, wenn ich hier schweigen würde.“

Liest man Christa Wolf heute wieder, klingt ihre enttäuschte Hoffnung, dass die DDR das vernünftigere Deutschland sein könnte, so oft mit. In ihrem letzten Roman „Stadt der Engel“ ergründet sie die Geschichte deutschen Denkens und die „Zeitschichten“, durch sie selbst gegangen ist: Christa Wolfs Werk entstand in fünfzig Jahren, ihr Denken und Forschen richtete sich tief in die Jahrhunderte und den Kern des Mensch-Seins. Man kann Buch für Buch zurückgehen oder hin- und herlesen – immer wieder hält der Text einen fest.

Eine Ausstellung, die heute im Berliner Literaturhaus eröffnet wird, schaut auf das „Kindheitsmuster als Text-Gewebe“, Wolfs erste Sätze, ihre Briefe. Birgit Dahlke hat sie mit Studierenden der Arbeits- und Forschungsstelle Privatbibliothek Christa und Gerhard Wolf an der Humboldt-Universität entwickelt.

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