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Die Autorin Carmen Buttjer

Carmen Buttjer

Perspektiven und Persönliches sezieren

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In Carmen Buttjers Debütroman „Levi” fasst ein Elfjähriger schwere Themen in starke Worte – und fängt so ein Lebensgefühl ein, für das er eigentlich noch viel zu jung ist. Ein Treffen mit der vielversprechenden Autorin.

„Darf ich raus?“ fragt Carmen Buttjer einen Mitarbeiter am Stand von KiWi scherzhaft. Bei Galiani Berlin, einem Imprint des Verlags Kiepenheuer & Witsch, erschien Ende August ihr erster Roman „Levi“, die Nominierung für den Bayerischen Buchpreis einen Monat später katapultierte sie zur vielbeachteten Nachwuchsautorin. Das bedeutet für die 31-Jährige auf der Buchmesse: Am Messestand ihres Verlages präsent sein, und eben nicht draußen. Aber Halle 3 ist stickig und der Ausgang wird gestattet, also steuern wir die Terrasse des dritten Stockes an. Buttjer trinkt Holunder-Bionade und lehnt sich an einen Stehtisch unter einem gelben Sonnenschirm. Um uns herum regnet es in Strömen, die Wolken hängen schwer und tief.

Auch Levi, Buttjers Hauptprotagonist und Namensgeber des Buches, will raus. Raus aus Berlin, raus aus seinem Leben, das plötzlich so düster geworden ist – wie der Frankfurter Himmel an diesem Nachmittag. Der Junge ist elf Jahre alt und erzählt im Roman größtenteils aus der Ich-Perspektive: Wie er nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter die Urne bei der Beerdigung klaut. Wie er sich dann in einem Zelt auf dem Dach des Wohnhauses verkriecht. Wie er irgendwie versucht, mit dem Verlust klarzukommen.

Carmen Buttjers Ich-Erzähler Levi erlebt Einsamkeit, Verlust und Anonymität

Buttjer beschreibt seine Gedanken so ungefiltert und sprunghaft, dass sie nur von einem Kind stammen können – weil bei Levi die Vernunft noch nicht über Fantasie und Naivität gesiegt hat. „Für mich war das Wichtigste die Stimme”, sagt Buttjer. „Und dass man möglichst nah im Kopf von jemandem ist.“ Das ist ihr eindrucksvoll gelungen: Levis Ton ist ehrlich und unverblümt, geprägt von impulsiven Entscheidungen und der Orientierungslosigkeit nach so einem Schicksalsschlag. Seine Handlungen und Gedanken sind nachvollziehbar, weil sie eben nicht nachvollziehbar sind. Ein Elfjähriger muss sich keiner Logik bedienen. Genauso wenig wie es Gefühle tun.

„Levi“ von Carmen Buttjer ist im Galiani Verlag erschienen.

Die Erzählperspektive ermöglicht es Buttjer, schwere Themen wie Einsamkeit, Verlust und die Anonymität der Großstadt greifbar zu machen. Dazu trägt auch die Abwechslung zwischen Levis Ich-Perspektive und dem um einiges älteren Kioskbesitzer Kolja von Gegenüber bei. Der war mal Kriegsfotograf, ringt mit gänzlich anderen, in ihrer Schwere aber doch ähnlichen Traumata. „Bei Lesungen stelle ich oft eine Szene von Levi und eine Szene von Kolja gegenüber”, sagt Buttjer. Die Situationen der beiden treiben nebeneinander her – und sind dennoch miteinander verbunden. So wie ihre Protagonisten irgendwie verbunden durch die Großstadt treiben.

Levis Alter legt nahe, die Geschichte als Coming-of-Age-Erzählung zu verstehen. Eher aber spiegelt sie eine ganz altersunabhängige Stimmung wider, wie sie durch die Straßen von Großstädten wabert, meistens aber nur schwer in Worte gefasst werden kann. Deshalb ist ein Kind dafür genau der richtige Erzähler, und Levi in „Levi” so eindrucksvoll. Weil er Eindrücke ganz einfach und wahr wiedergeben kann, ohne sich hinter Verkomplizierungen zu verstecken. Als Kind ist man noch kein Opfer von Routinen und vorgegebenen Verhaltensweisen, sagt Buttjer. „Am Ende muss man sein eigenes Selbstverständnis entwickeln, und seine eigene Idee über die Welt.“

Auch Buttjer wohnt in Berlin, kennt die Häuserfluchten und Marotten der Großstadt nur zu gut, die sie liebt und die Levi hasst. Nicht nur ihr Debütroman ist von der punktgenauen Analyse des Zwischenmenschlichen im Meer der Anonymität geprägt. Auch in ihrer Sex-Kolumne, die regelmäßig auf Vogue.de erscheint, und in dem autobiografischen Buch „Fuchsteufelsstill”, das 2017 unter dem offenen Pseudonym Niah Finnik herausgekommen ist, seziert Buttjer schon Perspektiven und Persönliches.

In der Rubrik "Unter Dreißig" berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

Carmen Buttjer

Levi

Galiani Berlin 

2019

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