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Philipp Keel (rechts).

Diogenes-Verlag

"Das Buch konkurriert mit dem Smartphone"

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Philipp Keel, Chef des nun 65 Jahre alten Diogenes-Verlags, über moderne Käufer, artistische Verleger und gepflegte Autoren.

Herr Keel, vor 65 Jahren hat Ihr Vater den Diogenes-Verlag gegründet. Vor mehr als fünf Jahren übernahmen Sie die Leitung. Wie geht es dem Verlag im Jubiläumsjahr?
Das mit dem Jubiläum haben wir noch gar nicht bemerkt. Aber vielleicht kann man da noch etwas in der Adventszeit machen. Ja, dem Verlag geht es sehr viel besser, als ich es mir habe vorstellen können. Ich erachte das als ein kleines Wunder, weil die Unabhängigkeit, vor allem heutzutage, so etwas Seltenes und Teures ist. In unserer Familie, aber auch im Verlag war es immer wichtig, dass man sich so gibt, wie man ist, und so spricht, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Einem Konzern anzugehören, können wir uns bei Diogenes eigentlich nicht vorstellen.

Aber der Buchmarkt ist schwieriger geworden?
So wie die Buchwelt einmal war, ist sie nicht mehr. Das merkt jeder. Natürlich wäre es angenehmer gewesen, hätte ich in den „goldenen Jahren“ – sie begannen ja ausgerechnet 1997, als es mit dem Internet so richtig losging, und dauerten an bis 2006 – als Verleger starten können.

Was hat das Internet mit der Krise des Buchmarkts zu tun?
Die Menschen haben verlernt, sich zu konzentrieren. Auch ist bewiesen, dass wir uns nicht mehr so gut in Themen vertiefen können. Wir haben bestimmt viel an Fantasie und Sehnsucht verloren. Überhaupt sind wir in unserem Denken und Handeln furchtbar praktisch geworden. Schade, dass wir nicht so praktisch sind und erkennen, dass Lesen für den Geist äußerst gesund ist. Darüber sollte man am Frühstückstisch sprechen. Das Buch konkurriert mit dem Smartphone und zieht natürlich den Kürzeren, weil man beim Lesen nicht gleichzeitig einen Flug buchen oder einen neuen Freund auf Facebook finden kann. Lesen sollte aber keine Herausforderung sein, sondern die beste Medizin für ein paar entspannte Stunden.

Das drückt sich auch in gesunkenen Auflagenzahlen aus?
Absolut. Es ist gar nicht anders möglich, es werden weniger Bücher gelesen. Das sage ich nicht aus einem Pessimismus heraus, zumal ich ein Optimist bin, auch wenn ich gerne jammere. Wenn Menschen mir erzählen, dass sie keine Zeit haben zum Lesen, aber regelmäßig Bücher kaufen, freue ich mich genauso. Bücher machen auch einen guten Eindruck, wenn man sie nicht liest.

Wie reagiert man als Verlag auf die Krise?
Man muss klug und flink sein und mit unkonventionellen und erfrischenden Methoden versuchen, das scheinbar schwierige Produkt Buch auch an jüngere Leser zu bringen – die sehe ich immer nur im Club. Hinzu kommt, dass man dem Leser nicht nur das Buch präsentieren muss, sondern auch den Geist und die Persönlichkeit dahinter. Noch in den 70er Jahren war jede Lesung eine Qual für Autor und Veranstalter, denn man musste hoffen und zittern, dass überhaupt jemand vorbeikommt.

Die Autorenpflege ist in Ihrem Haus intensiv ausgeprägt ...
Natürlich, Autoren und Künstler sind anspruchsvolle Wesen. Kontinuität und Humor sind dabei ganz wichtig für uns. Wir möchten einen Autor, den wir zu Diogenes an Bord holen, so lange wie möglich begleiten. Da kommen vor allem unsere Lektorinnen ins Spiel – der Verleger klingt auch wichtig, aber sie sind es, die unsere Autoren mit all ihrer Leidenschaft betreuen.
Gehört es bei Diogenes also zum Markenkern, dass man den Autoren die Treue hält?
Es ist die Tradition unseres Hauses, die auch früh von meinem Vater geprägt wurde, nämlich an kurzfristigen Beziehungen nicht interessiert zu sein.

Jetzt gibt es bei Ihnen einige Neuzugänge ...
Das stimmt, seit ich Verleger bin, haben wir fast 60 neue Autorinnen und Autoren gefunden, darunter auch ein paar großartige deutschsprachige. Ich war mir zuvor nicht sicher, dass mir das gelingen würde. Dabei geht es auch immer um eine Dramaturgie des Erzählens, die uns entspricht. Wenn ich in einem Manuskript einen Stil entdecke, der mir gefällt, dann passt das auch meistens zu dem Menschen, der den Text geschrieben hat. Es ist ein bisschen wie bei einem Memory-Spiel: Wenn die Karten zusammenpassen, haben wir meistens einen neuen Anthony McCarten.

Können Sie den Diogenes-Stil genauer beschreiben?
Er ist nicht bierernst, nicht manieriert, nicht ums Verrecken literarisch. Unsere Autoren sind Talente, die wirklich erzählen können. Das kann man nicht lernen – genauso, wie man nicht lernen kann, musikalisch zu sein oder eine Leidenschaft zu haben. Unser Credo war schon immer: Diogenes-Bücher sind weniger langweilig.
Sie sind auch als Künstler bekannt. Dabei lassen Sie sich etwa für Ihre Fotografien viel Zeit im Labor. Aber im Verlagsalltag ist doch gewiss ein anderes Tempo gefragt, oder?
Künstler brauchen tatsächlich viel Zeit zum Nachdenken und Zweifeln. Diese Zeit ist mir verloren gegangen. Doch ich sehe meine Kunst trotzdem wachsen, seit ich die Verlagsaufgabe übernommen habe, vielleicht sogar stärker als früher. Literatur und Kunst nähren sich gegenseitig überraschend gut.

Was bedeutet das für die Verlagsarbeit?
Ich neige dazu, die Gespräche im Verlag in einer gemütlichen Art zu führen. Gleichwohl entspricht ein Tag im Büro einer Woche Arbeit in jener früheren Zeit, als ich noch nicht Verleger war. Es ist ein bisschen so wie im Zirkus, in dem chinesische Akrobaten immer wieder an den Stangen rütteln müssen, damit die Teller oben bleiben. Wenn ich im Atelier bin und male, ist das Zeitgefühl ein ganz anderes.

Sie selbst haben einmal ein Fragebuch veröffentlicht, das sehr erfolgreich geworden ist: „All About Me“. Das erscheint jetzt in neuer Übersetzung aus dem Englischen in Ihrem Verlag. Was ist in dem Band die wichtigste Frage?
An diese Frage kann ich mich nicht erinnern (lächelt). Was soll ich sagen, vielleicht diese: „Was kannst Du und was kannst Du nicht?“ Und, wenn Sie mir eine zweite erlauben: „Was willst Du und was willst Du nicht mehr?“ Wer das spontan beantwortet, erfährt eine ganze Menge über sich. Legen Sie es Ihrer Familie und Ihren Freunden unter den Weihnachtsbaum und schauen Sie, was passiert.

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