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Bürger und Lobbyisten

Über das bürgerschaftliche Engagement von Muslimen in Deutschland ist erstaunlich wenig bekannt. Diese Unkenntnis grenzt schon an Ignoranz, wenn wir sehen,

Von RUDOLF SPETH

Über das bürgerschaftliche Engagement von Muslimen in Deutschland ist erstaunlich wenig bekannt. Diese Unkenntnis grenzt schon an Ignoranz, wenn wir sehen, dass hier zu Lande 3,2 Millionen Muslime leben. Peter Heine und Aslam Syed versuchen nun, diese Lücke zu füllen. In ihrem Buch versammeln sie die Ergebnisse eines entsprechenden Forschungsprojektes des Berliner Maecenata Instituts.

Die Beiträge sind in deutscher und englischer Sprache geschrieben und richten sich an eine breite Leserschaft. Denn in dem Buch wird neben den philanthropischen, das heißt zivilgesellschaftlichen Aktivitäten von Muslimen in Deutschland auch die Rolle von Nichtregierungsorganisationen in der Türkei und die Philanthropie für soziale Gerechtigkeit in muslimischen Gesellschaften am Beispiel Ägypten untersucht.

Im Zentrum stehen die Glaubensregeln der islamischen Religion, denn zu spenden und sich ehrenamtlich zu betätigen sei die Pflicht eines jedes Muslims, so die ägyptische Soziologin Marwa El-Daly. Eine wichtige institutionelle Form für das soziale Engagement in der muslimischen Welt sind wohltätige Stiftungen, die Wakf. Sie haben religiösen Ursprung und sind auf Dauer angelegte Einrichtungen mit sozialen und religiösen Zwecken.

Syed untersucht in seinem Beitrag auch die bürgerschaftlichen Aktivitäten der Muslime in Deutschland. Es gibt zahlreiche islamische Vereinigungen, allein mehr als 2300 Moscheevereine, doch nur rund 16 Prozent der Muslime im Land sind Mitglied in einer solchen Vereinigung. Syed kommt zum Ergebnis, dass trotz der vielfältigen bürgerschaftlichen Aktivitäten die Stimmung gegenüber den Muslimen in den westlichen Gesellschaft eher feindselig geworden ist.

Kommunikative Verdichtungen

Was kann man sich unter einer europäischen Zivilgesellschaft vorstellen? Ist sie schon im nationalen Kontext schwer zu bestimmen, so vervielfachen sich die Schwierigkeiten, wenn wir den Blick auf Europa erweitern. Dieter Rucht entzieht sich diesem Problem dadurch, dass er Zivilgesellschaft weder territorial noch rechtlich fixieren will.

Er plädiert in dem Sammelband Europäische Zivilgesellschaft dafür, Zivilgesellschaft als kommunikative Verdichtungen mit gemeinsamen geteilten Prinzipien wie Anerkennung von bestimmten sozialen Regeln zu fassen. Die überwiegende Mehrzahl der Beiträge dieses Bandes bevorzugt aber ein weites Verständnis von europäischer Zivilgesellschaft. Hierunter fallen neben den Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften, die Interessenverbände der Wirtschaft und Bürger, die sich öffentlich artikulieren.

Mit dieser Ausweitung auf das Feld der Interessenvertretung und des Lobbying kommt es zu Spannungen mit den normativen Prinzipien der deliberativen (argumentierenden) Demokratie und der Öffentlichkeit, die in einigen Beiträgen als grundlegende Bedingungen von Zivilgesellschaft herausgestellt werden. Europäische Interessenverbände wurden mit Unterstützung der Europäische Kommission "von oben" geschaffen und zeigen gegenüber den europäischen Entscheidungszentren - Kommission, Parlament und Rat - einen ganz anderen Kommunikationsstil, der unter dem Begriff Lobbying gefasst wird. Auch tun sich die Gewerkschaften nach wie vor sehr schwer mit der Europäisierung. Zivilgesellschaftliche Aktivitäten aber sind subsidiär, finden "unten", vor Ort statt.

Peter Heine / Aslam Syed (Hrsg.):Muslimische Philanthropie und Bürgerschaftliches Engagement. Maecenata Verlang, Berlin 2005, 451 Seiten, 34,90 Euro.

Michèle Knodt / Barbara Finke (Hrsg.): Europäische Zivilgesellschaft. Konzepte, Akteure, Strategien. VS Verlag, Wiesbaden 2005, 411 Seiten, 44,90 Euro.

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