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„Der Kampf der ,Rassen‘ hat den der Klassen verdrängt“, schreibt Caroline Fourest. Joel Saget/afp
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„Der Kampf der ,Rassen‘ hat den der Klassen verdrängt“, schreibt Caroline Fourest. Joel Saget/afp

„Generation Beleidigt“

Caroline Fourest „Generation Beleidigt“: „Sag mir, welcher Herkunft du bist, und ich werde dir sagen, ob du reden darfst!“

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Debatten über Sprache, Geschlecht und Herkunft laufen immer häufiger aus dem Ruder. Die französische Schriftstellerin Caroline Fourest beschreibt die „Generation Beleidigt“

Nichts hat die gesellschaftlichen Debatten zuletzt derart beherrscht wie Fragen kultureller Legitimation. Das klingt, wenn man es so beschreibt, nach dem Stoff für ein studentisches Proseminar. Tatsächlich aber geht es in den Beispielen aus den vergangenen Wochen immer auch darum, wie wir miteinander leben wollen und können. Und dieses Zusammenleben ist, vorsichtig ausgedrückt, unter Druck geraten.

Anders gesagt: Die Vorzeichen haben sich verkehrt. Anstelle eines liberalen Laissez-faire-Prinzips, das auf Toleranz aufgebaut war, ist seit geraumer Zeit das Bedürfnis nach Kontrolle sowie der Entscheidungsgewalt über Erlaubnis und Verbot getreten. Immer stärker wird der öffentliche Diskurs davon bestimmt, was einer darf und was nicht.

Drei Fallbeispiele: Darf also eine weiße niederländische nicht binäre Person das Gedicht „The Hills We Climb“, das die afroamerikanische Dichterin Amanda Gorman zur Amtseinführung des Präsidenten Joe Biden vorgetragen hatte, ins Niederländische übertragen? Allein die darüber aufkommende Diskussion, dass Nicht-Schwarzen eine wichtige Erfahrungswelt zu Gormans Lyrik fehle, führte schließlich zum Rückzug der bereits beauftragten Marieke Lucas Rijneveld und ließ den Einwand nahezu ungehört verhallen, dass es nicht frei von rassistischem Gedankengut sei, die Lyrikerin Gorman derart auf ihre ethnische Herkunft zu reduzieren.

In Berlin-Neukölln an der Grenze zum einst so hippen Kreuzberg wurden unlängst die Fensterscheiben eines Buchladens für Literatur von Frauen mit der stigmatisierenden Aufschrift „Nazi-Money“ beklebt, weil via Instagram eine Diskussion darüber entbrannt war, ob die Vorfahren der Ladengründerin möglicherweise mit Verbrechen des Nationalsozialismus belastet seien. Ein historischer Nachweis unterblieb, es reichte aus, den Urgroßvater der jungen Unternehmerin nach Google-Recherche als Wehrmachtsgeneral ausfindig gemacht zu haben. Die Rolle des Urgroßvaters in der Wehrmacht und dessen Oppositionshaltung zum Hitlerregime war für die weitere Denunziation des Projektes unerheblich (FR v. 5. 3 u. 13.3.). Nach Ansicht ihrer Gegnerinnen hätte die Inhaberin ihr Buchladenprojekt allein dadurch retten können, wenn sie sich demonstrativ enterbt und das Geld gespendet hätte für anerkannte Opfer, welcher Unterdrückung auch immer.

Die unsinnige Diskussion über die Verwendung des Wortes Zigeunerschnitzel in der WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ muss hier nicht eigens erwähnt werden, wohl aber der Shitstorm, der Moderator Thomas Gottschalk ereilte, als er in derselben Sendung davon berichtete, sich im Rahmen einer Party in den USA einmal als der von ihm verehrte Musiker Jimi Hendrix verkleidet zu haben.

Das Buch:

Caroline Fourest: Generation Beleidigt. A. d. Franz. von A. Carstiuc, M. Feldon, Ch. Hesse. Edition Tiamat. 144 S., 18 Euro.

Letzteres könnte als schlimmer Fall von Blackfacing beschrieben werden, dem sich die französische Autorin Caroline Fourest in ihrem kurzen, dafür umso flammenderen Essay „Generation Beleidigt“ neben vielen anderen Beispielen linker Identitätspolitik gewidmet hat. „Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei. Über den wachsenden Einfluss linker Identitärer“ lautet der Untertitel der deutschen Übersetzung des im vergangenen Herbst auf Französisch erschienenen Buches, in dem unmissverständlich zum Ausdruck gebracht wird, dass die Strategie einer rechten nationalistischen Identitätspolitik längst eine linke Entsprechung hat.

Fourest versteht sich als feministische Schriftstellerin jüdischer Herkunft, die in Frankreich bereits 2004 für Aufsehen gesorgt hatte, als sie sich kritisch mit dem Schweizer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan auseinandergesetzt und ihm vorgeworfen hatte, einerseits den verständigen europäischen Intellektuellen zu geben und andererseits Vordenker eines radikalen Islamismus zu sein. Hatte sie sich mit ihrem Buch über Ramadan unerschrocken einer größeren Öffentlichkeit präsentiert, unterstrich sie diese Haltung später in journalistischen Beiträgen für die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“, deren Redaktion 2015 Opfer eines islamistischen Terrorangriffs wurde, bei dem zwölf Menschen ermordet wurden.

In ihrem Buch „Generation Beleidigt“ stellt Caroline Fourest ihre Aufmerksamkeit für gesellschaftliche Verschiebungen auch dort unter Beweis, wo sie nicht gleich in Terrorismus münden, als Tugendterror aber sehr wohl gewaltsame Dynamik entfalten können. Man könnt es sich leicht machen und Fourests Essay als polemische Kampfschrift gegen die auch in Frankreich und Kanada grassierenden Formen der Identitätspolitik abtun. Es ist aber nicht allein Fourests Verve, die beeindruckt, sondern die analytische Klarheit, mit der sie den Beispielen aus ihrem kulturellen Umfeld zu Leibe rückt, die den eingangs erwähnten Exemplaren deutscher Provenienz ähneln.

Fourest beschreibt es als besondere Plage der Sensibilität, wenn Minderheitenrechte in immer neuen Varianten zum Schutzgegenstand politischer Aktivisten auserkoren werden. So forderten Studierende in Kanada die Streichung eines Yogakurses, um sich nicht auch nur dem Verdacht aussetzen zu müssen, sich die indische Kultur anzueignen. Aus ähnlichen Motiven werden asiatische Menüs aus USKantinen verbannt. Wer sich in solch einer Debatte zum Widerspruch aufgerufen fühlt, dem kann es passieren, sein Verhalten als Mikroaggression ausgelegt zu bekommen.

Fourests Beispiele sind zu wahr, um lustig zu sein, weshalb sie ihre Fallsammlung mit soziologischer Genauigkeit unterfüttert. „Gestern kämpften Minderheiten gemeinsam gegen Ungleichheiten und patriarchale Herrschaft“, schreibt Fourest. „Heute kämpfen sie, um herauszufinden, ob der Feminismus ,weiß‘ oder ,schwarz‘ ist. Der Kampf der ,Rassen‘ hat den der Klassen verdrängt. Die Frage: ,Von wo sprichst du, Genosse?‘, die der gesellschaftlichen Klassenlage entsprechende Schuldgefühle erzeugen sollte, hat sich in Identitätskontrolle verwandelt: ,Sag mir, welcher Herkunft du bist, und ich werde dir sagen, ob du reden darfst!‘“

Fourest führt aus, wie kulturelle Aneignung, die einst das Medium wechselseitigen Verstehens für die Durchsetzung universalistischer Ideale war, mit einer Hermeneutik des Verdachts überzogen und zum Gegenstand einer mit allen Mitteln zu bekämpfenden Praxis wird. Die gesteigerte Empfindsamkeit, die die „Generation Beleidigt“ ausagiert, bedeutet natürlich nicht, hart austeilen zu können, wenn es im jeweiligen politischen Kampf darauf ankommt.

Aus den politischen Erschütterungen, die der erstaunliche Erfindungsreichtum identitärer Aktivisten immer wieder auszulösen vermag, versucht Caroline Fourest sich hinüberzuretten in bittere Ironie. „Traumatisiert von der Vorstellung, dass Weiße sich einen Afro-Haarschnitt zulegen, finden es dieselben Leute aber normal, dass weiße Studentinnen zum ,Hijab Day‘ einen islamischen Schleier anprobieren.“ Diese von fundamentalistischen Kreisen ausgehende Initiative sei, so schreibt Fourest, von Studentinnen der Pariser Universität Sciences Po aufgegriffen worden, um sich einen Tag lang in „Sittsamkeit“ zu üben. „Komischerweise“, fährt Fourest fort, „wollte darin keiner der üblichen Inquisitoren die geringste kulturelle Aneignung erkennen.“

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