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Der Bürger und sein Nachbar

Befreiung des Menschen zum Eigennutz: Tilman Reitz rekonstruiert die Politik des privaten Weltverhältnisses im 18. und 19. Jahrhundert

Von Ralf Grötker

Was in der Realität daraus wurde, daran gibt es sicherlich einiges auszusetzen. Doch das spricht nicht gegen die ursprüngliche Idee der bürgerlichen Gesellschaft. "Von allen für alle" lautet das Motto des Versicherungssystems, für dessen soziale Qualitäten derzeit mit dem Präfix "Bürger-" geworben wird. Es ist klar, warum für eine solche Politik der Umverteilung mit dem Etikett der Bürgerlichkeit Reklame gemacht wird. Bürger, das ist unbestreitbar, sind Teilhaber der Gemeinschaft. Es sind gute, wenn auch ein wenig pedantische Menschen, so will es das Klischee, die sich für das Allgemeinwohl engagieren. Auf der anderen Seite weiß der Bürger aber auch für sich selbst zu sorgen, repräsentiert: Bildung und Besitz. Wie soll das alles zusammengehen?

Tilman Reitz verfolgt in seiner ideengeschichtlichen Arbeit Bürgerlichkeit als Haltung, wie sich die Verschränkung von innengeleiteten und eigeninteressierten Privatmenschen zu einer funktionierenden Gemeinschaft den Gesellschaftstheoretikern des 18. und 19. Jahrhunderts darstellt. Deren Klassenziel: das Konzept einer bis ins innerste apolitischen Haltung, mit der dennoch Staat zu machen ist.

Ohne darüber zu urteilen, wie erfolgversprechend die Entwürfe einer bürgerlichen Gesellschaft in sozialpolitischer oder in philosophischer Hinsicht sind, rekonstruiert Reitz, wie die Figur des Bürgers darauf angelegt wurde, in dem ungeheuren Spannungsverhältnis zwischen Eigeninteresse und Gemeinwohl nicht zerrissen zu werden. Als Skeptiker müsste man sagen: Reitz konzentriert sich auf die Sollbruchstelle des Systems "Bürgerlichkeit". Und als Skeptiker gibt er sich selbst, wenn er am Ende die bürgerliche Haltung mit ihrer Erbfolgerin, der neoliberalen Gesellschaft, vergleicht.

Die kurze Gegenüberstellung wirft ein Schlaglicht auf das Bild, welches die historische Rekonstruktion von Bürgerlichkeit und bürgerlicher Privatheit vervollständigen soll: Es ist die Szenerie einer Entfesselung. Am Anfang steht die Befreiung des Menschen aus dem Korsett überkommender Moralvorstellungen: die Trennung eines Bereiches privater Anschauungen und Lebenseinstellungen von der Sphäre öffentlich relevanter Entscheidungen. Dieses ist der Kern des bürgerlichen Modells, der sich bis in den Liberalismus heutiger Tage erhalten hat. Abhanden gekommen aber ist in neoliberalen Zeiten, wenn man dem angedeuteten Sittengemälde vertrauen darf, ein sehr spezielles System von Normierungen des Privaten, welches gerade im inneren Rückhalt des Einzelnen den Bezug zur Gemeinschaft auszumachen versuchte. Der Privatmensch mutiert nicht nur zum ungezügelten Egoisten, sondern wird selbst, so Reitz, auch "jedem beliebigen Vergnügungs- und Sinnangebot schutzlos ausgeliefert".

Bürgerlichkeit als Haltung, eine geisteswissenschaftliche Simulationswelt oder Museumsstätte, baut die verfallenden Formen der Selbstvergewisserung der bürgerlichen Wir-AG wieder auf. Dabei bedient sich Reitz in dem sozialgeschichtlichen Teil seiner - trotz Forschheit im Urteil mitunter etwas umständlich verfassten - Arbeit der Methode einer assoziationsreichen Kontextualisierung, während er sich in der umfangreicheren zweiten Hälfte des Buches detailliert mit den Texten von drei modelltauglichen Autoren auseinander setzt: Wilhelm von Humboldt, Hegel und Goethe. Teil eins setzt das Bühnenbild: die Institution moralischer Monatszeitschriften, die - ebenso wie die Kunstkritik - den Leser ästhetisch erziehen und das Urteil in Geschmacks- und Meinungsfragen auf eine verallgemeinerungsfähige Basis stellen; die neuen Theater-Themen im bürgerlichen Trauerspiel, Klugheitslehren und Benimmbücher.

Teil zwei ist auf Distinktion hin angelegt. Reitz rekonstruiert, wie es Humboldt gelingt, die Bildung der Persönlichkeit als gesellschaftlichen Auftrag zu präsentieren. Wissenschaft wird zur Vorübung für die Tätigkeit im Staat. Das Ziel: die Auflösung gesellschaftlicher Bindungen und die Ausbildung individuellen Leistungswillens. Weiter geht es mit Hegel, mit der Vorgängigkeit des abstrakten Allgemeininteresses im komplexen Spiel der Anerkennungsverhältnisse, die konstitutiv auch für das private Ego sind. Schließlich Goethe: Er hat von allem etwas zu bieten.

Obwohl es, von der von Philippe Ariès herausgegebenen mehrbändigen Geschichte des privaten Lebens bis zu der voluminösen Abhandlung des kanadischen Philosophen Charles Taylor über die Quellen des Selbst. Entstehung der neuzeitlichen Identität eine Fülle von Studien zur Genese bürgerlicher Privatheit gibt, gelingt es Tilman Reitz, dem Thema einen lohnenswerten neuen Aspekt abzugewinnen. Zu beklagen ist allein, dass er sich immer wieder allzu leicht mit der Klassifizierung von Gegebenheiten als "opak" bewenden lässt. Die verschiedenen Theorie-Typen zur Vereinbarkeit der Autonomie des Privaten mit einer funktionierenden Gesellschaft werden nicht wirklich scharf herausarbeitet. Auch Einführung, Überleitungen und Schlusskapitel, alle äußerst knapp gehalten, hätten als Bühne für zusammenführende Betrachtungen stärker genutzt werden können.

Man fragt sich auch, ob die bekannte Methode, philosophische Texte als Zeitgeist-Indikatoren zu lesen und mehr auf Strategien denn auf Argumente abzuklopfen, bei einem Unterfangen wie dem vorliegenden nicht auf Grenzen stößt. Philosophen versuchen schließlich seit jeher, dem Raum des "bloß Privaten" Territorien der Universalität abzugewinnen, Zonen begründbaren Urteils. Mit gleichem Recht, wie Reitz beispielsweise Humboldts Philosophie der Sprache mit dessen Bildungstheorie vergleicht, könnte man auch Wittgensteins Privatsprachenargument sozialgeschichtlich deuten, als bürgerliches Bestreben zur Vergesellschaftung des Privaten. Mehr noch: Wenn man so will, trägt die Disziplin der Philosophie insgesamt "bürgerliche" Züge. Das könnte vielleicht ihre Attraktivität für die Theoretiker des Bürgerlichen im 18. und 19. Jahrhunderts erklären.

Anders heute. Die Themen der Moralphilosophie sind immer noch - oder wieder - weitgehend die gleichen wie zu Zeiten von Kant und Hegel. Das Privatmenschentum aber gibt sich davon unberührt. Es kommt aus ohne die klassisch bürgerlichen Lebensnormen. Freitag nach eins macht jeder seins.

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