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Im Chor der Stimmen

Morphologisches Porträt: Nikolai P. Anziferow beschreibt die Seele Petersburgs, aber nur bis in die zwanziger Jahre

Von Gregor Eisenhauer

Die Seele Petersburgs ist ein antiquiertes Buch - und dennoch lesenswert. Geschrieben wurde es zwischen 1919 und 1922, in jenen Bürgerkriegsjahren, als das alte zaristische Sankt Petersburg nominell starb und den revolutionären Taufnamen Leningrad erhielt. Nikolai Anziferow war von seiner Bildung und europäischen Denkungsart her Petersburger, kein Leningrader; ein Akademiker, mit literarischen Ambitionen, der ein unscheinbares Leben zunächst als Bibliotheksangestellter, dann als Landeskundler und Flaneur von Amts wegen am neu gegründeten Leningrader Institut für Stadttopographie führte. Dennoch wurde auch er ein Opfer der stalinistischen Kulturrevolution. "Wie alle anständigen Leute damals" kam er ins Gefängnis, wurde zu fünf Jahren Lagerhaft begnadigt und nutzte die Verbannung --Deportation ist auch eine Form von Landeskunde - zu weiteren Studien in Sachen "Exkursionistik".

Nikolai Anziferow hat Russland geliebt, mehr noch Petersburg, und da er stilistisch diesem Gefühl nicht gewachsen war, ließ er als Kronzeugen namhafte Dichter und Schriftsteller für sich sprechen. Konzipiert wurde Die Seele Petersburgs als chorische Stadterkundung im morphologischen Sinn. Die Seele der Stadt, zu definieren als "historische Einheit aller Seiten ihres Lebens" gewinnt Gestalt in den Denkmälern und Plätzen, Palästen und Paradestraßen. Eine architektonische Landschaft, die es mit physiognomisch geschultem Blick zu erkunden gilt, und wer könnte dazu geeigneter sein als die Schriftsteller, die sich Petersburg zum Schauplatz ihrer Romane und Gedichte wählten.

Diese Methode ist unterhaltsam, führt aber zu keinen neuen Einsichten, und daher sollte Anziferows Buch, auch wenn das instruktive Vorwort von Karl Schlögel zuweilen einen anderen Eindruck erweckt, nicht als wissenschaftliches Buch verstanden werden. Es ist ein melancholisch anheimelndes Poesiealbum, das Andachtsbilder versammelt. Kein literarischer Stadtführer, ein Erinnerungsbuch - und ein Heldenbuch von Helden ganz unterschiedlicher Art: dem Mann in der Menge wie dem Mann auf dem Thron.

Der imperiale Willkürakt Peters des Großen schuf die Stadt. Auf sein Geheiß hin, so die vielfach in Verse gesetzte Gründungslegende, erwuchs aus dem Morast der Newa das neue Rom, Mittelpunkt eines sich "frisch, sicher und freudig" ausbreitenden Imperiums. Das Denkmal des "Ehernen Reiters", von Katharina der Großen zu Ehren Peters gestiftet, wurde zum städtischen Standbild dieses Schöpferwillens, den Puschkin wiederum grandios in die Gebärdensprache seines gleichnamigen Gedichts übertrug: "Hier setze eine Stadt ich her..."

Diese babylonische Hybris des Zaren kostete Hunderttausende das Leben, denn kaum ein Ort war ungeeigneter für eine Neugründung als das Sumpfland der Newa. Petersburg wurde gebaut auf Gebeinen, auch das blieb unvergessen im poetischen Gedächtnis der Stadt. Die erste der vielen unauflösbaren Antinomien, die das Krankheitsbild "Petersburger Melancholie" prägen: die westlichste Stadt Russlands und zugleich Nekropole slawisch-sowjetischer Nostalgie, Zauberstadt der Kulissen und trostlose Stadt der Ämter und Kasernen. Selbst der Himmel scheint hier in ewiger Unentschiedenheit zu verharren. Eigentlich herrscht in Petersburg, so Dostojewsks Variante der Klimaklage, das ganze Jahre über nur ein feuchter Herbst, der die restlichen Jahreszeiten parodiert. Eine "sumpfige, deutsche, schwindsüchtige, bürokratische, aufrührerische, eine fremde Stadt." Ideal als Nährgrund einer sich selbst nicht ungern persiflierenden russischen Schwermut, denn die wenigsten, die hier klagten, zog es weg. Petersburg ist eine Kunststadt, Stadt der Künste und Artefakt zugleich, nachdem Moskau sie als Hauptstadt ablöste. Die Sinnlosigkeit der großen Plätze und Prachtalleen kontrastiert unheilvoll mit den engen Behausungsräumen der Armen, die das Wort Wohnung nicht verdienen. Die Not des einzelnen im Zaren- wie im Sowjetreich wird literarisch greifbar in kollektiven Untergangsvisionen, Frosttod, Hungerelend, die Ahnung einer Sturmflut, die alles hinweg reißen wird.

Anziferows Buch endet in den zwanziger Jahren und erspart dem Leser somit die Klimax der Petersburger Tragödie: dass diese literarischen Ahnungen eines unausdenkbaren Unglücks tatsächlich Wirklichkeit wurden. 1941 bis 1943: Die Hungerblockade der Wehrmacht. 872 Tage Belagerung, eine Million Tote. Die Enkel und Urenkel jener Deutschen, die Petersburg mit aufgebaut hatten, kehrten zurück, um sie dem Erdboden gleichzumachen. Die Stadt sollte - wie Moskau auch - nicht erobert, sondern, so die perfide Taktik der Wehrmachtsführung, ausgehungert werden.

Anziferow verlor seinen Sohn während der Blockade, und sah seine Tochter, die von den Deutschen zur Zwangsarbeit verschleppt wurde, erst lange nach dem Krieg wieder. Auch das ist vielleicht ein Grund dafür, dass an eine Fortsetzung seines Werkes aus eigener oder fremder Hand gar nicht zu denken war. Die historische Methode "des liebevollen Anempfindens" hatte sich angesichts des zynischen Fortgangs der Geschichte erübrigt. Die Physiognomie der europäischen Stadt war durch den Faschismus brutal entstellt worden.

"Petersburg", spottete einst Alexander Herzen, "unterscheidet sich gerade darin von allen Städten Europas, dass es allen ähnlich ist". Diese Idee eines im Geiste geeinten Kulturraums Europa, die im Sammelsurium der Petersburger Architekturen so vielsprachig zum Ausdruck kommt, wurde als Existenzform von den großen, über alle Landesgrenzen hinweg verschwägerten Adelshäusern repräsentiert, gelebt aber wurde sie vom jüdischen Bürgertum. Der Adel als soziale Kaste hat sich überlebt, die Juden wurden vernichtet. Gäbe es einen Volkstrauertag in Dostojewskis Sinn, an dem die Toten noch einmal die Städte bevölkern würden und nicht die Lebenden, würde offenbar, was Anziferow im unterlassenen Schlusskapitel verschwieg: die Metropolen Mitteleuropas haben mit der Vernichtung des Judentums ihre Seele für immer verloren.

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