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Wo der Mensch sich zurückzieht, hier aus einem ehemaligen chinesischen Fischerdorf, übernimmt bald wieder die Natur.

„Der Gärtner im Dschungel“

Den grünen Raum aufspannen

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„Der Gärtner im Dschungel“: Helmut Salzingers bemerkenswerte, wieder aktuelle Gedanken zu Mensch und Natur.

Ein Jahr vor Helmut Salzingers Tod, er starb 1993, erschien „Der Gärtner im Dschungel“. Und wenn der Frankfurter Westend-Verlag den Band nun neu herausbringt, so hat er einerseits ein Buch entdeckt, das wie ausdrücklich geschrieben ist zur Fridays-for-Future-Debatte, ein Buch, das in jedem um seine Zukunft fürchtenden und darum wie einst Salzinger Radikales denkenden jungen Menschen nachklingen muss. Hat es der Verlag andererseits, um es einem Reihenlook anzupassen, mit einem trügerisch dekorativen Cover getarnt, mit Erdbeerranken, -früchten, -blüten, die die Leserin in die Irre führen müssen. (Und leider ist der frisch gesetzte Text wohl nicht Korrektur gelesen.) Denn von einem Gärtnern im Sinne eines regulierenden, domestizierenden, auf Ertrag zielenden Anbaus handelt „Der Gärtner im Dschungel“ nicht.

Damals, Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger, wurde vom Klimawandel zwar schon, aber nur am Rande gesprochen. Das Helmut Salzinger tief erschreckende, aber eigentlich in seinem Pessimismus nur bestätigende Ereignis war im April 1986 die Kernschmelze von Tschernobyl – die „den Nullpunkt (setzt) für jegliche Naivität im Garten“. In einem mäandernden, vom Weidenbohrer zum Dichter Arnfrid Astel (nicht „Astei“), von der Kreuzotter über die „Aldi-Nahrung“ zum Soziologen Norbert Elias schweifenden kapitellosen Text, bewegt den Journalisten, Kritiker, Autor die vielgestaltige Verheerung unserer natürlichen Lebensgrundlagen.

Zwar fordert Salzinger nicht direkt die Ausrottung des Menschen, auf dass ohne ihn ein wünschenswertes Gleichgewicht und eine „richtige Wildheit“ auf Erden wieder entstehen könnten, aber er kehrt doch in diesem recht schmalen Band immer wieder zu einem Gedanken zurück, den er nur jeweils anders formuliert. Zum Beispiel als: „Der Mensch in seiner gegenwärtigen Form als Störenfried und Töterich müsste aus dem Spiel genommen werden.“ Oder: „Der Geist oder das Wesen eines Platzes stirbt, wenn Menschen sich an ihm niederlassen“. Nein, Salzinger scheute sich nicht, drastisch Partei zu ergreifen.

Wie kam es nun, dass „der Bücherschreiber, ein Wurm“ (Salzinger über Salzinger) versuchte, von einem halben Hektar Land in „Odisheim, im Lande Hadeln“ selbstgenügsam zu leben? Es war zunächst wohl seine Frau, der Autor nennt sie nur A., die sich das in den Kopf gesetzt hatte. Und der Bücherschreiber machte sich erst einmal ans halbkonventionelle Gärtnern. Gab dies aber zunehmend auf, die Schädlingsbekämpfung mit Gift, das Unkrautjäten bald sowieso.

Helmut Salzinger: Der Gärtner im Dschungel. Westend Verlag, Frankfurt 2019. 206 S., 18 Euro.

Helmut Salzingers Ziel ist es – er braucht nicht lange für die Kehrtwende –, „den Platz an die Natur zurückzugeben, in den sie sich erneut ergießt, unter der Bedingung, dass wir bleiben können“. Er ist stolz auf das Schlangennest, das er unterm Haus vermutet. Er ist stolz auf jedes Bäumchen, das er im Wald ausgräbt und das auf seiner Wiese überlebt. Denn alles soll voll sein mit Büschen und Bäumen, für die Insekten, für Vögel und Igel, auch für die größeren tierischen Jäger. „Pflanzenbewuchs spannt Räume auf für andere Lebewesen“, schreibt Salzinger, als wäre es heute. Da nämlich erste Städte darüber nachdenken, wie man Gartenbesitzer veranlassen, wenn nicht gar zwingen kann, nicht nur Kieselsteine vor ihr Haus zu streuen, Verbundsteine zu verlegen und in den Ritzen das letzte Kräutlein zu vernichten.

In seinem Vorwort schreibt der Journalist Mathias Bröckers salopp, dass Salzinger „von Natur eigentlich keinen Dunst hatte“. Das spielt aber eben keine Rolle, denn in keinem Moment möchte dieser Gärtner seiner Leserin, seinem Leser einen Tipp geben, wie man eine Reihe Bohnen pflanzt, wurmfreie Möhren erntet oder nützliche Ohrwürmer, Forficula auricularia, ansiedelt. Es geht um weit Grundsätzlicheres, Radikaleres als biologischen Gemüseanbau oder ein paar Quadratmeter Bienenweide.

Hier versucht sich einer so weit wie nur möglich aus der Gleichung zu nehmen. Möchte jede „Verkünstlichung“ aufgeben, zurückdrehen. Und verzweifelt einerseits, weil der Schaden, den andere anrichten, so grenzübergreifend ist wie das Cäsium, das auch in Odisheim vom Himmel regnet, oder so nah wie die Straßenmeister mit ihren großen Mähern. Allerdings glaubt da einer auch, dass ohnehin aller Augenschein dafür spricht, „dass der Mensch keine Gelegenheit mehr haben werde, irgendetwas zu korrigieren; denn er ist ja noch immer munter dabei, das möglichst Schreckliche wirklich zu machen“.

Es bleiben bei Salzinger auf den letzten Seiten die Betrachtung und das Fühlen in seinem Garten, der immer mehr zu einem Garten der anderen Lebewesen werden soll, des ungestörten, unbeeinflussten Kreislaufs. In den Tod, in neues Leben. „Hier herrscht, bis auf den normalen Krieg, Frieden“.

Buchinfo Helmut Salzinger: Der Gärtner im Dschungel

Westend Verlag, Frankfurt 2019. 206 S., 18 Euro.

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