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Können bestellt und abgeholt werden: Bücherkauf in Zeiten des Corona-Lockdown.
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Können bestellt und abgeholt werden: Bücherkauf in Zeiten des Corona-Lockdown.

Buchmarkt während Corona

Situation von Schriftsteller:innen in Corona-Krise ist prekär - Folgen für Buchmarkt ungewiss

  • vonUlrich Rüdenauer
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Wie es Schriftstellerinnen und Schriftsteller während der Corona-Krise ergeht und welch schlimme Auswirkungen das auf unseren Buchmarkt haben könnte.

In manchen Jahren kommt vieles zusammen. Jubiläen zum Beispiel. 2020 wäre Friedrich Engels 200 geworden und Fritz Walter 100, der Baron Münchhausen hätte ebenso Geburtstag feiern können (den 300.) wie Marcel Reich-Ranicki (100). Paul Celan – 50. Todestag und 100. Geburtstag – wurde in den Feuilletons ausgiebig gewürdigt. So richtig zelebriert aber wurden Friedrich Hölderlin und Ludwig van Beethoven, die beide im Jahre 1770 das Licht der Welt erblickt hatten. Was hätte das für eine Sause werden können, wäre die Corona-Pandemie den unzähligen Kongressen, Ausstellungen und Lesungen, die man geplant hatte, nicht in die Quere gekommen. Dutzende von Büchern, die zu den jeweiligen Gedenktagen erschienen sind, konnten dem geneigten Publikum kaum bei Veranstaltungen vorgestellt werden. Und als die Buchläden fast überall schließen mussten, waren sie auch nicht mehr auf den Präsentiertischen der Geschäfte sichtbar.

Der Freiburger Romancier und Essayist Karl-Heinz Ott war auf das Doppeljubiläum perfekt vorbereitet gewesen. Zu beiden Anlässen hatte er zwei hochgelobte Bücher geschrieben: einen Essay über Beethovens Sinfonien mit dem schönen Titel „Rausch und Stille“ und eine Studie über den größten schwäbischen Dichter und dessen Rezeption, „Hölderlins Geister“.

„Ich hätte ein fantastisches Jahr gehabt, so gut wie noch nie“, sagt Karl-Heinz Ott. Ein fantastisches Jahr heißt: Ott hätte die Früchte jahrelanger Arbeit in Form von Lesungshonoraren einfahren können. „Insgesamt gingen mir ungefähr 50 Lesungen verloren. Wie Sie wissen, gibt es auch Jahre, wo es ganz wenige Lesungen gibt, zumal wenn kein neues Buch da ist. 2020 hätte ich für die mageren Zeiten vorsorgen können.“ Statt Jubeljahr also ein mittelgroßes Desaster.

Lesetouren sorgen fürs Grundeinkommen

So wie Karl-Heinz Ott ging es einigen Autorinnen und Autoren. Man muss wissen, dass die reinen Buchverkäufe – zumal, wenn es sich dabei um literarisch anspruchsvolle Werke handelt – nur in den allerseltensten Fällen das Auskommen sichern können. Für gewöhnlich sitzen Autor:innen zwei, meist noch mehr Jahre an einem Buch. Wenn es gut läuft, verkaufen sich 5000 Exemplare, sehr gut sind 10.000 und mehr. Das Verdienst pro gedrucktem Buch: zwei bis drei Euro vom Ladenpreis. Das deckt noch nicht einmal die Miete.

Wie überleben? Anders als etwa in Frankreich oder Italien hat sich im deutschsprachigen Raum nicht nur ein dichtes Netz von Stipendien und Preisen gebildet, das viele Schreibende auffängt. Gerade die Lesetouren durch Buchhandlungen und Literaturhäuser sorgen für ein Grundeinkommen, wenn auch ein geringes. Fallen diese Einnahmen aber aus, kann es schnell einmal eng und existenziell werden. Gerade an kleineren Veranstaltungsorten fanden während der letzten zwölf Monate nämlich keine Lesungen statt. „Das ist alles komplett weggebrochen“, sagt Annette Pohnert. „Und die Schriftsteller sitzen zu Hause und sind frustriert und haben auch teilweise massive Geldprobleme.“

Annette Pohnert muss es wissen. Sie arbeitet seit vielen Jahren in der Veranstaltungsabteilung des Münchener Hanser Verlags. Die Pandemie zehrt gehörig auch an ihren Nerven. „Eigentlich geht es nur ums Verwalten und Verschieben von schon existierenden Terminen. Teilweise wurden Lesungen vier Mal verschoben.“ Dass die Planungen für die kommenden Monate je nach Infektionsgeschehen schnell wieder zu Makulatur werden können, versteht sich von selbst. Auch wenn manche Events inzwischen ins Digitale wandern, sorgt das in den Verlagen doch für ungeahnte Herausforderungen: „Wir mussten in vielen Dingen erfindungsreich sein. Online-Veranstaltungen wurden plötzlich wichtig, und da mussten etwa Rechtefragen geklärt werden. Und nicht alle Autorinnen und Autoren waren überhaupt fähig oder bereit, Online-Lesungen zu machen“, erzählt Pohnert.

Nach Corona auf bessere Zeiten hoffen?

Thorsten Nagelschmidts jüngster Roman „Arbeit“ kam mitten im ersten Lockdown heraus. Der Musiker und Autor wurde von seinem Verlag gefragt, ob er den Erscheinungstermin verschieben und auf bessere Zeiten hoffen wolle. „Nach einigem Hin und Her habe ich mich entschieden, daran festzuhalten. Wer wusste schon, wie es in sechs oder zwölf Monaten aussehen würde.“ Kurz danach trudelten von vielen Presse- und Vertriebsabteilungen E-Mails in Redaktionen und bei Buchhändlern ein, in denen bekanntgegeben wurde, dass wichtige Titel in den Herbst oder gar ins nächste Frühjahr verlegt wurden. „Und ich dachte: Du bist der einzige Idiot, der jetzt ein Buch veröffentlicht“, sagt Nagelschmidt. Heute ist er froh über seine Entscheidung. „Das Buch ist ein Erfolg geworden, und ich hatte bisher sogar 29 Auftritte damit, wenn auch nur unter viel Hin und Her und dank unermüdlichem Einsatz meines Bookers Ertugrul Eren – und vor deutlich weniger Zuschauern. Aber immerhin!“

Veranstaltungen mit einer begrenzten Publikumszahl konnten vor allem im Sommer und noch bis Ende Oktober 2020 stattfinden. Alles unter strengen Auflagen und Hygienemaßnahmen. Gerade aber die unbekannteren Autorinnen und Autoren hatten kaum Chancen, eingeladen zu werden. Man setzte auf Household Names, oder es wurden Lesungen aus dem Frühjahr nachgeholt.

„Vielen fehlt nun einfach der Kontakt zum Publikum“, erfährt Annette Pohnert aus den Gesprächen mit Autorinnen und Autoren, „es fehlt das Feedback vom Publikum. Jemand wie Elke Heidenreich sagt, sie könne keine Veranstaltungen machen, wo im Saal nur jeder dritte Platz besetzt ist und die wenigen, die da sind, auch noch eine Maske tragen. Es entstehe überhaupt kein Gefühl dafür, wie etwas ankommt.“ Mit ein Grund dafür, dass manche Schriftsteller Online-Veranstaltungen scheuen.

Ein Mindestmaß an Interaktion

Das Problem sieht auch Thorsten Nagelschmidt. Seine Premierenlesung fand online statt, live übertragen aus dem Festsaal Kreuzberg. „Mir war es wichtig, den Liveaspekt zu betonen und für ein Mindestmaß an Style und Interaktion zu sorgen“, sagt er. „Der Verleger Jörg Sundermeier hat moderiert, die Bühne sah gut aus, und man konnte während der Veranstaltung anrufen und Fragen stellen. Denn das ist es ja, was uns allen bei diesen Online-Veranstaltungen so sehr fehlt: das Gefühl, live dabei zu sein, zusammen mit anderen Menschen, sich auszutauschen, und dass eben nicht alles geskriptet ist, dass die auf der Bühne nicht nur ihr Programm runterrattern, sondern auch mal spontan sein müssen oder abschweifen oder Fehler machen. Zumindest geht mir das so.“ Für Thorsten Nagelschmidt ging das Katastrophenjahr also eher glimpflich aus, wenn es auch finanzielle Einbußen gab und gibt. „Aber ab einem gewissen Punkt war ich vor allem froh über jede kleine Sache, die trotzdem stattfinden konnte“.

Das dachte sich zu Anfang der Pandemie wohl auch die in Paris lebende Schriftstellerin und Übersetzerin Anne Weber. Bei ihr waren es gleich drei Bücher, die drohten übersehen zu werden. „Mein ‚Annette, ein Heldinnenepos‘ ist im Februar/März gleichzeitig in Deutschland und in Frankreich erschienen, dazu zwei Übersetzungen, von denen eine knapp 900 Seiten beträgt und mich Jahre beschäftigt hatte. All das schien nun Corona zum Opfer zu fallen, und man konnte sich noch nicht einmal darüber beklagen, weil zugleich so viel Schlimmeres passierte.“

Dann aber kamen doch die ersten begeisterten Besprechungen. Im August wurde Anne Weber die renommierte Stadtschreiberstelle in Bergen-Enkheim zugesprochen, und ihr „Heldinnenepos“ gelangte auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Vollkommen versöhnt dürfte Weber schließlich im Oktober gewesen sein, als ihr Buch tatsächlich zum besten Roman des Jahres gekürt wurde. „Dann kam tatsächlich eine für mich völlig unerwartete und beglückende Wendung, es war schon fast ein bisschen wie im Märchen, das Buch hatte von Anfang an kein Glück – und dann auf einmal das. Dass dann ab November viele Lesungen ausgefallen oder ins Digitale verlegt worden sind, hat meine Freude nicht trüben können. Es käme mir wirklich nicht in den Sinn, mich beschweren zu wollen, weil das Buch in einem anderen Jahr noch präsenter hätte sein können.“

Fatalismus macht sich in der Branche breit

Anne Webers Geschichte ist eine große Ausnahme in diesem für die Kultur insgesamt so verheerenden Jahr 2020. Viele Autorinnen und Autoren sind in den letzten Monaten gar nicht präsent gewesen. Wer nur nebenberuflich schreibt, war auf seinen Brotjob zurückgeworfen – und konnte froh sein, diesen zu haben. Für alle anderen ist die Lage bedrohlich, wie Lena Falkenhagen berichtet. Sie ist die Bundesvorsitzende des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) und selbst Autorin unter anderem von historischen Romanen. Viele Kolleginnen und Kollegen, berichtet sie, seien äußerst fatalistisch, was die Unterstützungsangebote des Staates angeht. „So wie die Corona-Hilfen 1 bis 3 gestrickt sind, glaube ich, dass der Prozentsatz von Leuten, die da tatsächlich darauf zurückgreifen können, im einstelligen Prozentbereich liegt“, sagt Falkenhagen. „Ursprünglich hatte das damit zu tun, dass man nur Betriebskosten anrechnen lassen konnte. Jetzt muss man 80 Prozent direkt nachweisbaren Ausfall durch die Corona-Maßnahmen haben. Das müssen sie als Autor erst mal hinkriegen! Schlussendlich, glaube ich, gilt der politische Wille, dass selbstständige Schriftstellerinnen und Schriftsteller auf die Grundsicherung verwiesen werden sollen.“ Eine bittere Diagnose.

Die Folgen der derzeitigen Krise könnten, so Falkenhagen, zudem noch lange nachwirken: Die Programme in den Verlagen werden ausgedünnt, Titel entweder verschoben oder gar nicht veröffentlicht. Prozesse, die im Buchmarkt schon länger zu beobachten sind, beschleunigen sich durch die Krise – vor allem die Konzentration auf wenige, dafür aber marktgängige Bücher dürfte zu einer Überlebensstrategie für wirtschaftlich angeschlagene Verlage werden. „Man stellt sich lieber einen Dan Brown ins Regal als eine junge Neuautorin.“

Was die Politik jetzt ganz konkret tun müsste? Strukturelle Hilfen für den Literatur- und Kulturmarkt bereitstellen, „die tatsächlich die besonderen Lebens- und Arbeitsbedingungen von Künstlern respektieren und anerkennen“, fordert die VS-Vorsitzende. „Man gibt Milliarden für die Rettung der Lufthansa aus, man gibt Milliarden für die Rettung von Flughäfen aus, um eine Infrastruktur zu bewahren. Aber im künstlerischen Bereich stirbt da gerade ebenfalls eine wichtige Struktur.“ Ob die bislang von Bund und Ländern bereitgestellten Mittel – etwa aus dem Topf „Neustart Kultur“ – ausreichen, den drohenden Kollaps vieler kultureller Institutionen zu vermeiden?

Aufs Schreiben konzentrieren

Der Fatalismus, von dem Lena Falkenhagen spricht, scheint sich breitzumachen. Manche versuchen, die Situation pragmatisch zu sehen. Denn: Was soll man tun, wenn keine Lesungen stattfinden, man nicht zu Podiumsdiskussionen oder Buchmessen eingeladen wird, weil diese ja ebenfalls abgesagt wurden? Schreiben natürlich. „Es gab etliche, die kein neues Buch draußen hatten und sagten: Ich finde das ganz gut, dann kann ich mich endlich mal aufs Schreiben konzentrieren, dann wird das Buch endlich mal fertig, und es kommt keine Hetze auf“, so beschreibt es Annette Pohnert vom Hanser Verlag

Karl-Heinz Ott sitzt an einem neuen Werk – und die von Corona aufoktroyierte Ruhe ist zumindest in dieser Hinsicht hilfreich. Anne Weber konnte eine Übersetzung abschließen, „das hätte ich, wenn ich durch Deutschland gereist wäre, sicherlich nicht geschafft“. Auch Thorsten Nagelschmidt arbeitet am nächsten Roman. Allerdings ist der Lockdown dem Schreiben nicht immer zuträglich. „Ich recherchiere sehr viel und sehr gerne, ich muss immer raus, an die Front, mit Menschen sprechen, meine Fühler ausstrecken. Dass das zur Zeit nur schriftlich und telefonisch passiert, hat Einfluss auf meine Arbeit.“

Vielleicht gibt es aber immerhin eine Autorin hierzulande, deren Leben und Arbeiten sich durch Corona nicht im geringsten verändert hat. Christine Wunnicke veröffentlichte 2020 mit „Die Dame mit der bemalten Hand“ einen Roman, der in der Presse große Aufmerksamkeit erfuhr, für mehrere Preise nominiert und mit dem Raabe-Preis ausgezeichnet wurde. Im Berenberg Verlag in Berlin gingen Dutzende von Lesungsanfragen ein, und Wunnicke hätte eine ausgedehnte Lesereise machen können. Da die Autorin allerdings grundsätzlich öffentlich nicht auftritt, mussten auch keine Veranstaltungen geplant oder abgesagt werden. Christine Wunnicke tat einfach, was sie immer tut: von ihrer Münchener Wohnung aus fantasierend und schreibend durch die Welt reisen. Selbst Corona konnte ihr da keinen Strich durch die Rechnung machen. (Ulrich Rüdenauer)

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