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Buch „Rick Rubin. Genie im Studio“: Schwank aus der Pop-Wunderwelt

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Rick Rubin und Paul McCartney im Gespräch über den Entstehungsprozess von Popmusik für eine Streaming-Serie.
Rick Rubin und Paul McCartney im Gespräch über den Entstehungsprozess von Popmusik für eine Streaming-Serie.Foto:Hulu © Imago

Reichlich verklärt: Es gibt ein neues Buch über Erfolgsproduzent Rick Rubin. Von Jens Buchholz.

Der Produzent Rick Rubin hat 1986 „Licensed To Ill“ von den Beastie Boys produziert, er hat 1991 „Blood Sugar Sex Magik“ mit den Red Hot Chili Peppers aufgenommen und mit Johnny Cash die berühmten „American Recordings“. Wegweisende Alben. Es ist fast unglaublich, mit wem dieser Mensch in den letzten vierzig Jahren im Studio war, von Adele über Kanye West bis zu Lady Gaga und Paul McCartney. Der Reclam-Verlag hat jetzt Jake Browns Buch über den US-amerikanischen Produzenten in Übersetzung veröffentlicht.

Die Aufgabe eines Popmusik-Produzenten besteht darin, die Musikerinnen und Musiker bei Aufnahmen zu betreuen. Er begleitet auch den kreativen Aspekt des Songwritings und hilft bei der Auswahl der Songs für ein Album. Dabei kann er ins Arrangement eingreifen oder einfach alles laufen lassen. Außerdem kümmert er sich um sämtliche technischen Aspekte der Aufnahmen. So beschreibt es Rick Rubin in Jake Browns Buch.

Wie groß der Einfluss von Produzenten sein kann, sieht man an Phil Spector, dessen Wall-of-Sound-Technik den Klang vieler berühmter Aufnahmen prägte. Berühmt ist auch George Martin, der den Klang und den künstlerischen Output der Beatles mitprägte.

Antennen fürs Universum

Rubin ist vor allem dafür bekannt, extrem zu reduzieren. Bei Johnny Cash blieben am Ende nur dessen Stimme und Gitarre übrig. Aber die Produzenten sind nie die Stars. Man interessiert sich vor allem für sie, weil sie dabei waren, als die Stars ihre Songs aufgenommen haben.

Jake Browns Rick-Rubin-Buch ist keine Biografie. Es ist eine Werkschau. Nach einem einleitenden Kapitel über die Arbeitsweise Rubins geht es in chronologischer Reihenfolge die prägendsten Arbeiten durch, an denen er beteiligt war. Von den Anfängen Rubins als Hiphop-Produzent bei Def Jam in den frühen Achtzigern bis in die Gegenwart. Über sein Privatleben erfährt man nur das Nötigste, gerade das, was für seine berufliche Laufbahn eine Rolle spielt. Beispielsweise, dass er in seinem Haus ein Studio eingerichtet hat und dass er ein spiritueller Mensch ist.

Das Buch ist ein reines Recherchewerk, zusammengestellt aus Zitaten von sämtlichen Beteiligten aus allen möglichen Quellen, vor allem aus Musikmagazinen. Schon das Original ist stilistisch kein Wunderwerk und die wackelige und hakelige Übersetzung macht es nicht besser. Immer wieder stolpert man über denglische Satzgebäude.

Im Original heißt das Buch „Rick Rubin in the Studio“. Das passt. Die deutsche Übersetzung dagegen ist mit „Rick Rubin – Genie im Studio“ betitelt. Damit darf er sich in die lange Reihe der anlasslos als Genie betitelten Menschen einreihen. Wer ist nicht alles „legendär“, „ein Mythos“ oder eben „ein Genie“? Vielleicht sollte sich der Popjournalismus endlich der Tatsache stellen, dass der ganze Mythen- und Geniediskurs eine hochgradig autoritär belastete und esoterische Denkweise ist. Denn wer könnte die Genialität des Genies bestreiten? Dabei wäre gerade ein Buch über einen Produzenten eine gute Gelegenheit gewesen, mit dem Genie-Quatsch aufzuräumen. Verschenkt!

Es ist Rubin selber, der hier Kreativitätsesoterik wie diese von sich gibt: „Die großen Songs stammen gar nicht wirklich von uns selbst. Sie sind Teil des Universums. Die besten Künstler sind die, die die besten Antennen für das Universum haben.“ Das ist der schwurbelige Geniekult des 18. Jahrhunderts.

Mann mit „Platininstinkt“

Das Genie als Auserwählter. Ein durch seine besondere Fähigkeit, Neues und Umwälzendes hervorbringen zu können, über die breite Masse gestelltes Individuum. Und nur dank dieser Kraft wird der Song erfolgreich. Rick Rubin weiß genau, dass das ein Mythos ist, denn er ist ein Geschäftsmann. Jake Brown formuliert es so: „Sein Platininstinkt überspringt jede musikalische Grenze.“ Und dieser Instinkt führte ihn dann auch in die Chefetage des Musikmultis Warner. Popmusik ist ein Geschäft.

Erfolg ist keine Frage des individuellen Genies, er ist eine Frage des Werbebudgets und der Reichweite. Erfolg ist eine Abwägung des kommerziellen Potenzials. Kapitalismus ist der Kern der Popmusik. Sie verkauft Aufnahmen und Lifestyle. Laut dem Literaturwissenschaftler Moritz Baßler ist sie eng verwandt mit der Werbung. Und einer wie Rick Rubin weiß das – Spiritualität hin oder her. Freilich sind Rick Rubins Produktionen auch immer Qualitätsprodukte.

Wird ein Star aber als Genie bezeichnet, sagt das mehr über seine Reichweite und seine kommerzielle Auswertung als über seine musikalischen Fähigkeiten. Dazu gehören auch die Retroauswertung und Musealisierung von Pop mit De-Luxe-Ausgaben. Dazu gehören auch die Tribute Bands, Musicals oder Avatarshows. Als Genie wird man bezeichnet, wenn die Vermarktung dafür sorgt, dass es genügend Fans gibt, die an das Genie glauben.

Für Fans ist die Popmusik etwas, das ihr Leben prägt. Sie eignen sie sich an, verbinden sie mit Erinnerungen und Gefühlen. Aber oft wird diese persönliche Bedeutung irrtümlich als Genialität präsentiert. Es ist erhebender, einem Genie anzuhängen, als einem zielgruppenorientierten Produkt der Musikindustrie.

Jake Browns Buch über Rick Rubin versucht sich nicht einmal ansatzweise an einer postheroischen Dekonstruktion des Auserwähltenkultes. Der Theologe Rudolf Bultmann hat einmal gesagt: „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.“

Für den Popjournalismus könnte man dieses Zitat so abwandeln: „Man kann nicht mit dem Wissen um die Herstellung einer Popmusikaufnahme und ihrer Vermarktung leben, vor einem Laptop sitzen, der jeden Sound der Welt reproduzieren kann und gleichzeitig daran glauben, dass Bob Dylan, Paul McCartney, Beyoncé oder Kayne West Genies seien, weil sie von kosmischer Energie durchströmt sind.“ Bitte die Popliteratur entmystifizieren!

Jake Browns Buch macht natürlich trotzdem Spaß, wenn man an Anekdoten aus der Wunderwelt des Pop interessiert ist.

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