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200 Bücher in 22 Monaten

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Von: Arno Widmann

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Aus einer Zeit, als man Bücher respektierte.
Aus einer Zeit, als man Bücher respektierte. © REUTERS

Detlef Bluhm blickt in „Bücherdämmerung“ zurück und erzählt von einer weiteren wichtigen Kehrtwende in der Geschichte des Buchhandels und der Buchherstellung.

Detlef Bluhm führt die Geschäfte des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Berlin-Brandenburg. Im Verlag Lambert Schneider hat er einen Band herausgegeben mit dem melancholischen Titel „Bücherdämmerung“. Es gibt Beiträge unter anderen von Dietmar Dath, Thomas Macho und Elisabeth Ruge. In seinen eigenen Beiträgen weist Bluhm auf eine Reihe von Entwicklungen hin, die man im Kopf haben muss, wenn man über die Zukunft des Buches spricht.

Selfpublishing ist eine Entwicklung, die gerne unterschätzt wird. Im April 2011 brachte Amazon den Kindle auf den deutschen Markt und mit ihm das Kindle Direct Publishing Programm, das es, so Bluhm, „denkbar leicht macht“, aus Texten ein gut lesbares E-Book zu machen. Seitdem haben etwa 70 000 Menschen E-Books veröffentlicht. Vorbei an den Verlagen, auch an denen, die so gerne inserieren „Verlag sucht Autoren“, um denen dann ihr Geld abzuknöpfen. Vier Prozent, so schätzt man, dieser 70 000 verdienen mit ihren E-Books monatlich mehr als 2000 Euro. Das sind keine gewaltigen Zahlen, aber es ist ein deutlicher Anstieg in sehr kurzer Zeit. Und es ist eine Kehrtwende der Entwicklung der letzten Jahrhunderte.

Fast ein Drittel weniger Buchhandlungen

Bis jetzt war es so, dass sich zwischen Autor und Leser immer neue Instanzen schoben. Zuletzt Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Deutschland die Literaturagenten. Jetzt gibt es für Autoren die Möglichkeit, unbegrenzt große Auflagen – fast – direkt an die Leser zu verkaufen. Das revolutioniert das Verhältnis Autor – Leser und damit den gesamten Buchmarkt. Noch ein paar von Bluhms Zahlen: 2012 wurden das erste Mal weniger als 50 Prozent aller Bücher in Buchhandlungen verkauft. Als Amazon 1998 auf den deutschen Buchmarkt kam, zählte der Börsenverein 4790 Buchhandlungen zu seinen Mitgliedern. Anfang 2013 waren es 3440. Ein Rückgang um fast 30 Prozent. Die Lage, wie sie Bluhm skizziert, ist klar.

Er verdeutlicht sie mit einer Erinnerung an den Beginn des Gutenbergzeitalters. Der venezianische Buchhändler Vespasiano da Bisticci (1421-1498) war der bedeutendste seiner Zunft. Als er einen Auftrag von Cosimo de’ Medici zur Einrichtung einer Bibliothek erhielt, konnte er 45 Schreiber einstellen, die in 22 Monaten 200 Bücher herstellten. Beste Qualität natürlich: „Alle mit der Feder geschrieben, kein einziges gedruckt, denn mein Auftraggeber würde sich dessen geschämt haben.“ Das ist die einzige Äußerung Vespasianos zum gerade erfundenen Buchdruck.

1478 musste Vespasiano da Bisticci sein Skriptorium, seine Buchhandlung schließen. Niemand schämte sich mehr, gedruckte Bücher zu haben.

Detlef Bluhm (Hrsg.): Bücherdämmerung – Über die Zukunft der Buchkultur. Lambert Schneider, Darmstadt 2014, 160 Seiten, 19,95 Euro.

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