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Im Jahr 1843, in dem Dickens’ „Weihnachtsgeschichte“ entstand, wurde auch diese erste Grußkarte zu den Festtagen gedruckt.

Charles Dickens

Charles Dickens hat eine Mitschuld am Weihnachtskitsch, zeigt eine Ausstellung

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Eine Ausstellung in London gibt dem englischen Schriftsteller Charles Dickens eine Mitschuld am Weihnachtskitsch.

Längst säumen Christbaumverkaufsstände die Straßen der Vorstädte, versprechen Supermärkte saftige Rabatte, beschallen Kaufhäuser die Kundschaft mit öligen Melodien. Christmas ist auch auf der britischen Insel schon im November ein riesiges Kommerzspektakel.

Wenn man einem weltberühmten Autor Glauben schenkt, hat sich an der Situation in den vergangenen 150 Jahren wenig geändert. „Ich habe die Sache gründlich satt“, schrieb Charles Dickens (1812–1870) in den 1860er Jahren einem Freund. In einem Stoßseufzer an seinen Verleger schob er einige Jahre später eine Begründung nach: „Mir fällt nichts ein, was keine Wiederholung wäre der immergleichen alten Geschichten, erzählt auf stümperhafte alte Weise und zu Tode imitiert von allen anderen Publikationen.“

Der Autor von „Oliver Twist“, „Bleak House“ und „Große Erwartungen“ störte sich schon damals an etwas, was Menschen im 21. Jahrhundert auf die Nerven geht: Weihnachten bricht immer früher aus und gerät viel zu oft zu einer läppischen Ramschveranstaltung. Eine Ausstellung im Londoner Dickens-Museum weist nun augenzwinkernd darauf hin, dass der Autor der kitschigen Weihnachtsgeschichte eine erhebliche Mitschuld am sentimentalen Overkill trägt. Schon vor der Veröffentlichung von Scrooge Ebenezers wundersamer Wandlung 1843 und erst recht danach befeuerte der Autor das stetig wachsende Geschäft rund ums Winterfestival. Simon Eliot, Professor an der Universität London, fasst es knapp zusammen: „Dickens war Geschäftsmann, er kannte den Markt ganz genau.“

Charles Dickens - ein ungeheuer produktiver Schriftsteller

Wir treffen den Experten für die Geschichte des Buchdrucks und Verlagswesens im Haus Doughty Street Nummer 48 im Londoner Stadtteil Bloomsbury. Es dient seit 1924 der Erinnerung an den weltberühmten, wenn auch nur kurzzeitigen Bewohner; inzwischen gehört auch Hausnummer 49, in der damals der Anwalt des Autors lebte, zu dem kleinen, aber feinen Museum.

Dieser Tage erstrahlen die normalerweise abgedunkelten Räume, vom Speisezimmer im Erdgeschoss über den Arbeitsraum im ersten Stock bis zu den Schlafzimmern unterm Dach, im Festtagsglanz. „Schöne Bücher – Dickens und das Weihnachtsgeschäft“ lautet der Titel der Ausstellung, mit der Direktorin Cindy Sughrue ihr Idol feiert und gleichzeitig ein wenig auf die Schippe nimmt.

Am Beispiel des ungeheuer produktiven Schriftstellers und seiner Konzentration auf Weihnachten lernen Besucher viel über Dickens selbst, aber auch über die veränderten Bedingungen des Verlagswesens und die enorm zunehmende Bedeutung der bürgerlichen Familie und ihrer Rituale in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Schon 1836 handelte ein Sketch vom „Christmas Dinner“. Das Fest diene als „jährliche Versammlung aller verfügbaren Verwandten“, schrieb Dickens, und die Kinder würden sich „zwei Monate im Voraus“ darauf freuen. Auch in den „Pickwick Papers“ spielen Weihnachtsrituale eine Rolle.

„A Christmas Carol“ erschien kurz vor Weihnachten 1843

Die Weihnachtsgeschichte selbst erschien am 19. Dezember 1843. Bis zum Fest war die Erstauflage von 6000 Stück vergriffen, im darauffolgenden Jahr folgten fünf weitere Auflagen. Vier weitere Weihnachtsbücher schrieb Dickens selbst, veröffentlichte zudem Sammlungen von Geschichten zum Fest in seinen Magazinen. „Ich will keine Lücke entstehen lassen“, begründete er seine geschäftstüchtige Konzentration auf das immer wichtiger werdende Familienfest.

Begünstigt wurde der Absatz von Dickens’ Büchern von einer Veränderung im Verlagsgeschäft. Galt zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Frühjahr als wichtigste Verkaufsperiode, erleichterte die Eisenbahn die Reichweite, führten Wohlstand und bessere Schulbildung in wichtigen Teilen der Bevölkerung zu größerer Nachfrage nach Lesestoff. In den 1840er Jahren gewann das Jahresende zunehmend an Bedeutung, von der Mitte des Jahrhunderts an konzentrierte sich das Bemühen der Verlage auf die Wochen vor Weihnachten.

Kitschige Weihnachts-Grußkarten: Rückwärtsgewandt, aber bis heute aktuell

Das Museum zeigt die erste, 1843 entstandene Grußkarte zu den Festtagen, die bald zum Repertoire der englischen Mittelschicht gehörte. Die bis heute vorherrschenden Motive – tief verschneite Dörfer, putzige Postkutschen, idyllische Landschaften – waren schon zu Dickens’ Lebzeiten rückwärtsgewandt, korrespondierten jedoch mit Szenen aus Werken des Autors. Der Knabe hatte noch die Ausläufer der kleinen Eiszeit miterlebt, als es auch in London im Winter häufig und ausgiebig schneite. Diese Kindheitseindrücke übernahm er in seinen Werken und entsprach damit der Sehnsucht seines sentimentalen Publikums.

Wie sehr sich die Haltung des tüchtigen Geschäftsmanns unter dem Eindruck persönlicher Eindrücke im Lauf der Zeit wandelte, wird im Museum schön dokumentiert. Hatte der 24-Jährige seine Leser noch beschworen, ausgerechnet an Weihnachten „nicht über der Vergangenheit zu brüten“, sprach er 16 Jahre später, den Tod mehrerer Familienmitglieder vor Augen, ausdrücklich vom Freudenfest als Gelegenheit zur Erinnerung, nicht zuletzt an die Verstorbenen.

Gegen Ende seines Lebens mochte Dickens dann am liebsten gar nichts mehr beitragen zum Festtagsrummel. Da sei der Autor nämlich „furchtbar gelangweilt“ gewesen von Weihnachten, erzählt Professor Eliot und lacht fröhlich.

Dickens-Museum,London: bis 19. April. dickensmuseum.com

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