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Chocolate, sprich

Ausstellung zum 100. Geburtstag von Erich Arendt

Von Alexander Kluy

Es ist sicher einmalig, dass Weltliteratur sich der Produktion von Schokolade verdankt. Im Fall der Lyrik Erich Arendts (1903 bis1984) war es so. Das Überleben im südamerikanischen Exil während der vierziger Jahre verdankten er und seine Frau Katja den Pralinérezepten von Katjas Großmutter. Auf einer Party entdeckten die Arendts, wie gut ihre selbst gemachten Süßigkeiten ankamen, und gründeten in Bogotá, wohin es sie 1941, nach Jahren der Flucht, Haft und Illegalität in Spanien und Frankreich, verschlagen hatte, "Chocolates Catherine". Nach einigen Jahren waren sie so erfolgreich, dass sie sogar Abnehmer in den USA hatten. Der Verkauf ihrer Kundenkartei ermöglichte es ihnen, Anfang 1950 nach Deutschland zurückzukehren, nach Ost-Berlin. Denn seit 1926 war Erich Arendt Mitglied der KPD. Doch die Ernüchterung kam schnell. Alte Freunde und Bekannte wurden in der Tschechoslowakei und in Ungarn in kommunistischen Schauprozessen verurteilt oder anders kaltgestellt. Bis in die siebziger Jahre wurde Arendt zum "negativ-feindlichen Kern der Kulturschaffenden" gezählt. Nur sein Status als Verfolgter des Naziregimes und seine Randständigkeit bewahrten ihn vor Schlimmerem.

Gleich nach Arendts Ankunft in Berlin hatte Peter Huchel Gedichte von ihm in Sinn und Form untergebracht. Damit nahm eine gewaltige literarische Produktivität ihren Anfang. Rund 50 Buchpublikationen und zahllose Übersetzungen von Arendt, zum Beispiel von Neruda, Paz, Vallejo oder Aleixandre, erschienen bis zu seinem Tod am 25. November 1984.

"aufs Meer blickend / ich sah / seine Gedächtnistiefe die / unbesiegbare Bläue". Diese Zeilen aus seinem Gedicht "Nike" passten an seinem 100. Geburtstag, dem 15. April, ausgezeichnet zum strahlend blauen Himmel, dem tiefschwarzen See, den weißen Türmen von Schloss Rheinsberg, wo die (inzwischen nach Wilhelmshorst gewanderte) Ausstellung über Arendt startete. Dem in Neuruppin in einfachsten Verhältnissen geborenen Dichter wird eine schöne, instruktive Gedächtnisausstellung gewidmet.

Chronologisch werden Leben und Werk aufgeblättert, von seinen spätexpressionistischen und sozialreformerisch-sozialistischen Anfängen in den Zwanzigern über die Jahre im Ausland, in denen er erst nach längerem wieder zu schreiben begann, die Arbeiten der Fünfziger, die noch stark in den exotischen Eindrücken Südamerikas gründeten, bis zur extensiven Reisetätigkeit in den Sechzigern in Ländern entlang des Mittelmeers. Danach setzte bei Arendt eine neue Werkphase ein, in der Duktus, Form und Metaphorik seiner Gedichte immer schroffer und hermetischer wurden. "Worte, losgesagt von üblicher syntaktischer Fügung und üblichem pragmatischem Gebrauch", so charakterisierte dies Gerhard Wolf. Vor allem in den Siebzigern, als Arendt zwischen seiner Ladenwohnung in Berlin-Prenzlauer Berg und Wilhelmshorst pendelte, wurde er zum gesuchten Gesprächspartner und Anreger zahlreicher junger Schriftsteller, so von Adolf Endler, Elke Erb über Sarah Kirsch ("E.A. ist ein Kamel / Mit einem unerschöpflichen lyrischen / Höcker") bis zu Richard Pietraß. Mit bildenden Künstlern, etwa Gerhard Altenbourg und Carlfriedrich Claus, war er gut befreundet. Wieland Förster formte 1968 seine Stele, in der Ausstellung ein dominanter visueller Fluchtpunkt.

Vor allem die Inselwelt der Ägäis war für Erich Arendt ein Archipel der Harmonie vor dem Eindringen der Geschichte. "Die menschliche Mitte zu finden in allen Aspekten, der Politik, der Gesellschaft, der Kultur: nur dieses gilt." Dieses Credo fand er in hellenischer Architektur und Landschaft Wirklichkeit werden. "Der alte Gegensatz Natur - Kultur, hier ist er aufgehoben, hier wurde er zu einem einmaligen, unerhörten Zusammenklang gebracht", schrieb er 1959. "Blutwimper, schwarz: / das Jahrhundert" - eher brüchig ist jedoch die mediterran-unbeschwerte Atmosphäre in Arendts Poemen beschaffen. Dies zeigen diese Schlusszeilen aus "Nach dem Prozess Sokrates" deutlich. Erich Arendts Gedichte - "ein Opus, dazu bestimmt, die Germanisten des dritten Jahrtausend in Bewegung zu setzen" (Friedrich Dieckmann) - umkreisen in ihrer sprunghaften Kombinatorik die Menschheitskatastrophen im Spannungsverhältnis von Sprechen und Verstummen. Nicht ohne Hintersinn nannte er sein letztes, zu Lebzeiten erschienenes Buch entgrenzen.

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