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Ein tiefer Einblick in ein Buch ist gleichzeitig ein weiter Ausblick auf eine andere Welt.
Ein tiefer Einblick in ein Buch ist gleichzeitig ein weiter Ausblick auf eine andere Welt. © Getty Images/iStockphoto

Sich mit einem Buch einen Liegestuhlplatz zu reservieren, ist auch viel niveauvoller. Hier kommen sommerliche Leseempfehlungen aus der FR-Redaktion.

Sylvia Staude

Schwebend Ein Kriminalroman? Na ja. Zwar stellt Riku Onda den schrecklichen Giftanschlag auf eine Familie in den Mittelpunkt. Darum herum aber ist ihr japanisches Gesellschaftspanorama hingetupft, oft rätselhaft, nimmt sie die Perspektive zahlreicher Personen ein, die jede und jeder ihre eigenen Gedanken und Gefühle mit dem Verbrechen verbinden.

Riku Onda: Die Aosawa-Morde. Kriminalroman. A. d. Japan. v. Nora Bartels. Atrium. 368 S., 22 Euro.

Geerdet Nur ein Gärtnerleben? Marc Hamer erzählt vom Kümmern, aber auch von der Eigengesetzlichkeit der Natur. Von Roter-Beete-Suppe, Seidelbastblüten und toten Krähen. Die Erde ist ihm eine Bibliothek, „und Steine, Bäume, Tiere, Gerüche, Wasser und Winde einige ihrer Bücher“. Dies ist es, was uns alle umgibt. Hamer öffnet uns die Sinne.

Marc Hamer: Vom Blühen und Vergehen. Ein Gärtnerleben. A. d. Engl. v. Brigitte Heinrich. Insel. 416 S., 24 Euro.

Schwebend II Ein Kriminalroman? Na ja. Jahrzehnte wird nach dem „Tiarp-Mörder“ gesucht, die meisten Fährten sind falsch, ein Ermittler verzweifelt darüber. Christoffer Carlsson webt ein ebenso komplexes wie durchscheinendes Netz aus sich erst langsam fügenden Fakten, beschreibt mit Zartheit die Seelenzustände der Betroffenen.

Christoffer Carlsson: Was ans Licht kommt. A. d. Schwed. v. Ulla Ackermann. Rowohlt. 492 S., 23 Euro.

Geerdet II Das ganz normale Leben? Ja, durchaus. Aber auch für jeden und jede ein individuelles Leben. Anne Tyler gehört zu den Stillen, Behutsamen im Genre des Familienromans, ihre Welt steckt nicht voll Drama und Action – dafür voll augenöffnend beschriebenem Alltag. Eine Beziehung endet, Kinder werden groß, Menschen werden alt. Wie es halt ist.

Anne Tyler: Eine gemeinsame Sache. Roman. A. d. Engl. v. Michaela Grabinger. Kein & Aber. 352 S., 26 Euro.

Daniel Kothenschulte

Ein Planet Der Planet, mit dem wir laut Jane Fonda umgehen, als hätten wir einen zweiten im Kofferraum, ist vielleicht doch noch zu retten. Hier sind schon einmal 140 Künstler:innen-Ideen. Wie die des Brasilianers Jota Mombaça: „Okay, atme. Jetzt mach das Telefon aus und öffne alle Türen und Fenster Deines Heims: Flüstere dem Wind ein Geheimnis zu.“

H. U. Obrist / K. Stasionopoulos (Hg.): 140 Artists’ Ideas for Planet Earth. Penguin. 288 S., ca. 11,50 Euro.

Ein Klassiker Silvia Federicis bereits 2004 erschienener Essay ist längst zum Klassiker der feministischen Kapitalismuskritik geworden. Wir raten zur englischen Originalfassung: Endlich steht der Text hier als preiswertes Taschenbuch zur Verfügung, ist er doch in seiner zentralen Revision von Karl Marx’ These der ursprünglichen Akkumulation aktueller denn je.

Silvia Federici: Caliban and the Witch: Women, the Body and primitive Accumulation. Penguin. 400 S., ca. 10,99 Euro.

Ein Leidensweg Nach dem Erfolg von Chris Kraus’ inzwischen als Serie adaptiertem Roman „I Love Dick“ liegt nun ihr gnadenlos-selbstironischer Klassiker von 2000 in deutscher Übersetzung vor. In ihrem eigenen, autofiktionalen Stil erzählt sie vom Leidensweg einer Filmemacherin, deren Werk über quasireligiöse Ekstase kein Festival spielen will.

Chris Kraus: Aliens & Anorexie. A. d. Engl. v. Kevin Vennemann. Matthes & Seitz. 255 S., 22 Euro.

Eine Exhumierung Ein Jahrhundert nach Friedrich Murnaus „Nosferatu“-Film verdient auch eine der tiefsitzenden Wurzeln des vampirischen Übels eine Exhumierung. In der neuen Übersetzung von Andreas Nohl erweist sich der frühe Montageroman des in Irland geborenen Schriftstellers Bram Stoker als komplexer Vorbote der Moderne.

Bram Stoker: Dracula. Roman. A. d. Eng. v. Andreas Nohl. Steidl. 592 S., 29,80 Euro.

Judith von Sternburg

Bodenlos Ein typischer Krasznahorkai, ein einziger gigantomanischer Satz – kein Tiger springt so weit, kein Roman riskiert so etwas normalerweise –, der eine krasse, gegenwärtige Geschichte aus Thüringen erzählt: Wölfe lungern herum, Bach-Fans und Neonazis treten auf, und ein Rächer, wie die Welt ihn noch nicht sah. Große Literatur für große Ferien.

László Krasznahorkai: Herscht 07769. Roman. A. d. Ungar. v. Heike Flemming. S. Fischer. 414 S., 26 Euro.

Boden Egal, ob Sie ins Freibad traben oder an fernen Stränden spazieren. Ruefles poetische Prosa, teils erzählend, teils reflektierend, frappiert schon allein mit solchen Feststellungen: „Der Planet aus nächster Nähe betrachtet heißt der Boden.“ Finden Sie zu simpel? Echt? Es gibt Leute, die tapern noch Monate später staunend herum und glotzen nach unten.

Mary Ruefle: Mein Privatbesitz. A. d. Engl. v. Esther Kinsky. Suhrkamp. 127 S., 18 Euro.

Los! In „RCE“ rettet Berg kurzum die Welt. Das ist dringend erforderlich, allerdings ist kaum vorstellbar, dass es so klappen kann, aber umso interessierter verfolgt man den irre aufwendigen Plan einer kleinen Gruppe verstörter jugendlicher Computer-Nerds, die es knallhart durchziehen. Also die Rettung. Nein, es ist nicht möglich, aber – anregend.

Sibylle Berg: RCE. #RemoteCode-Execution. Roman. Kiepenheuer & Witsch. 698 S., 26 Euro.

Lösung Dieses ausufernde Hörbuch bietet eine Horizonterweiterung und zugleich Heimatbesichtigungen aller Art. Das Portal „Weiter Schreiben“ ist seit fünf Jahren eine hervorragende Anlaufstelle für geflüchtete Autorinnen und Autoren und verknüpft sie auch mit der hiesigen Szene – entsprechend abwechslungsreich die Texte der Anthologie.

Al-Bitar Kalaji/ Collorio / Reich (Hg.): Weiter Schreiben – (W)Ortwechseln. Hörverlag. 27 Euro.

Thomas Stillbauer

Zeit Fünfzig Jahre alt ist der erste Weckruf der Neuzeit zur Rettung des Klimas. Dass uns schon Goethe, Morgenstern und Eichendorff, natürlich Droste-Hülshoff und Hölderlin hätten wachrütteln können, zeigt dieses Kompendium. Es vereint die Fridays for Future und das forschende Heute klug mit den Philosophen von einst und jetzt.

Gregor Gysi, Eichendorff, Droste-Hülshoff, Gert Scobel und andere: Mondnacht – Fünf vor Zwölf. Antworten auf die Klimakrise. Trabanten. 560 S., 24 Euro inkl. 1 Euro für die FFF.

Beat Harry Bensons toller Fotoband über Paul McCartney ist uns im vorigen Jahr bereits begegnet. Da kostete er 600 bis 3000 Euro und war fast schon vergriffen, ehe er in der Zeitung stand. Jetzt gibt es den Streifzug durch des Beatles Leben (und irgendwie auch unseres) in einer Neuauflage deutlich erschwinglicher, und die mehr als 100 Fotos sind noch genauso toll.

Harry Benson: Paul. Taschen Verlag. 172 S., 50 Euro.

Mut In den 70er und 80er Jahren haben Dieter Maier und die Frankfurter Amnesty-International-Gruppe viel riskiert, um Menschen aus der chilenischen Pinochet-Diktatur herauszuhelfen. Das Buch wertet mit unendlicher Akribie ein Karteikartenarchiv der Geheimpolizei aus, das 2005 in der berüchtigten Colonia Dignidad entdeckt wurde.

Dieter Maier / Luis Narváez: Kartei des Terrors. Schmetterling Verlag. 318 S., 29,80 Euro.

Breit Immer Vollgas, bis an die Spitze der Charts. Mit Songs wie „Alles auf Rausch“ und „Komplett im Arsch“ war die Rostocker Punkband Feine Sahne Fischfilet schwer angesagt – und Sänger Monchi war vor allem schwer. Seine Geschichte, wie er 65 Kilo abspeckte, hat recht wenig mit Punk zu tun, aber viel mit dem Scheitern und Lernen.

Monchi: Niemals satt. Kiwi-Paperback. 320 Seiten. 18 Euro.

Tanja Kokoska

Ich Nein, das ist kein Kindheit- oder Jugendbuch, wenngleich es ums Mädchen-Sein geht. Und davon erzählt die österreichische Autorin Teresa Präauer, Jahrgang 1979, so charmant und schillernd und komisch, dass man sich herzlich gern und auch mal herzzerreißend ans eigene Mädchen-Sein erinnert. Selbst wenn man womöglich gar kein Mädchen war.

Teresa Präauer: Mädchen. Literarischer Essay. Wallstein. 78 S., 16 Euro.

Du Alle, die dieses Buch noch vor sich haben, sind zu beneiden: Den neuen Simon-Brenner-Krimi von Wolf Haas bitte möglichst langsam lesen, damit der Genuss lange anhält. In diesem unvergleichlichen, leicht österreichischen Singsang vom allwissenden Erzähler angeduzt zu werden, das ist immer wieder herrlich. Auch zum neunten Mal.

Wolf Haas: Müll. Kriminalroman. Hoffmann und Campe. 288 S., 24 Euro.

Sie Auf einen neuen Krimi von Fred Vargas zu warten, ist eine fürchterliche Geduldsprobe. Die Zeit vertreiben lässt sich mit den Hörbüchern, die Schauspieler Peter Jordan einliest – so erlebt man die Fälle des Kommissars Adamsberg nochmal ganz anders. Es heißt, die Archäologin Vargas schreibe nur in den Ferien. Bitte dringend Urlaub machen!

Fred Vargas : Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord. Der Audio Verlag. 21,95 Euro.

Er Der Komiker Rainald Grebe schreibt beschämend wahre Lieder über deutsche Bundesländer, 30-jährige Pärchen oder Städter, die aufs Land ziehen. Nun hat er seine Autobiografie vorgelegt. Wer denkt, das sei ein bisschen früh: Grebe ist an Vaskulitis erkrankt, erlitt bereits mehrere Schlaganfälle. Doch das hindert ihn nicht, dieses bekloppte Leben zu feiern.

Rainald Grebe: Rheinland Grapefruit. Mein Leben. Autobiografie. Voland & Quist. 336 S., 28 Euro.

Arno Widmann

Abgucken 296 reich bebilderte Seiten über die Jahre 2009 bis 2022. Für die, die dort waren, ein Blick auf Schlingensief, Ai Weiwei, Hito Steyerl und tutti quanti. Für die, die nicht dort waren, eine Gelegenheit, etwas bald für eine Erinnerung zu halten, das sie nur aus diesem Buch kennen. Dazu ein Gedicht Anne Carsons, Fotos von Barbara Klemm, kleine Texte.

Ifa-Institut (Hg.): Auf Wasser gebaut – Der deutsche Pavillon auf der Biennale Venedig. Schirmer/Mosel, 296 S., 38 Euro.

Verstehen „Wir müssen die Shoah im Zentrum unserer Verantwortung halten“, steht hier. „Aber wer die Shoah benutzt, um anderes Leid zu degradieren, hat ihre wichtigste Lehre nicht verstanden.“

Charlotte Wiedemann: Den Schmerz der anderen begreifen – Holocaust und Weltgedächtnis. Propyläen. 287 S., 22 Euro.

Versuchen Der Harvard-Professor gilt als bester Kenner der ukrainischen Geschichte. Seine Buch ist keine herkömmliche Nationalgeschichte, sondern der Versuch einer gemeinschaftlichen Erzählung für die multiethnische Gemeinschaft der Ukraine. Sollte das nicht auch in Deutschland endlich versucht werden?

Serhii Plokhy: Die Frontlinie – Warum die Ukraine zum Schauplatz eines neuen Ost-West-Konflikts wurde. Rowohlt. 544 S., 30 Euro. 

Müssen Die in Kamerun geborene Autorin ist in Bristol Professorin für die Geschichte der Sklaverei. Ihr Buch über das schon immer auch afrikanische Europa muss man gelesen haben.

Olivette Otele: Afrikanische Europäer – Eine unerzählte Geschichte. A. d. Engl. v. Y. Dinçer. Wagenbach. 300 S., 28 Euro.

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