Buchkritik "Die großen Pianisten"

Buch der guten Gründe

Jürgen Otten beschreibt "Die großen Pianisten". Die Systematik des Buchs ergibt sich aus seinem Vorgehen, nicht aus übergeordneten logischen Zwangsgründen; die Folge der Kapitel ist assoziativ, nicht zwingend. Von Hans Jürgen Linke

Von Hans Jürgen Linke

Nun ist "Größe" nicht unbedingt eine unangreifbare analytische Kategorie zur Beschreibung eines Künstlers, es ist eher eine subjektive und intersubjektive Zumessung von heuristischem Wert, die allenthalben aussagekräftig verwendet wird, möglicherweise jedes Mal anders konnotiert. Jedenfalls ist es kein Wort, hinter dem man ein ungesichertes Urteil verstecken könnte, allenfalls eines, das einen gewissen Mut signalisiert, nach dem die Absicherung beginnen muss.

Und genau so geht Jürgen Otten in seinem Buch über die großen Pianisten der Gegenwart vor. Er beginnt, noch etwas vorsichtig, "Im Olymp" mit nun wirklich unumstrittenen Großen wie Leon Fleisher, Alfred Brendel, Martha Argerich und einem Dutzend anderen. Er beschreibt ihren Stil, ihre spezifischen Fähigkeiten und manchmal auch ihre Lücken, die Gründe ihrer Größe und Unumstrittenheit, und er ordnet und reflektiert dabei sein Handwerkszeug, das er beherrscht und kreativ anwendet.

Otten bevorzugt eine weniger apodiktische als empathische und werbend zum Nachvollziehen einladende Argumentationsweise, er klopft wie nebenher das eine oder andere fest und holt dann tief Luft und begibt sich mitten hinein ins Getümmel der zeitgenössischen Musikkritik. Denn Otten will nicht nur die Unbestreitbaren präsentieren, sondern auch durchaus die eine oder andere Überraschung anstoßen und Kontroverse eröffnen.

Sein Ton bleibt dabei freundlich und durchlässig. Er stanzt und meißelt keine Sätze, sondern achtet auf Klang, Rhythmus und Phrasierung sowie darauf, dass die Details Beachtung finden. Seine Sprache will eher verstanden als bewundert werden.

Die Systematik des Buchs ergibt sich aus seinem Vorgehen, nicht aus übergeordneten logischen Zwangsgründen; die Folge der Kapitel ist assoziativ, nicht zwingend. Jedes Pianisten-Porträt baut gleichermaßen auf den vorherigen auf und ist doch stets ein Einzelstück. Otten orientiert sich nicht am Mainstream, was man unter anderem daran erkennt, dass Hélène Grimaud, Martin Stadtfeld und sogar Lang Lang in seinem Buch fehlen. Dennoch waltet keine pure Willkür bei der Auswahl der berücksichtigten Künstler, sondern eine gut begründete Subjektivität.

Neben einer präzisen Wahrnehmung und einer wachen stilkritischen Einstellung zu Musik und Sprache lässt Otten immer wieder seine geradezu enzyklopädisch arrondierte Kompetenz erkennen. Und weil er immer wieder auch eine biegsame Freude am Gestus des Debattenbeitrags durchblicken lässt, ist sein Buch rundherum zu empfehlen.

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