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Auch die Motive der Postkarten, die Jerek Becker verschickte, waren sehenswert. Hier die Frontansicht der Karte vom 10.11.1982.

Jurek Becker

Das Buch ist ein Geschenk

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Jurek Becker war ein ganz besonderer Postkartenautor, wie die Sammlung "am Strand von Bochum ist allerhand los" es nahelegt, behutsam, bezaubernd, berührend.

Wird schon ankommen. Name, Postleitzahl, die Stadt. Aber keine Straße, als hätte die Stadt keine, immerhin die Hauptstadt, eine Großstadt. Kam aber an, die Karte, auch ohne Straßennamen. So dass es hieß: „Du unverhoffte Wendung“. So dass zu lesen war: „Du kühne Tat“. Oder auch: „Du milde Gabe“. Solche Karten waren ein Geschenk. 

Dafür galt es, dass sich der Schreibende kurz fasste. Auf eine Weise kurz, die heute, unter den Bedingungen von Twitter, befremdet. Für Jurek Becker war die Postkarte ein Kurzmitteilungsdienst, der wenige Raum darauf war ihm genug, um auf etwa nur vier Zeilen zu verblüffen: „Liebe Burgel, wir sind einem großen Schwindel auf die Schliche gekommen: es gibt auf Hawaii überhaupt keine Vulkane!“

Was beim Adressaten nicht selten ankam: Es ging dem Absender oft gut. Häufig durfte er deshalb auf Reisen gelassen sein, ausgelassen auch. Als ginge von der Karte ein besonderer Impuls aus, geh aus mein Herz, und suche Freud, aber ohne irgendeinen religiösen Zinnober. Ja, er meinte es so, wenn er schrieb „Du olles Herzblatt“, in Gegenwart der Frau an eine offenbar andere Frau. Herzlich war er sowieso. Manchmal war er aufgekratzt, sittlich unreif, auch albern. Er war ein Postkartenautor, wie man ihn aus seinen Büchern nicht unbedingt kannte.

Dass Jurek Becker ein auch heiterer Autor war, hat seine Leserschaft recht spät erfahren, als sie den Drehbuchautor kennenlernte, den Verfasser der Serie „Liebling Kreuzberg“. Doch schon im geteilten Deutschland hatte man zusehen können, wie sich der DDR-Bürger, trotz der Zumutungen seines Staates, trotz Drangsalierungen und Bespitzelungen, dem Verdruss widersetzte. Für die Kapitulation, auf die es die Diktatur anlegte, war er nicht zu haben. 
Hunderte Postkarten schrieb Jurek Becker im Laufe von 20 Jahren, eine Auswahl an seinen Sohn Jonathan wurde bereits 2004 veröffentlicht. Hier, zwischen Buchdeckeln versammelt, sind es fast 400, die erste ging am 15. Mai 1978 an die geliebten Krugs, Ottilie und Manfred. Zu dem Zeitpunkt lebte der ehemalige Bürger der DDR in West-Berlin, versehen mit einem auf zwei Jahre ausgestellten Visum. 1978 erschien Beckers vierter Roman, „Schlaflose Tage“. Die Amerikafahrt, die er unternahm, diente auch dem Abstandnehmen. Was nicht in jedem Fall gelang, nicht einmal an den Niagarafällen, wo er mal eben den Krugs schrieb: „nun kann ich auch die Niagara-Fälle abhaken. Das Bild ist Sozialistischer Realismus.“ So komisch das klingt, so bestürzend war es dennoch. 

Die DDR und deren Literaturdoktrin holten den Autor auch in der Ferne ein. Drei Romane hatte der 1937 in Lodz geborene zu DDR-Zeiten veröffentlicht, angefangen mit dem bestürzenden, auch wegen seiner verzweifelten Komik so bestürzenden Ghetto-Roman „Jakob der Lügner“. Wer ihn las, hat ihn nicht mehr vergessen. Auch war der Roman alles andere als Sozialistischer Realismus. 

Mit Manfred Krug war er seit 1956 befreundet, sie waren damals Anfang 20. Andere Karten gehen an den Suhrkamp Verlag, an die legendäre Sekretärin Burgel Zeeh, an den legendären Verleger selbst, Siegfried Unseld, an die legendäre Lektorin Elisabeth Borchers. Becker schreibt den Kunerts, er schreibt seinen Kindern, der Mutter seiner Kinder, Christine. Adressiert sind sie an Mitmischer im Literaturbetrieb. Mitteilungen an den Geistesadel der DDR.

Die Karten, die fast alle in Berlin landen, kommen aus Bochum, vom Strand dort. Deshalb der herrliche Buchtitel: „Am Strand von Bochum ist allerhand los“. Was aus Briefkästen in Berlin herausgefischt wird, ist auch ansonsten allerlei, erstaunlich, vielfältig, verschickt wird es aus aller Welt, aus Neuseeland, Australien, Island oder Israel, aus Polen, Indien oder Brasilien. Für den „Spiegel“ besucht er 1988 die Olympischen Spiele in Seoul. Er reist auf dem Ticket des Goetheinstituts, Becker kam viel herum, Monte Carlo im Juni 89, Helsinki im September. Wieder mal Siseby im Oktober. 

Nur manchmal ein Hinweis auf sein Schicksal, das des Juden aus Polen: „Lieber Manfred, jetzt bin ich in Lublin am Rande Galiziens, wo ich möglicherweise einen größeren Teil meines Lebens verbracht hätte, wenn diese dumme Sache damals nicht passiert wäre.“ Die dumme Sache: der Überfall der Wehrmacht auf Polen, das Judenkind Jurek Becker war zwei Jahre alt. Aus Krakau die Karte vom 14.10.1994: „Die hohe Schule, die Goethe-Leute hier sind felsenfest davon überzeugt, daß ich nur deshalb nach Krakau gekommen bin, um Auschwitz zu besuchen. Es hilft alles nichts, morgen muß ich hin. Ich werde mir Mühe geben, Dich auf dem Laufenden zu halten. Dein verschossener J“. 

Was verbarg er hinter diesen Zeilen, ein Missverständnis ausgerechnet von Goethe-Leuten? Die Welt sehen. Mexiko City, aus Austin (Texas) eine Karte mit Ronald-Reagan-Konterfei in die German Dem. Republic. Bekam der Briefträger wohl Stielaugen? Die Karte als Medium fröhlicher Subversion. Als Verlockung, um das Briefgeheimnis auf die Probe zu stellen. „Lieber Lonni“ - und wir lesen das heute mit. 

Die DDR machte ihrem Bürger das Leben schwer. Becker war weniger ein exzentrischer Oppositioneller, wohl aber Enfant terrible, entschiedener Freigeist. Jurek Becker im Westfernsehen, da kam immer etwas ungeheuer Vertrauenswürdiges rüber. Ein Nichtabfindenwollen mit der DDR-Wirklichkeit, bei aller Trauer und Verzweiflung ein trotziges Dennoch. Er konnte ungemein dialektisch argumentieren, aber er war keiner dieser gerissenen Rabulisten, wie A oder B. Er kam nicht schlau daher, wie X oder Y, Becker war durch seinen Humor klug beraten. Aus seinem Bürgersinn sprach ein bürgerlicher Gerechtigkeitssinn, der verbleibende sozialistische Hoffnungsschimmer war bohèmehaft getönt, und wie er singend sprach, ging er stillschweigend über seine erotische Wirkung hinweg. 

„Du toller Einfall, Es hat ja wirklich keinen Sinn noch ein Geheimnis draus zu machen, daß ich Dir so verfallen bin, daß schon die Hühner lachen. Verfalle mir doch bitte auch, am besten auf der Stelle. Ich steht schon lange auf dem Schlauch und leide unter dem Gefälle.“ Das lässt sich gereimt lesen, als Gedicht einer eminenten Liebe, anzüglich auch. 

Gestochene Formulierungen, wie aus dem Stegreif. Kunststückchen, Seiltänzeleien, kleine Salti, für seine Nächsten Jurek en miniature, für die Buchlesergemeinde jetzt ein komprimierter Jakobton. Gegen den Kitsch feit die Komik, gegen falsches Pathos der Humor. „Weißt Du, wie Israel ohne Dich ist? Wie ein Fenster ohne draußen. Oder wie eine Straße wohin.“ Dann, im nächsten Satz, im Anschluss an die existentielle Not, eine biblische Metapher: „Oder wie ein Trinken ohne Durst.“ Als wäre der Ernst nicht auszuhalten, folgt der Satz: „Oder wie eine Suppe ohne Handtuch. Schon wieder Quatsch.“ Nur das? Schlau sollen auch wir heute aus dem Autor nicht werden und nie. 

Die Postkarte ist noch nicht ausgestorben, aber die versammelten Dokumente sind doch schon auch wie ein Nekrolog. Wie kostbar die Botschaften Beckers waren, müssen die Angeschriebenen von Anfang an bemerkt haben – wären sie sonst aufbewahrt worden wie ein Schatz, nicht alle, vieles ging verloren, aber doch 950 Nachrichten aus aller Welt sind noch da. Christine Becker, kaum verheiratet, lernte umgehend die Postkartenpassion ihres Mannes kennen und reimte (wie man aus einem anderen Buch weiß): „Jurek hat ’nen Sonnebrand/vom vielen Stehn am Kartenstand“.

Christine Becker, die von 1986 an mit Jurek Becker verheiratet war, hat das Kartenwerk jetzt zusammengestellt und mit aller gebotenen Bescheidenheit der Unterhaltung zugeordnet. Oft ist es ein Poststempel, der die Mitteilungen in die chronologisch unanfechtbare Reihenfolge brachte, im Buch dann auf jeweils einer Seite nach der anderen, mit Faksimile und Transkription, buchstabengetreuer Wiedergabe, stillschweigender Korrektur. 

Der gedruckte Zeilenumbruch wie handschriftlich, und es ist eine manierliche Handschrift. Kein Gekrakel, als wäre Becker wohl klar gewesen, dass er seine kurzweiligen Botschaften auch an eine Nachwelt adressierte. Liebeserklärungen großer Autoren müssen keine Literatur sein, um große Liebeserklärungen zu sein. Wenn sie den Ton treffen, ist es gut. 

Alles ist gemacht mit Bedacht. Zu den Briefmarken ist zu sagen, dass er sehr stark die Frauenserien der Deutschen Bundespost favorisierte. Im Inlandsverkehr der Post frankierte er mit Maria Sibylla Merian, immer wieder befeuchtete er deren Kehrseite, auch die von Clara Schumann oder Paula Modersohn-Becker. Ganz eindeutig überfrankierte er mit Therese Giehse. 
Was er aus der Hand gab, war äußerst behutsam vorbereitet. Maler haben mit Vorzeichnungen gearbeitet, daraus sind Bilder hervorgegangen. Becker konzipierte viel am heimischen Schreibtisch, seine Postkartenprosa formulierte er in Schulheften vor, probierte Formulierungen. Denn Schreiben tut man nicht mal eben so. Was das heißt? Sich die Anstrengung nicht anmerken lassen. Es ist in der Liebe wie mit dem Sport und beim Sport wohl auch wie mit dem Schreiben: „Nichts von frisch und locker durchs Ziel laufen, aber was willst Du tun, die letzten Scheiß-50 Meter gehören dazu.“

Die tödliche Krankheit holte ihn ein, keine 60. Doch der Krebs wird projiziert auf „Liebling“, den enorm selbstbewusst im Leben stehenden Anwalt aus Berlin-Kreuzberg, einen Pragmatiker und Lebenskünstler, beliebt bei den Frauen, beschenkt mit Bärenruhe, Bärbeißigkeit, sozialem Realismus. 

Einen solchen Kerl also, seine geliebte Figur, schickte der Drehbuchautor „zum Arzt, und es stellt sich heraus, daß er Krebs hat. Er gerät an den berühmten Professor Poularde“, so der Kartengruß vom „Serienkönig J“ vom 4.8.1996. 

„Warum soll man nicht auch mal eine Geschichte aus dem wahren Leben erzählen?“, schrieb Becker. Ein Jahr später, vergeblich die Behandlung des Onkologen, stirbt Jurek Becker an Darmkrebs. 

Dieses Buch ist ein Geschenk. Allein wegen einer Anrede wie „Du dickes Ende“, einer wie so oft zärtlichen Liebeserklärung an seine Frau, möchte man es umarmen. 

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