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Bücher lesen, wie man Pilze liest

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Von: Arno Widmann

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Ulrich Raulff, Direktor des Litarturarchivs in Marbach.
Ulrich Raulff, Direktor des Litarturarchivs in Marbach. © dpa

Er schlägt sich durch das Dickicht eines Buches, auch wenn er nichts versteht: Der Chef des Marbacher Literaturarchivs, Ulrich Raulff, spricht im FR-Interview über den „wilden Leser“ und das Vergnügen, im Dschungel auf eine Lichtung zu hoffen.

Herr Raulff, Sie schreiben: Man muss beim Lesen nicht jedes Wort verstehen.

Ich erinnere mich, wie ich als kleiner Junge, lange bevor ich lesen konnte, auf einer Wiese auf dem Rücken lag und die großen Buchstaben betrachtete, die ein Flugzeug in den Himmel schrieb: „Persil“. Heute arbeite ich in einem Museum, in dem Texte ausgestellt werden. Schrift als Schauobjekt. Hier kann man sehen, wie Lesen und Anschauen einander abwechseln. In glücklichen Augenblicken legen sie sich auch übereinander. Wir sehen sonst anders aufs Lesen: meist mit dem Tunnelblick der Philologen. Es geht darum, den Sinn eines jeden einzelnen Wortes zu erkennen.

Was ist die Alternative?

Wir lesen den Text oft flächig. Wir überspringen, was wir nicht verstehen und lassen uns treiben in einem Strom von Bedeutungen. Dann wieder bleiben wir träumerisch an einem einzigen Wort hängen, denken ihm nach oder beginnen – sehr kontextfrei – zu assoziieren. Das passiert oft gerade an Stellen, die uns nicht klar sind. Da fasziniert uns das Buchstabenbild oder der Klang. Beides hat mit der Bedeutung nichts zu tun. Schon gar nicht mit der, die man in Lexika findet. Unlängst fand ich im Haus meiner Eltern ein Buch, das ich als Siebenjähriger weniger gelesen als durchfahren hatte. Es war ein Buch über den Bau des Panama-Kanals, über den Finanzskandal und über das Leben von Ferdinand Lesseps. Ich fuhr über den Text, auf und zwischen den Zeilen, hundert, zweihundert, dreihundert Seiten. Es störte mich nicht, dass es nur so wimmelte von Wörtern, die ich nicht verstand, auch dass ich weder eine Argumentation erkennen konnte, noch den Sinn des Ganzen. Ich fuhr begeistert weiter und weiter.

Blieb etwas hängen?

Ich weiß es nicht. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass Schubladen meiner Gedächtniskammern, von deren Existenz ich nichts wusste, zum Beispiel bei einem starken Jetlag aufsprangen.

Passiert Ihnen das beim Schreiben auch? Oder sind Sie da immer der Herr des Textes?

Nein. Ich habe immer nur eine sehr vage Idee von dem, was ich schreiben möchte. Das Schreiben erfindet sich selbst. Das Schreiben bringt die Gedanken hervor. Aber dieses Gefühl plötzlich aufspringender Schubladen, das habe ich beim Schreiben nicht. Dazu findet das Schreiben dann doch zu sehr im rationalen Bereich statt.

Wenn man beim Lesen über lange Strecken nichts versteht, warum hört man dann nicht auf damit?

Weil man gespannt ist. Man erwartet ein großes Aha-Erlebnis oder auch einen namenlosen Schrecken. Als ich während meines Studiums Adornos „Negative Dialektik“ las, verstand ich kaum ein Wort, aber ich las weiter in der Hoffnung auf das irgendwann einmal sich einstellende Ereignis der großen Erkenntnis, eines umfassenden Durchblicks. Bei Heidegger gab es das auch: dreihundert Seiten ohne irgendetwas zu verstehen, aber angetrieben von der Hoffnung auf die Lichtung in diesem Dickicht des Textes.

Ein Dickicht, das aus lauter bekannten Wörtern besteht.

Jedes einzelne Wort – einmal abgesehen von ein paar Fachtermini, die man nachschlagen kann – ist einem klar, aber der Text ist es einem ganz und gar nicht.

Sie hoffen darauf, dass am Ende der Wüste des Nicht-Verstehens Ihnen ein Licht aufgeht?

Ja. Natürlich sind das oft auch Pseudo-Erleuchtungen. Was mir einen Augenblick lang ganz evident erscheint, ist es bald danach nicht mehr. Manchmal träumt man ja auch Erkenntnisse. Man weiß dann: Das ist der Sinn des Lebens. Am Morgen hat man ihn dann vergessen. Hat man ihn sich während der Nacht schlaftrunken notiert und blickt man jetzt auf den Block, kommt das Geschriebene einem sehr schal und banal vor. Das gibt es auch bei Tage. Beim Lesen gibt es manchmal erleuchtete Glückszustände. Versucht man, sie anderen mitzuteilen, geben sie sich als vollkommene Trivialitäten zu erkennen.

Man steht dann doof da.

Ja. Ich erinnere mich daran, dass ich als Student in Paris oft mit einem Freund zu Abend essen ging, danach nahmen wir immer noch einen Kaffee in einem Café. Auf dem Weg dorthin kauften wir eine „Prawda“ und lasen sie. Wir konnten beide kein Russisch. Wir konnten nicht einmal die Buchstaben. Es war Show. Aber es war auch eine Show, die wir für uns selbst machten. Ein großes Vergnügen, die unbekannten Gewässer der „Prawda“ zu durchfahren und darin plötzlich auf Inseln von Bekanntem zu stoßen, auf die wir uns hinwiesen, wie der Schiffsjunge oben im Mast Kolumbus „Land in Sicht“ zurief. Bevor wir auch nur ein einziges Wort zu lesen versuchten, rochen wir die „Prawda“. Sie roch nach Fünfjahresplan und forcierter Industrialisierung, nach Altöl, Schwermetall, Traktorenreifen und Arbeiterschweiß. Wir liebten diesen eine ganze Bilderwelt heraufbeschwörenden Gestank. Wir lasen die „Prawda“, wie man zum Beispiel Pilze liest. Man sucht ein Gelände ab und findet darin Pilze.

Die Siebziger, die Sie schildern, sind eine theoriefreudige Epoche: Frankfurter Schule, Foucault ... . Sie erzählen davon: erzählte, erzählende Theorie.

In den siebziger Jahren las ich vor allem Theorie. In den achtziger Jahren wandte ich mich der Geschichte zu. Das wechselt im Laufe des Lebens. Ich lese gern Theorie. Aber ich kann keine Theorie machen. Wenn ich beginne zu theoretisieren, wird eine Erzählung daraus. Ich habe das immer als eine Schwäche empfunden. Manche der Geschichten in diesem Buch habe ich schon meiner Frau und meinem Sohn, Freunden und Bekannten erzählt. Das sind gewissermaßen bereits erprobte Erzählungen. Anderes fiel mir beim Schreiben ein. Ich habe keine Tagebücher dafür benutzen können. Das Buch ist aus der Erinnerung geschrieben. In der ersten Person.

Ein Ich der Bescheidenheit?

Schwer zu sagen. Ich habe versucht, die Geschichte in der dritten Person zu erzählen. Dann habe ich alles in die erste Person übersetzt. Nicht, weil ich es redlicher finde. Man lügt als Ich nicht weniger unverschämt als als Er. Die Gefahr anzugeben und zu posieren ist in der dritten Person aber doch größer. Das Ich ist viel beiläufiger, viel unterschwelliger als das Er oder das Man. Das Er ist eine viel zu leicht viel zu groß geratende Kunstfigur. Die wird mit Eigenschaften ausgestattet. Während das Ich mal so, mal so ist. Das Ich ist kein Charakter.

Sie könnten noch einmal ein ebenso persönliches Buch über die siebziger Jahre schreiben, anhand Ihrer belletristischen Leseerlebnisse?

Ja. Oder nehmen Sie die Musik. Die Siebziger schreien doch geradezu danach, als musikalisches Jahrzehnt autobiografiert zu werden. Das gilt auch für mich. Aber ich traue mir das als Autor nicht zu. Da gibt es andere, die das deutlich besser können.

Haben Sie wirklich einmal darüber nachgedacht, ob Sie für dieses Buch ein guter Autor sind? Sie wollten es doch einfach schreiben, oder?

Ein wenig bin ich reingerutscht. Ich hatte zu zwei Gelegenheiten Vorträge gehalten. Das war einmal der Festvortrag zur Amtseinführung der neuen Marburger Universitätspräsidentin. Ich sprach über die Marburger Universität vor vierzig Jahren. Das Gleiche machte ich in Paris, als Andreas Beyer Abschied nahm vom Posten des Direktors des Deutschen Forums für Kunstgeschichte. Das ergab zusammen fast schon die Hälfte eines Buches. Ich fand einen Verleger, und so schrieb ich den Rest auch noch. Es ging mir damals nicht gut. Das Schreiben half mir darüber hinweg. Nach fünf, sechs Wochen, als ich den Rest geschrieben hatte, ging es mir wieder deutlich besser.

Mir fällt bei vielen Menschen das Zuhören schwer. Wenn ich das Band abhören werde, werde ich wieder merken, dass ich auch mir nicht zuhören kann. Ich werde ungeduldig. Beim Lesen ist das anders. Da kann ich weiterblättern.

Das kenne ich. Akustisch nehme ich ganz schlecht auf. Vorlesungen waren für mich die reine Qual. Ein Buch kann man ja irgendwo aufschlagen. Wenn es einem gefällt, liest man weiter. Wenn nicht, schlägt man noch einmal eine andere Seite auf. Man muss nicht dem Tempo eines anderen folgen. So lese ich Zeitungsartikel. Nicht von Anfang bis Schluss. Ich picke mir etwas heraus. Wenn sie mir wichtig sind, dann fange ich noch einmal von vorne an und lese alles.

So geht es uns hoffentlich mit diesem Gespräch.

Bei den einen ja, bei den anderen nein.

Interview: Arno Widmann

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