Chercher la femme

Gottfried Benn und Richard Alewyn korrespondieren ein bisschen

Von ROMAN LUCKSCHEITER

Der Vorgang ist banal und doch ein Ereignis: Im August 1951 erhält Gottfried Benn eine Anfrage des Germanistikprofessors Richard Alewyn, ob er sich vorstellen könne, an der Universität zu Köln einen Vortrag vor Studenten zu halten. Für Benn konnte der Brief als ein weiteres Indiz für die steigende Wertschätzung gelten, die ihm als Lyriker entgegengebracht wurde, nachdem seine anfängliche Sympathie mit den Nazis, die er unter anderem auch in einem Schmähbrief an die literarischen Emigranten hatte erkennen lassen, sein dichterisches Renommee zunächst überschattet hatte.

Die Einladung, die er nun in Händen hielt, stammte von einem, der 1933 als junger Heidelberger Ordinarius auf Grund des "Gesetzes zur Wiederherstellung des deutschen Berufsbeamtentums" und wegen einer Großmutter jüdischer Abstammung vom Amt suspendiert worden war, der dann über Frankreich, Österreich und die Schweiz in die USA emigrieren musste und nun erst wieder wenige Jahre in Deutschland lebte. Man kann diese schriftliche Geste als einen Akt des Verzeihens lesen, zumal sich Alewyn an anderer Stelle über Benn als den "nach dem Krieg völlig Gewandelten" geäußert hat. Die aus der Anfrage entstandene Korrespondenz liegt seit kurzem in Heft Nr. 5 der Zeitschrift Berliner Hefte zur Geschichte des literarischen Lebens vor, auf das Sorgfältigste ediert von einem fünfzehnköpfigen "editionspraktischen Seminar" der Humboldt Universität und mit einer instruktiven Einleitung von Jörg Döring und David Oels versehen.

In den insgesamt zwölf Briefen zwischen Benn und Alewyn, die sich über die Jahre 1951 bis 1956 erstrecken und die nie zu einer persönlichen Begegnung führten, wird der Leser Zeuge eines merkwürdigen Missverhältnisses zwischen höflicher Form und inhaltlicher Irritation. Benn signalisiert generelle Bereitschaft und bittet um Themenvorschläge, Alewyn kündigt an, zusammen mit dem Literaturliebhaber und Rektor der "Hochschule für Leibesübungen" ein bescheidenes Honorar bereitzustellen und schlägt ihm im Oktober vor, er möge doch über die Schwierigkeiten beim Abfassen von Gedichten sprechen. Das musste insofern etwas befremdend wirken, da Benn, der gerade für den Büchner-Preis auserkoren war, just einige Wochen zuvor eben dieses Thema in seinem berühmten Marburger Vortrag unter dem Titel "Probleme der Lyrik" behandelt hatte, und sowohl der Rundfunk als auch der Buchhandel diese Abhandlung zugänglich gemacht hatten - Benn sendet ihm den Text umgehend und kommentarlos "mit ergebenstem Gruß".

Nach dessen Lektüre und "verblüfft" über die übersehene Koinzidenz legt Alewyn mit einem "trotzdem" nach und bittet Benn, sich für eine Art Workshop bereit zu erklären, wie Alewyn sie an amerikanischen Colleges kennengelernt hatte: "Ich könnte mir sogar vorstellen, dass Sie auf einzelnen Stufen die Hörer zur Mitarbeit aufriefen: Wer weiß eine bessere Lösung?" An dieser Stelle wissen sich auch die Kommentatoren keinen endgültigen Rat - ob der Germanist nämlich schlichtweg ignorant dem Bennschen Dichtungsverständnis gegenüberstand, das gerade eben im Isolierten, Monologischen seine Wurzeln hatte und von Gruppendynamik denkbar weit entfernt war, oder ob er den Dichter mit einem bewussten Experiment herauszufordern suchte. Die Anfrage wäre dann ein provokanter Test gewesen, inwieweit sich Benn auf einen "demokratisch"-handwerklichen Literaturbegriff einlassen würde. Der Schriftverkehr ruhte daraufhin fast drei Jahre.

Die eigentliche Motivierung der Korrespondenz und der Grund für die Wiederaufnahme durch Benn dürfte eine dritte Person gewesen sein - chercher la femme: die Alewyn-Schülerin Astrid Claes, die eine Doktorarbeit über den lyrischen Sprachstil Benns verfasste. Die Arbeit der jungen Dame macht den Dichter neugierig auf die Person. Bald hört Alewyn einen schwärmerischen Ton heraus, wenn Benn sich ihm gegenüber lobend zu der Dissertation und ihrer Autorin äußert, und antwortet süffisant doppeldeutig, erfreut über das "Interesse", das er "an dem kleinen Geschöpf - ich meine die Arbeit von Frl. Dr. Clases - genommen" habe. Der weitere Verlauf ist bekannt, seit im letzten Jahr der Briefwechsel zwischen Benn und Astrid Claes als Dokument einer schwierigen amourösen Beziehung erschienen ist.

"Berliner Hefte zur Geschichte des literarischen Lebens", Heft 5 / 2003. Am Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität Berlin hrsg. von Peter Wruck und Roland Berbig. 186 Seiten, 8 Euro.

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