1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Der Chor der Amseln

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Auf der Berliner Konferenz klar als Europäerin identifiziert: Die Amsel, hier in Ljubljana. Srdjan Zivulovic/rtr
Auf der Berliner Konferenz klar als Europäerin identifiziert: Die Amsel, hier in Ljubljana. Srdjan Zivulovic/rtr © Srdjan Zivulovic/rtr

29 Schriftsteller aus 24 Ländern konferieren in Berlin über Europa. Und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier erzählt die Geschichte vom Fisch und vom Affen.

Von Sabine Vogel

29 Schriftsteller aus 24 Ländern konferieren in Berlin über Europa. Und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier erzählt die Geschichte vom Fisch und vom Affen.

Ein Affe“, so Frank-Walter Steinmeier, „ging einmal an einem Fluss entlang und sah darin einen Fisch. Der Affe sagte: ‚Der Arme ist unter Wasser, er wird ertrinken, ich muss ihn retten.‘ Der Affe schnappte den Fisch aus dem Wasser, und der Fisch begann zwischen seinen Fingern zu zappeln. Da sagte der Affe: ‚Sieh an, wie fröhlich er jetzt ist.‘ Doch natürlich starb der Fisch an der freien Luft. Da sagte der Affe: ‚Oh wie traurig – wär ich ein wenig früher gekommen, ich hätte ihn retten können.‘“

Tja, das eigene Lebenselement ist eben nicht für alle das richtige und wahre. Mit dieser schönen mosambikanischen Fabel über die Tücken der egozentrischen Wahrnehmung eröffnete Außenminister Steinmeier am Donnerstagabend eine großeuropäische Schriftstellerkonferenz zum Thema „Europa TraumWirklichkeit“. Denn, so Steinmeier, „Literatur schärft die Wahrnehmung, und Wahrnehmung ist der Anfang aller Diplomatie.“

29 Schriftsteller aus 24 Ländern Europas, das mit Bosnien, Russland, Moldawien, der Ukraine, Weißrussland und der Türkei als kulturelle Realität weit über die politischen Grenzen der EU hinaus definiert war, folgten der Einladung Steinmeiers und der Initiativgruppe um die frühere FR-Kolumnistin Mely Kiyak, die Schriftsteller Nicol Ljubic, Antje Rávic Strubel und den Publizisten Tilman Spengler. Nicht Instrumentalisierung oder Vereinnahmung der Kunst durch Politik, sondern ein Gedankenaustausch über Ideen und Visionen von Europa war angestrebt.

Und obgleich die Konferenz kurz vor der Europawahl stattfand, handelte es sich keineswegs um eine politische Werbeveranstaltung dafür, es wurden nicht einmal Brüsseler Fördermittel angezapft. Dafür durfte die Alfred-Herrhausen-Gesellschaft der Deutschen Bank (u. a.) als Großsponsor und Austragungsort glänzen. Auch nicht ganz unpassend für das, was „die Seele Europas“ heute bestimmt.

Den „Traum von Europa“ hatten Schriftsteller vor 26 Jahren, im Mai 1988, schon einmal in einer Konferenz im damaligen West-Berlin thematisiert. Vom baldigen Mauerfall und einem geeinten und „ost-erweiterten“ Europa, wie es für uns inzwischen fast zu selbstverständlich ist, wagten damals nicht einmal die kühnsten Propheten zu träumen. Damals reiste György Dalos aus Ungarn noch als „Devisenausländer“ mit dissidentischem DDR-Umweg über Wien an.

Wie Dalos und Peter Schneider („Der Mauerspringer“, 1982) hatte auch die ungarische Philosophin Agnes Heller schon am 1988er-Treffen teilgenommen. Nun saß sie auf dem Panel zum Thema: Ist Europa heute nur mehr ein Freilichtmuseum, ein Souvenirshop mit Michelangelo-Magnetstickern für Fernost-Touristen? Florenz? Der Louvre? Museen? Aber ja! Da kam die überaus agile 85-Jährige ins Schwärmen. In ihrer Jugend sei Europa ein Konzentrationslager gewesen, ein Kontinent der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen. Und danach habe sie in einem sowjetischen Gefängnis gelebt.

Was also bedeutet Europa?

Ist es europäisch, wenn man miteinander über Proust diskutieren kann? Das stellte Lal Lales aus der Türkei zur Disposition, der seine Mission darin findet, Kafka, Stefan Zweig oder Shakespeare ins Kurdische zu übersetzen. Die dänische Autorin Janne Teller wendete ein, dass sie über Proust ebenso gut mit afrikanischen oder lateinamerikanischen Autoren diskutieren könne. Und die Französin Florence Noiville, die eigentlich den deutsch-jüdischen Namen ihres Ehemanns Hirsch trägt, ergänzte, das gemeinsame kulturelle Fundament sei eher beim Gespräch über „The Wire“ zu finden.

Was ist genuin europäisch? Der Roman! Oksana Sabuschko, deren „Feldstudien über ukrainischen Sex“ 1996 noch vor seinem Erscheinen als Raubdruck Furore machte, kommt aus Kiew wie Gogol, der ja unbestritten der größte europäische Romancier überhaupt sei. Als zeitgenössische Beispiele europäischer Literatur nennt Sabuschko die Finnin Sofi Oksanen („Fegefeuer“, „Stalins Kühe“) und den türkischen Nobelpreisträger Orhan Pamuk. Wie dessen Roman über das Museum der verborgenen Dinge („Museum der Unschuld“) seien alle wichtigen europäischen Romane Diagnosen geheimer, noch nicht ausgebrochener Krankheiten. Der Slowene Goran Vojnovic fügt den Israeli Amos Oz und die indisch-britische Autorin Jhumpa Lahiri hinzu: „Europäisch“ sei immer schon durch Grenzüberschreitung gekennzeichnet gewesen.

Und Frontex?

Und Frontex? Fast wie ein Fremdkörper kommt der Einwurf der Essayistin Carolin Emcke daher. Denn obwohl die Schriftsteller dieses Kongresses dezidiert politisch aktivistisch denken und reden, spricht hier niemand von der „Festung Europa“. Wenn schon eine Metapher, dann ist Europa ein „Haus“, dessen architektonische Ganzheit man weniger als Bewohner denn von außen wahrnimmt. Die europäischen Werte von Freiheit und Liberalismus werden derzeit auf dem Maidan verteidigt. Eurokritiker, das sind heute die Rechten und neuen Nationalisten, so weit ist man sich in aller Vielstimmigkeit einig.

Man könnte auch sagen: Europa ist eine Amsel. Fünf Substanzen machte der schwedische Osteuropa-Experte Richard Swartz als typisch für Europa aus: Ein Streichquartett, französischen Rotwein, das KZ und die Amsel. Diese Improvisationskünstlerin gebe es überall in Europa und nur hier. Den fünften Punkt habe er vergessen – vielleicht ist das Vergessen die fünfte europäische Eigenschaft? Aber genau dagegen aber gibt es ja die Romane, in denen die Schriftsteller uns all die verdrängten, vergessenen oder eben erträumten Geschichten von Europa erzählen.

Auch interessant

Kommentare