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Elizabeth Kolbert „Wir Klimawandler“: Blinde Deichbaumeister

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Von: Ewart Reder

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Dezember 2021: Zerstörungen in Dawson Springs, Kentucky, nach einem Tornado.
Dezember 2021: Zerstörungen in Dawson Springs, Kentucky, nach einem Tornado. © AFP

Die Autorin Elizabeth Kolbert sagt „Wir Klimawandler“. Wen meint sie damit?

Alle sechs Jahre, durchschnittlich, veröffentlicht der Weltklimarat seinen Bericht. Die Aussichten für das Klima werden mit jeder Ausgabe düsterer. Was kaum bekannt ist: In die Berechnungen für den neuesten Bericht ging die Annahme ein, dass in Zukunft weltweit Geo-Engeneering betrieben wird. Das 1,5-Grad-Ziel sei nur erreichbar, wenn der Mensch den nächsten, den in seiner Dimension womöglich größten Eingriff in das Ökosystem Erde vornehme: dessen Umbau.

Informationen wie diese machen Elizabeth Kolberts Buch „Wir Klimwandler. Wie der Mensch die Natur der Zukunft erschafft“ zu einem Augenöffner. Bestdotierte Forschungen laufen im Bereich Solar-Geoengineering. Davon das wichtigste Projekt will in die Stratosphäre massenhaft Partikel entlassen, die das Sonnenlicht reflektieren, es so von der Erdoberfläche fernhalten sollen. Mit gänzlich unbekannten Nebenfolgen.

Warum sich nichts ändert

Der Leiter eines anderen Großprojekts verrät der Autorin, warum er glaubt, dass die Emission von Treibhausgasen nie aufhören werde: Weil die Menschen dazu einsehen müssten, dass sie etwas Schlechtes tun. Besser klinge: Wir bauen etwas Großartiges und das wird unsere Probleme lösen.

Das Buch:

Elizabeth Kolbert: Wir Klimawandler. Wie der Mensch die Natur der Zukunft erschafft. Suhrkamp, Berlin 2021. 240 Seiten, 25 Euro.

Der Sound lässt es ahnen: Alle in Kolberts Buch beschriebenen Projekte werden in den USA oder mit US-amerikanischem Geld durchgeführt. Womit sich die Frage stellt: Wer sind „wir“ in dem Buchtitel? Nicht gemeint ist der einzelne Mensch und das, womit seine Lebensführung zur Verunstaltung der Welt beiträgt. Es geht um eine kleine, vernetzte und politisch einflussreiche Community von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und ihre Geldgeber. Das Umfeld, in dem sie arbeiten, ist das gleiche, in dem Elon Musk jährlich Hunderte neue Satelliten in die Erdumlaufbahn schießt. Deren Gesamtzahl wird in zehn Jahren unfassbare 60 000 betragen.

Obwohl es um den Planeten geht, sitzen die Genehmigungsbehörden in einem einzelnen Land, das oft keine zu den Entscheidungen passenden Gesetze hat.

Aber das steht in einem anderen Buch (vielleicht). Von Kolbert erfährt man, was für Technikvorhaben es gibt und welche durch frühere Technikvorhaben verursachten Schäden sie reparieren sollen. Streckenweise liest sich das wie ein Krimi und immer, als stünde man selbst auf der Baustelle, im Labor, im Gelände. Die Stadt Chicago wollte um 1900 ihr Abwasserproblem lösen und leitete einen Fluss um. Was sie damit schuf, war eine Verbindung zwischen den zwei großen, bisher getrennten Flusssystemen, die zusammen etwa zwei Drittel der USA durchziehen. In einer der nächsten Geschichten werden asiatische Karpfen, die irgendwo im Süden das Verlanden von Gewässern bekämpfen sollten, zu einer Plage, die das Gebiet der Großen Seen bedroht. Danke, Chicago! Aber wer hat letztlich angefangen?

Beim Lesen des Buchs entsteht der Eindruck, dass es auf den Maßstab der technischen Manipulationen ankommen wird. Auch Gentechnik spielt bei Kolbert eine Rolle. Und wer würde in Zeiten des mRNA-Impfens noch behaupten, sie sei grundsätzlich schlecht?

Die Entscheider in Chicago hatten eindeutig nicht das Bild vor Augen, das sie mit ihrer Entscheidung irreversibel veränderten (obwohl es dazu nur einen Atlas gebraucht hätte). Weniger wäre mehr gewesen. Den besten Satz des Buchs spricht ein Geologe: „Für Wissenschaftler hat es höchste Priorität, alle unterschiedlichen Arten herauszufinden, wie es schiefgehen könnte.“ Sonst stehen wir mit Goethes Faust am Ende erblindet auf der Deichbaustelle, wähnen uns unmittelbar vor dem ewigen Nachruhm. Und in Wahrheit schaufeln die Arbeiter, deren Spaten wir hören, unser Grab.

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