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Büchner-Preis an Emine Sevgi Özdamar: Von der Wörtersammlerin zur Bewohnerin der deutschen Sprache

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Von: Cornelia Geißler

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Sie schreibt schon lange und ist für viele dennoch eine späte Entdeckung: Emine Sevgi Özdamar.
Sie schreibt schon lange und ist für viele dennoch eine späte Entdeckung: Emine Sevgi Özdamar. © dpa

Emine Sevgi Özdamar erhält hochverdient den Georg-Büchner-Preis

Welch erfreuliche Nachricht: Emine Sevgi Özdamar erhält den Georg-Büchner-Preis 2022. Der Preis, vergeben von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, gehört zu den wichtigsten literarischen Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum; Emine Sevgi Özdamar bekommt ihn hochverdient. Diese Autorin bringt in einem eigenen Sound Erlebtes, Gehörtes und Gelesenes zusammen, fügt europäische Kultur, Theatertheorie und philosophische Debatten zwischen die Beobachtungen aus dem Land ihrer Jugend.

Geboren 1946 in Malatya in der Türkei, lebt Özdamar heute meistens in Berlin, aber auch in Frankreich und in der Türkei. 1965 kam sie erstmals für zwei Jahre nach West-Berlin. Nach dem Militärputsch entschied sie sich 1975, erneut die Türkei zu verlassen: Es war ein Umzug in die Theater von Ost- und West-Berlin und Bochum, von Paris und Avignon. Emine Sevgi Özdamar arbeitete als Schauspielerin, Regieassistentin und Regisseurin – in Berlin mit Benno Besson, Matthias Langhoff, Ruth Berghaus, Heiner Müller und Claus Peymann. Sie schrieb nebenher und zeichnete, kleinere Filmrollen hatte sie auch.

Dass sie in erster Linie eine Schriftstellerin ist, eine Autorin mit speziellem Sprachduktus, das weiß die literarische Öffentlichkeit seit 1991. Damals bekam sie den Ingeborg-Bachmann-Preis für einen Auszug aus ihrem im Jahr darauf erschienenen Romandebüt „Das Leben ist eine Karawanserei – hat zwei Türen – aus einer kam ich rein aus der anderen ging ich raus“.

Märchenhaft poetisch wurde das Buch oft genannt, weil es die Geschichten von Großmüttern und Tanten enthält, weil die Erzählerin von Landschaften, Gegenständen und Körpern schreibt, als wären es Ornamente. Aber dieses Buch erinnert auch an die Toten der Familie, der Nachbarschaft, des Dorfs, es zeigt Ungerechtigkeit, Korruption, Ungleichheit zwischen Stadt und Land, wie sie die Erzählerin in der Türkei der 1950er und 60er Jahre wahrnimmt. „Die Menschen in Istanbul waren die entwickelten Fotos, die man gerne an die Wände hängt, und die Menschen in Anatolien waren die Negative, die man irgendwo im Staub liegen lässt und vergisst.“

Es folgten weitere Romane, die sich zu einer Trilogie fügten: „Die Brücke vom Goldenen Horn“ und „Seltsame Sterne starren zur Erde“, zudem schrieb sie Erzählungen und Theaterstücke. In ihrer Erzählung „Mutterzunge“ (1990) sagt das Ich am Anfang: „In meiner Sprache heißt Zunge: Sprache. Zunge hat keine Knochen, wohin man sie dreht, dreht sie sich dorthin.“ Özdamars Literatur lebt von ihrem Wissen über Sprache, von ihrer Sensibilität für das, was sich nicht sagen lässt. In „Großvaterzunge“ aus demselben Band nennt die Erzählerin sich eine „Wörtersammlerin“. Ihre Sprachbilder sind ungewöhnlich, dabei so anschaulich, dass man sie immer versteht. Den Umgang mit Zensur fasst sie in „Das Leben ist eine Karwanserei ... “ so zusammen: „Als manche Zeitungen nicht mehr sprechen konnten, kam eine laufende Zeitung in unsere steile Gasse.“

Sie habe, als sie nach Berlin kam, deutsche Sätze gelernt, „wie man, ohne Englisch zu sprechen, ,I can’t get no satisfaction‘ singt“, heißt es in „Die Brücke vom Goldenen Horn“, „wie ein Hähnchen, das Gak gak gak macht“. Die Erzählerin arbeitet in einer Radiofabrik und ist in einem Frauenwohnheim untergebracht, „Wohnaym“, sagten sie dazu. „Während der Arbeit wohnten wir in einem einzigen Bild: unsere Finger, das Neonlicht, die Pinzette, die kleinen Radiolampen und ihre Spinnenbeine. Das Bild hatte seine eigenen Stimmen, man trennte sich aus den Stimmen der Welt und von seinem eigenen Körper.“

Ihre Erzählweise ist besonders, weil sie durch ihre Mehrsprachigkeit gefärbt ist. Damit steht sie heute neben vielen anderen Autorinnen und Autoren, die sich entschieden, auf Deutsch zu schreiben, obwohl sie nicht mit dem Deutschen aufgewachsen sind. Erstmals geht der seit 1951 vergebene Büchner-Preis an solch eine Schriftstellerin. Das von Emine Sevgi Özdamar erst als Erwachsene erlernte Deutsch hat seine eigentümliche Grundierung als Literatursprache bereits durch die Erfahrungen des Aufwachsens mit der Kultur und den Widersprüchen in der Türkei erhalten. Hinzu kommt ihr ungewöhnliches Doppelleben im geteilten Deutschland.

Am Berliner Ensemble in Ost-Berlin probiert man, umgeben von Legenden über Bertolt Brecht, mit Theater die Welt zu verändern. Zur gleichen Zeit sucht die Polizei in ihrer Wohngemeinschaft in West-Berlin nach Terroristen; es sind die 70er Jahre. Emine Sevgi Özdamars Theaterarbeit wurde von ihrem Sprachinteresse genährt, ihr Schreiben befruchten die Theatererfahrungen. In „Seltsame Sterne starren zur Erde“ (2003) liest sich das zum Beispiel so: „Sechs Monate habe ich in Ost-Berlin gewohnt und gearbeitet, aber erst jetzt nehme ich die Straßen wahr. Als hätte ich sechs Monate im selben Stück gespielt, und jetzt ist das Stück abgespielt, und ich schaue das leere Bühnenbild an.“

Ihr jüngstes Buch heißt „Ein von Schatten begrenzter Raum“. Emine Sevgi Özdamar überwindet die Grenzen von Ländern, Zeiten und Künsten mit diesem Roman. Mit autobiografischen Fakten, mit ihren Träumen, Fantasien, Visionen steht er für ihr Leben. Sie wohnt in der deutschen Sprache, sagt sie, lebt in einer Symbiose mit Thomas Brasch, Hannah Arendt, Wolfgang Hilbig. Und schon durch deren Erwähnung sind die grausamen deutschen Schatten enthalten: der von diesem Boden ausgegangene Massenmord, die gekappten Utopien, die zersetzende Bespitzelung von Menschen.

Emine Sevgi Özdamar spürt die Gefahren für die deutsche oder die französische Gesellschaft, wenn sie Migranten und Migrantinnen in „niederer“ Beschäftigung sieht, wenn man ihre Herkunft als islamisch deuten will, wenn sie Nachrichten liest und sich erinnert. Beobachtung und Reflexion gehen ineinander über. Vor der kleinen türkischen Insel, auf der das Buch beginnt und endet, werden Leichen angeschwemmt.

Da die Pause vor diesem Buch ziemlich lang war, 15 Jahre, war Emine Sevgi Özdamar für viele eine späte Entdeckung. Und zahlreiche Preis-Jurys bemerkten, dass es Zeit ist, die Autorin zu ehren. Der Roman stand auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2022, erhielt den Bayerischen Buchpreis 2021, den Düsseldorfer Literaturpreis 2022, und die Autorin wurde mit dem Schillerpreis 2022 ausgezeichnet.

Und nun folgt der Büchner-Preis. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung schreibt in ihrer Mitteilung, dass die deutsche Sprache und Literatur der Autorin „neue Horizonte, Themen und einen hochpoetischen Sound verdankt“. Die Jury begründet ihre Wahl weiter so: „Ungewohnte literarische Stilmittel und aus dem Türkischen inspirierte Sprechweisen prägen ihre multiperspektivischen Texte, die neben intimen persönlichen Erfahrungen ein breites Panorama deutsch-türkischer Geschichte entfalten – vom Ersten Weltkrieg über die Aufbruchstimmung der Sechziger- und Siebzigerjahre bis in unsere Gegenwart. Emine Sevgi Özdamars Werk eröffnet einen zugleich intellektuellen wie poetischen Dialog zwischen verschiedenen Sprachen, Kulturen und Weltanschauungen, an dem wir lesend teilhaben dürfen.“

Am 5. November wird die mit 50 000 Euro dotierte Auszeichnung in Darmstadt verliehen.

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