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Leonid Breschnew spricht 1979 zu ostdeutschen Kommunisten. AFP PHOTO

Leonid Breschnew

Chef einer gigantischen Behörde

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Susanne Schattenberg widmet Leonid Breschnew, dem Gesicht der späten Sowjetunion, eine differenzierte Biografie.

Für eine ganze Generation verkörpert der massige Mann mit den buschigen Augenbrauen mindestens seit Gorbatschow die Stagnation und die Gerontokratie der späten Sowjetunion. Seine deutsche Biografin Susanne Schattenberg, Jahrgang 1969, betrachtet Leonid Breschnew von der anderen Seite: aus dem Blickwinkel von Sowjetbürgern, die Stalin und Chruschtschow erlebt haben.

Das geringschätzige Urteil der nächsten Generation mag die Autorin sich nicht zu eigen machen. Brauchbare Kriterien für ein Urteil über den „Staatsmann“ Breschnew gibt es aber nicht. Ein Generalsekretär der KPdSU lässt sich an keinem Brandt oder Helmut Schmidt, Nixon oder Giscard d’Estaing messen. Breschnew war nicht bloß Politiker, sondern der Vorstandsvorsitzende eines Mischkonzerns mit 240 Millionen Mitarbeitern, Auszubildenden und Betriebsrentnern.

Hat man das verstanden, erscheinen auch seine politischen Entscheidungen in einem anderen Licht, etwa die Verfolgung von Dissidenten. Zweck des „Konzerns“ Sowjetunion war die Versorgung des eigenen Personals mit Gütern des täglichen Bedarfs. Der Unternehmenszweck war so wichtig, so einfach, so selbstverständlich, dass man jeden Quertreiber entweder für einen kriminellen Saboteur oder für verrückt halten musste. Unter Breschnew, formuliert die Autorin wohlwollend, schaltete die Sowjetunion „vom Revolutionsmodus in den Sozialmodus“. Man könnte auch sagen: Wie im Sowjetreich geht es in jeder Behörde oder großen Firma zu. Breschnew verwaltete einen logischen, bürokratischen, emotionslosen Totalitarismus.

Geboren 1906 in der Ukraine in eine gehobene russische Arbeiterfamilie, blieb der gerade elfjährige „Ljonja“ von der Revolution emotional wohl unberührt, wie Schattenberg aus den dürftigen, propagandistisch verfälschten Quellen überzeugend herausarbeitet. Mit 15 schon musste der Junge als Packer in der Speiseölfabrik von Kursk mit für den Unterhalt der Familie sorgen; es waren Hungerjahre.

Parallel durfte er studieren und wurde nach dem Abschluss dann als „Landneuordner“ in der Kollektivierung der Landwirtschaft eingesetzt. Zur Partei und erst recht zu deren Ideologie pflegte Breschnew in den Jahren seines allmählichen Aufstiegs ein instrumentelles Verhältnis. Unklar, weil später geschönt und überhöht, bleibt Breschnews Rolle im Zweiten Weltkrieg. Jedenfalls kommen die meisten, die ihn kannten, zu dem Schluss, dass dort der Schlüssel für die offenbar ehrliche Friedensliebe des Staatenlenkers zu suchen ist.

Messen lässt sich Breschnew an Chruschtschow, allenfalls noch an seinen moribunden Kurzzeit-Nachfolgern Andropow und Tschernenko. Als unter dem heimtückischen, mordlustigen Stalin jeder bei Nichterfüllung irgendwelcher Planzahlen als „Saboteur“ erschossen werden konnte, profilierte sich der junge Parteisekretär in der Ukraine als Kümmerer, der zuhörte, Probleme löste und jedem Versager eine zweite Chance gab. Wie alle, die den großen Terror überlebten, brauchte auch Breschnew einen mächtigen Paten und fand ihn in Nikita Chruschtschow. Wie es seinem freundlichen Naturell entsprach, trug er später dessen Entstalinisierung voll und ganz mit. In Opposition geriet er dann zu seinem Förderer durch dessen Führungsstil. Oft wütend über die bürokratische Verkrustung, setzte Chruschtschow gern auf „die Massen“ und verachtete seine selbstgefälligen „Kader“.

Die Palastrevolution, die Breschnew dann im Oktober 1964 an die Macht brachte, war die Rache dieser Kader. Von nun an lief alles in ruhigen Bahnen. Um revolutionären Anforderungen auszuweichen, ließ noch der Generalsekretär von seinen Ideologen den „entwickelten Sozialismus“ erfinden – offiziell als Zwischenstufe auf dem Weg zum Kommunismus, tatsächlich als Formel das kleinbürgerliche Glück mit Lada und Datsche. Wenn es mit Ernten, Versorgung oder Konsumgüterindustrie nicht weiter ging, griff Breschnew nicht zu Ideologie, sondern zu Krediten, teuren Weizenimporten und, soweit er persönlich an Grenzen kam, zu Tabletten. Schon mit 45, noch zu Chruschtschows Zeiten, hatte er den ersten Herzinfarkt erlitten. Seit den frühen siebziger Jahren ergab der chronisch überforderte Kümmerer sich seiner Sucht nach Valium-ähnlichen Beruhigungsmitteln und war, wie Schattenberg an etlichen grotesken Auftritten zeigt, seit 1976 amtsunfähig.

Da sein Sozialismus von jedem weltrevolutionären Anspruch gereinigt war, durfte Breschnew auf dem internationalen Parkett frei und ungeniert den Staats- und Lebemännern der kapitalistischen Welt nacheifern. Der „Schauspieler“, wie er im Titel mit etwas Übertreibung genannt wird, ließ sich teure Autos schenken, fuhr halsbrecherisch, trug Maßanzüge und ließ sich täglich vom Friseur schamponieren – beides in scharfem Kontrast zum knittrigen Vorgänger Chruschtschow, der noch als „Platzhalter für eine feindliche Weltanschauung“ wahrgenommen worden wurde. Wohl nicht zufällig erwies sich Breschnews persönlicher Nachwuchs als nichtsnutzig.

Vieles ist neu auf den 660 detailreichen Seiten dieser fairen und psychologisch überzeugenden Lebenserzählung. Aber einen einigermaßen sicheren Platz in der Geschichte, wie man es 35 Jahre nach dem Tode eines so mächtigen Staatenlenkers erwarten würde, kann Schattenberg ihrem Breschnew nicht zuweisen. Das mag daran liegen, dass das sozialistische Experiment überhaupt noch immer sperrig und scharfkantig in den Hirnen der Historiografen liegt. Was die Erinnerung an 100 Jahre Oktoberrevolution nicht geleistet hat, darf man auch von einer Breschnew-Biografie nicht erwarten.

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