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Camille Laurens „Es ist ein Mädchen“: Kein Grund, den Champagner zu öffnen

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Von: Petra Pluwatsch

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Die französische Schriftstellerin Camille Laurens.
Die französische Schriftstellerin Camille Laurens. © AFP

„Es ist ein Mädchen“: Camille Laurens erzählt gewitzt eine bittere Geschichte.

Was für eine Enttäuschung. Es ist ein Mädchen. Der Champagner wird im Peugeot 403 bleiben, der Anruf bei der Verwandtschaft kann warten. Der Vater wird nach der Geburt still nach Hause gehen, denn heute gibt es nichts zu feiern. „Es ist ein Mädchen.“

Mädchen, das sind rosa gekleidete Mängelexemplare, zu nichts nütze und eine Enttäuschung vom ersten Atemzug an. Zumindest, wenn man im Jahr 1959 geboren wird und die Familie dringlich auf einen Jungen hoffte. „Da haben wir’s, dein Vater fällt in sich zusammen, hat er wirklich dran geglaubt? Was ist es? Ein Flop.“

Wie es ist, der Flop zu sein

Das Buch:

Camille Laurens: Es ist ein Mädchen. Roman. A. d. Franz. v. Lis Künzli. dtv, München 2022. 256 Seiten, 22 Euro.

Mit Witz und scharfem Blick analysiert die französische Autorin Camille Laurens in ihrem autofiktionalen Roman „Es ist ein Mädchen“, was es für Frauen ihrer Generation – und vielleicht auch für weitaus später geborene „Flops“ – bedeuten konnte, in einer männerdominierten westlichen Gesellschaft aufzuwachsen. Von Kindesbeinen an wird Laurence, der Zweitgeborenen einer gutsituierten französischen Arztfamilie, die Rolle der zukünftigen Hausfrau und Mutter zugewiesen. Mädchen sind brav, sie spielen mit Puppen und warten auf ihren Traumprinzen. Und wenn sie Pech haben, greift ihnen ein Onkel am Kaffeetisch in den Slip, und niemand unternimmt etwas dagegen.

Der Junge, erklärt ihr der Tanzlehrer im Ballettunterricht, „ist dazu da, das Mädchen zu tragen, zu stützen, aufzuwerten, ‚wie im richtigen Leben‘, sagt er und dreht sein Grimassengesicht zu den Mamas“. Dabei weiß Laurence schon mit fünf Jahren: „Alles, was ein Junge kann, außer im Stehen pinkeln (aber wer weiß), das kann ich auch. Ich habe nur keine Lust dazu.“ Voller Neugierde versucht sie herauszubekommen, was denn nun so besonders ist an diesen kleinen Jungen, die stets die besseren Karten haben und zu allem Übel auch noch mit Murmeln spielen dürfen, was Mädchen streng verboten ist.

Camille Laurens, ihrerseits 1957 in Dijon geboren, schildert eine Frau, die dennoch versucht, ihren Weg zu machen. Die 68er versprechen Aufbruch und Freiheit – und bescheren Laurence vor allem die traumatische Erfahrung einer abgebrochenen Schwangerschaft. Auch sie geht irgendwann den Weg ihrer Mutter. Sie heiratet, bekommt einen Sohn, verliert ihn kurz nach der Geburt, bekommt ein zweites Kind, ein Mädchen. Verzichtet auf eine Karriere. Doch Alice, ihre Tochter, ist so ganz anders als sie selbst als Kind war: mutig, selbstbewusst, durchsetzungsfähig. Sie spielt Fußball mit den Jungen, und selbstverständlich besitzt sie einen ordentlichen Vorrat an Murmeln.

Dieses Kind, das zu einer schönen jungen Frau heranwächst, lehrt Laurence zu erkennen, wie sehr diese selbst in alten Denkmustern feststeckt, und versöhnt die Mutter letztendlich mit sich und mit ihrem Frausein. Alice schert sich nicht um Geschlechteridentität, und sie fühlt sich zu Männern wie zu Frauen hingezogen. „Man verliebt sich in einen Menschen, in eine Person, nicht in eine Sache, nicht in ein Geschlecht“, erklärt sie der Mutter, als diese erfährt, dass sie sich in ein Mädchen verliebt hat. Laurence tut sich zwar nicht leicht mit dieser Nachricht, doch sie hat dazugelernt. „‚Du hast recht, mein Schatz‘, habe ich gesagt, ‚ein Mädchen, das ist wundervoll.‘“

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