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Ray Bradbury.

„Fahrenheit 451“-Autor Ray Bradbury

Bücher sind brandgefährlich

  • Boris Halva
    vonBoris Halva
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Vor hundert Jahren wurde Ray Bradbury, Zauberer und Autor von „Fahrenheit 451“, geboren.

Zauberer wollte er werden. Und wer weiß, vielleicht wäre Ray Bradbury eines Tages tatsächlich mit seinen besten Tricks durch die Staaten gereist, um die Menschen staunen zu machen. Wäre da nicht dieser Tag gekommen, irgendwann im Spätsommer des Jahres 1932, an dem der Junge die Härchen auf seinem Handrücken anschaut, die in der Sonne über dem Städtchen Waukegan, Illinois, schimmern, und zu seinem Erstaunen erkennt: „Ich lebe! Warum hat mir niemand gesagt, dass ich lebe?!“

Doch um zu wissen, was er mit dieser Lebendigkeit, auf die er gerade aufmerksam geworden ist, anfangen soll, braucht es ein zweites Erweckungserlebnis, das sich vier Wochen später auf dem Jahrmarkt ereignen sollte: die Begegnung mit Mister Electrico und dessen Flammenschwert. „Er deutete mit seinem Schwert auf mich“, erinnert sich Ray Bradbury 75 Jahre danach in einem Interview, „und sagte: Du sollst ewig leben!“ Es mag Kinder geben, die sich in einem solchen Moment denken: Klar, lustig. Aber der zwölfjährige Ray eilt nach Hause, setzt sich an seine Kinderschreibmaschine und schreibt seine erste Geschichte. Und hört, solange er lebt, nicht mehr auf zu schreiben.

Diese Tage im Spätsommer 1932, an denen ihm klar wird, dass er möglicherweise unsterblich werden könnte, wenn er Geschichten schreibt – diese Tage bezeichnet Ray Bradbury, der am heutigen Samstag 100 Jahre alt geworden wäre, auch im hohen Alter noch als Geschenk.

Im Internet findet sich ein höchst amüsantes und zugleich tief berührendes Interview, das Bradbury dem Format „The Big Read“ gab. Mit der Kamera torkelt der Betrachter durch das Arbeitszimmer, die Wände voller Bücher, überall Papier, Dinosaurierfiguren und allerlei Krimskrams, reinzoomen, rauszoomen, die dunkelgraue Katze balanciert auf der Sessellehne, dann: Bradburys Hinterkopf, die weißen Haare auf der einen Seite platt gelegen, als hätte er seine Mittagsruhe für dieses Interview unterbrochen. Der Schlaganfall, den er 1999 erlitt, hat Spuren hinterlassen, und doch ist nach wenigen Worten klar: Hier spricht, obwohl im Körper eines 87-Jährigen, immer noch der kleine Ray, der sich mit wachem Geist und heißem Herzen in die Welt stürzt.

Die Welt heißt: in die Welt der Bücher. Das mag nicht so überraschend sein, bezeichnen doch im Grunde alle Schreibenden die Bücher als ihr Leben. Aber wenn Ray Bradbury von Büchern erzählt, tut er das mit der Innigkeit und Hingabe des aufrichtig Liebenden, für den Bibliotheken nie bloß Ansammlungen von Büchern waren, sondern Orte, an denen man Menschen begegnet; Menschen, die einen inspirieren, aber auch verstören können. Und zu diesen Menschen, sagt Bradbury, gehört man auch immer selbst, denn: „Du gehst in die Bibliothek, um dich selbst zu entdecken!“

Dass diese Entdeckung des Selbst nicht immer und überall erwünscht ist, das wird Bradbury bewusst, als 1935 in den Straßen von Berlin die ersten Bücher brennen. Die Bilder, wie eine Diktatur die Vielfalt der Ideen den Flammen opfert, verstören den 15-Jährigen zutiefst. Ihm ist, als stünde er selbst in Flammen, er, der Buchmensch. Noch mehr verstört ihn, wie auch Russland zu dieser Zeit mit kritischen Stimmen und Ideen kurzen Prozess macht. Zahlreiche Autorinnen und Autoren verschwinden unbemerkt. Bradbury, der die Dramatik der Ereignisse erkennt, notiert später: „Man braucht keine Bücher zu verbrennen, um die Kultur auszulöschen. Es reicht schon, die Menschen davon abzuhalten, sie zu lesen.“

Für Bradbury liegt es auf der Hand: Autoritäre Herrscher haben Angst vor Büchern, „weil Bücher die Menschen inspirieren können, weil sie Wissen enthalten, das den Führern gefährlich werden könnte“. Bücher können die Menschen zu eigensinnigen oder auch widerständigen Persönlichkeiten machen – und sind zugleich eine Säule der Demokratie, davon ist auch der 87-jährige Bradbury überzeugt, denn: „Wenn du nicht geübt bist im Lesen, dann weißt du auch nicht, wen du wählen sollst.“ Diese Gedanken, aus denen Bradbury fünf Jahrzehnte zuvor die Idee für „Fahrenheit 451“ entwickelt, sind heute so aktuell wie im Jahr 1953, als das Buch erscheint und ihn als Autor auch international bekannt macht.

Noch etwas entdeckt Bradbury in den unzähligen Stunden inmitten von Büchern: „Es sind deine Ideen, die zählen. Und eine Bibliothek kann dir helfen, aus diesen Ideen etwas zu machen. Du sitzt inmitten all dieser Bücher, all dieser Menschen, und lässt dich von ihrer Energie durchdringen.“

Und Ray Bradbury wird ganz offensichtlich hochdosiert durchdrungen: Seine ersten Geschichten veröffentlicht er 1943 in Science-Fiction-Magazinen, als er die Honorare zusammenrechnet, kommt er auf 1000 Dollar, ein Betrag, der ihn schwindeln macht. Die erste Stufe ist gezündet. Als 1950 seine „Mars-Chroniken“ und 1951 „Der Illustrierte Mann“ erscheinen, wird auch die Welt jenseits der Weltraum-Literatur-Blase auf ihn aufmerksam. Die zweite Stufe ist gezündet. Und als nach Erscheinen von „Fahrenheit 451“ Bradburys Verleger anruft und ausrichtet, ein gewisser Aldous Huxley würde ihn gerne kennenlernen, ist klar: Ray Bradbury hat seinen Platz im Universum der Literatur gefunden.

Doch anders als Huxley, Isaac Asimov oder Arthur C. Clarke, mit denen er bis heute in einem Atemzug genannt wird, wenn es um Science Fiction oder große Dystopien geht, entstammt Ray Bradbury keiner aristokratischen Familie; er geht nicht aufs College, schlägt keine wissenschaftliche Laufbahn ein; er bleibt der Junge aus Waukegan, Illinois, Sohn des Netzelektrikers Leonard Spaulding Bradbury und der Hausfrau Esther Marie Moberg. Ihm geht es aber nie darum, als was er angesehen wird. Ihm geht es nur darum, zu tun, was er liebt. Und zu lieben, was er tut.

Bis zu seinem Tod am 5. Juni 2012 veröffentlicht Bradbury mehr als 50 Bücher, quer durch die Genres unter einem halben Dutzend Pseudonyme, dazu 400 Kurzgeschichten und unzählige Drehbücher für Kino, Fernsehen und Radio. Das Schreiben sei – neben seiner Frau Marguerite und seinen vier Töchtern – immer seine große Liebe gewesen, erzählt Bradbury im bereits erwähnten Interview. Die Arbeit mit dem Wort nennt er eine Mischung aus „Leidenschaft und irgendwie auch Irrsinn“. Er habe vieles intuitiv gemacht und stets auf den Einfallsreichtum seines Unterbewusstseins vertraut. Oft hätten ihm seine Figuren die Geschichten erzählt. „Du lässt dich einfach treiben und hoffst, dass es am Ende Sinn ergibt – und in der Regel tut es das.“ So prüft er auch nie nach, ob Buchpapier wirklich bei einer Temperatur von 451 Grad Fahrenheit zu brennen beginnt – er habe dem Feuerwehrmann, der ihm diese Information gegeben habe, einfach vertraut. Außerdem war es der perfekte Titel.

Ray Bradbury ist sich immer im Klaren darüber, dass er seinen Erfolg seinem Fleiß und seinem Vertrauen in sich selbst zu verdanken hat. Deshalb, sagt er, „habe ich auch nie versucht, meine Karriere zu intellektualisieren, habe mich weder für links oder rechts, schwarz oder weiß, oben oder unten stark gemacht.“ Jedenfalls nicht direkt, denn in seinen Geschichten geht es sehr wohl um Rassismus, Konformismus, staatliche Zensur und die nukleare Bedrohung. Es geht ihm immer um die Frage: Was macht der unablässig gepriesene Fortschritt mit dem Menschen? Und weil Ray Bradbury sie kennt, „die Einsamkeit in der Menschenmenge einer Silvesternacht“, bleibt die Einsamkeit des Menschen in der modernen Welt eines seiner Hauptmotive.

Bradburys Geschichten sind auch deshalb so aufwühlend, weil sie das Herz rühren – und zugleich daran nagen. Und er kann diese Geschichten wohl auch nur so schreiben, weil er dieses Rühren und Nagen am eigenen Herzen spürt: „Und obwohl uns unsere Kunst nicht, wie wir es uns wünschen würden, vor Kriegen, Entbehrungen, Neid, Gier, Verfall oder Tod bewahren kann, kann sie uns doch inmitten all dessen erwecken.“ Immerhin, Erweckung ist möglich, zu jeder Zeit.

Ray Bradburys Leben kann durchaus auch als Ermutigung gesehen werden, Kindheitsträume nicht allzu leicht zu nehmen – oder gar aufzugeben. „Ich bin“, schreibt er in einem seiner Essays, „zu dem Schluss gekommen, dass ich meinen allerersten Traum niemals aufgegeben habe. Ich bin, ob Sie es glauben oder nicht, doch eine Art Zauberer geworden.“ – Und ein unsterblicher obendrein.

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