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„Bühne freimachen!“

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Rasch noch ein Autogramm, dann entschwindet der Bundespräsident in seiner Limousine.
Rasch noch ein Autogramm, dann entschwindet der Bundespräsident in seiner Limousine. © Christoph Boeckheler

Auf der Frankfurter Buchmesse tummeln sich wieder jede Menge Prominente. Heute sprechen TV-Entertainer Hape Kerkeling und Bestsellerautorin Charlotte Link über ihre Bücher.

Im Nieselregen verschwimmen die großen Reklametafeln auf der Agora, der Freifläche im Herzen der Frankfurter Buchmesse. Was ist wichtig am ersten Tag? Vielleicht „Webers Winter Grillen – die besten Rezepte.“ Oder hat der Aufsteller doch recht, der behauptet: „Bücher sind Blockbuster aus Buchstaben.“ Überall schreit Werbung auf der Messe, sie preist die erhofften Bestseller fürs Weihnachtsgeschäft: „Der neue Kerkeling – Sie werden hin und weg sein!“

Die Prominenten sind Orientierungsmarken in diesem Konzert der Eitelkeiten. Einige werden prominent über Nacht – und haben damit zu kämpfen. Der wunderbare Lyriker und Erzähler Lutz Seiler erhielt am 6. Oktober den Deutschen Buchpreis für seinen ersten Roman „Kruso“ – und seitdem ist nichts mehr, wie es war.

Im schlichten grauen Sakko und offenen Hemd eröffnet Seiler am Mittwochmorgen den Reigen von mehr als 60 Autorinnen und Autoren, die im Verlauf der Buchmesse auf das Blaue Sofa gebeten werden – die „Ruhmesrampe der deutschen Literatur“, so Moderator Wolfgang Herles. Scheu und unsicher wirkt Seiler, das Posieren für die Fotografen, die ihn umkreisen, ist seine Sache nicht. „Die Bühne freimachen, bitte!“, ruft der Aufnahmeleiter.

Und dann zeigt der Schriftsteller, dass er sehr wohl nachdrücklich auftreten kann – wenn es um seine Arbeit geht. Denn Herles möchte „Kruso“ zu gern als „Wenderoman“ verorten – spielt er doch im letzten Sommer der DDR, unter den Saisonarbeitern auf der Insel Hiddensee. Seiler wehrt sich gegen das Etikett Wende: „Es ist ein Abenteuerroman, der Roman einer Männerfreundschaft.“ Ganz still wird es im Publikum, als der 51-Jährige von den Menschen spricht, die beim Fluchtversuch von Hiddensee nach Dänemark in der Ostsee ertranken. „Diesen Toten will ich Gerechtigkeit widerfahren lassen – das waren Opfer!“ Großer Beifall.

Was für ein Unterschied zu Ken Follett – vielleicht dem Welt-Großschriftsteller überhaupt. Im teuren blauen Anzug mit Krawatte nimmt er mit Grandezza auf dem Sofa Platz, das gepflegte weiße Haar kontrastiert wunderbar. Der 65-jährige Brite hat seit dem Reißer „Die Nadel“ (1978) nicht weniger als 150 Millionen Bücher weltweit verkauft. Er lächelt routiniert in die Kameras, und er schaut nur selten Interviewerin Marita Hübinger an, was die ganz schön irritiert. Nein, Follett, der Profi, spricht mit dem Publikum.

Während er in Englisch über seinen neuen Roman „Kinder der Freiheit“ parliert, bildet sich am Signiertisch schon eine lange Warteschlange. Spotter sind mit dabei, professionelle Autogramm- und Fotosammler, die auch auf der Leipziger Frühjahrsbuchmesse unterwegs sind. Und Frankfurter Antiquare mit Rucksack, die sich ganze Bücherstapel signieren lassen wollen.

Ken Follett: Das ist die Weltspitze des Belletristik-Geschäfts. Charlotte Link, die im ARD-Forum vor 90 Prozent weiblichem Auditorium auftritt, ist mit mehr als 20 Millionen verkauften Unterhaltungsromanen eine der erfolgreichsten deutschen Autorinnen. Evelyn Fischer, die sie interviewt, gesteht, dass sie kein einziges Buch Links gelesen hatte – und völlig verblüfft war, dass es für die Autorin in der Buchhandlung ein eigenes Regal gab.

Ex-OB Roth wandelt ganz allein

Link hat mit ihrem jüngsten Buch „Sechs Jahre“ einen Bruch mit Erwartungen riskiert: Sie schildert das langsame Sterben ihrer Schwester an Krebs. „Einen mörderischen Gegner, den man mit allen Mitteln bekämpfen muss.“ Im Publikum hängen die Frauen an den Worten Links. Evelyn Fischer als Gegenüber auf dem Podium wagt kühne Gedankensprünge: „Heute streikt die Bahn – damals bei ihrer Schwester gab es einen Ärztestreik, wie beurteilen Sie das?“ Und Link, siehe da, hat „mit streikenden Ärzten ein Problem“. Danach baut sie sich routiniert vor einer Fotowand auf, gibt Autogramme am Fließband, lächelt ...

Allein, die Prominenz, sie scheint vergänglich. Petra Roth zum Beispiel, die langjährige frühere Frankfurter Oberbürgermeisterin, geht an diesem Mittag völlig unbehelligt alleine durch die Messehallen. Und genießt die neue Freiheit. „Philosophische Bücher“ interessieren sie, auch die Abrechnung von Parteifreund Norbert Blüm mit den Banken. Und dann, Roth lächelt spitzbübisch, „lese ich Golfbücher“. Denn das ist ihr neuer Sport: „Gerade habe ich auf Mallorca meine Platzreife gemacht.“

Ohne vom neuen Hobby der Ex-OB zu wissen, tritt gerade nur wenig entfernt der Bundespräsident aus der Halle 3. Joachim Gauck hat seinen Messerundgang absolviert, gibt noch rasch zwei, drei Autogramme – und entschwindet unter Applaus der Umstehenden in seiner Limousine. Derweil Marlene Streeruwitz, die große Sprachkünstlerin aus Österreich, in der Nähe das Frankfurterische lobt: „Ich höre sehr gerne zu, wenn das gesprochen wird“, sagt die Schriftstellerin, „ das Weiche liebe ich.“

Vor dem Blauen Sofa ruft der Aufnahmeleiter: „Die Bühne freimachen, bitte!“ Die nächsten Prominenten warten schon.

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